Jan Hofers letzte »Tagesschau« Krawatte ab, Bürde weg

Die Sprecherinnen und Sprecher der »Tagesschau« sind Dienstleister, keine Stars. Normalerweise. Doch beim Abschied des langjährigen Chefsprechers Jan Hofer wurde es ein bisschen feierlich.
Jan Hofer bei seinem letzten Auftritt als »Tagesschau«-Sprecher: Die Krawatte nahm er ab wie eine Bürde

Jan Hofer bei seinem letzten Auftritt als »Tagesschau«-Sprecher: Die Krawatte nahm er ab wie eine Bürde

Foto: -- / dpa

Am Ende war es eine theatrale Geste, mit eleganter Beiläufigkeit ausgeführt, mit sich der dienstälteste Nachrichtensprecher nach 35 Jahren bei der »Tagesschau« würdig verabschiedete. Er nahm, noch während er sprach, seine pinke Krawatte ab.

Seit Jahrzehnten ist die »Tagesschau« im Fernsehen, was seit Jahrhunderten das Angelusläuten der Kirchenglocken war. Zäsur und Schwelle zum Abend, wenn das Tagwerk getan ist.

Wenige Institutionen gibt es, denen die Zeitläufe so wenig anhaben kann wie jene Sendung, die über die Zeitläufte berichtet. Ihr eigentliches Element ist die Konstanz, wie auch Hofer sie verkörperte. 1985 kam er vom Saarländischen Rundfunk zur »Tagesschau«, da war er 33 Jahre alt.

Anfangs galt Hofer als »Konfirmand«

Entdeckt hatte ihn Werner Veigel, im Kreis der Altgedienten Karl-Heinz Köpke, Dagmar Berghoff oder Jo Brauner, den er erst 2004 als Chefsprecher ablösen sollte, galt Hofer damals als »Konfirmand«.  Er berichtete über Boris Beckers Sieg in Wimbledon 1985, vom Mauerfall und den Terroranschlägen auf das World Trade Center 2001.

Idealerweise spendet der Nachrichtensprecher das klare Wasser der reinen Neuigkeit. Keine Meinung – weder als hochgezogene Augenbraue, noch als stimmliche Eintrübung. Der Kommentar ist ihm untersagt. Er hat im Grunde ein weißes Blatt Papier zu sein, das jeden Abend ab 20 Uhr für eine Viertelstunde damit beschriftet wird, was so passiert – um am folgenden Tag wieder leer und weiß zu sein.

Mit seiner Integrität und Neutralität steht und fällt die Institution. Wer höher hinaus will oder seitlich nach anderen Engagements sucht, ist im Grunde fehl am Platz. Hofer hat früh Satire gemacht, den Eurovision Song Contest kommentiert und Talkshows geleitet – der präsidialen Aura des »Tagesschau«-Sprechers konnte das nichts anhaben.

Dienstleister, kein Star

Die Nebenbeschäftigungen sind der Zuverdienst eines Angestellten, mehr nicht. Der Sprecher der »Tagesschau« ist Dienstleister, kein Star. Aufregungen finden nicht statt. Und wenn, müssen sie mühsam fabriziert werden. So trug Hofer einmal vor einem Fußballspiel zwischen Argentinien und Deutschland eine hellblaue Krawatte, die Farbe der Südamerikaner.

Erst 2019 blieb nach einer Sendung versehentlich das Mikrofon eingeschaltet, sodass man einem Gespräch zwischen Claus-Erich Boetzkes und Hofer lauschen konnte. Nach einigem Gefrotzel über die kolossalen Summen, die Nachrichtensprecher verdienen, raunt Hofer, er habe vorgestern eine Neubewertung seiner Immobilien bekommen, von der Bank. Die seien inzwischen »das Dreifache wert«, flüstert er. Es klingt wie ein Sketch.

Boetzkes: »Und? Warum arbeitest du hier noch, Alter? Warum?« Hofer: »Weiß ich auch nicht.« – »Nur weil du Spaß hast!« – »Ja, da ist was dran…«

Seine letzte Sendung leitete er (»Guten Abend, meine Damen und Herren«) mit einem Lächeln ein, das vielleicht etwas intensiver war als sonst. Nach dem Tagesgeschäft aus hartem Lockdown, Steinmeier, 16.362 Neuinfektionen, Countdown im Weihnachtsgeschäft, Einzelhandel, Schulschließungen, ersten Impfungen in den USA und Kanada, CDU-Kandidatenkür, Biden, Nawalny, Fußball und Handball – wurde er, noch vor dem Wetter, für knapp eine Minute selbst zur Nachricht.

Jens Riewa erklärte, dass »im deutschen Fernsehen heute eine Ära zu Ende geht«, und moderierte einen launigen Zusammenschnitt der vergangenen 35 Jahre an. NDR-Intendant Joachim Knuth pries den Scheidenden als »verlässlichen Begleiter«. Vermutlich war er wirklich ein Klassiker, einer der Letzten seiner Art. Kein Charakterkopf, ein verlässlich verwechselbarer Jedermann mit dem Charme eines unbestechlichen Sachbearbeiters der vierten Gewalt.

Die Krawatte nahm er ab wie eine Bürde. Auch das schien ihm deutlich Spaß gemacht zu haben.

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