"Rampensau"-Star Jasna Fritzi Bauer wird "Tatort"-Kommissarin

Jung, modern und europäisch - das ist der neue Bremen-"Tatort". Jasna Fritzi Bauer bildet mit Luise Wolfram und dem Dänen Dar Salim das neue Team. Zum Auftakt gibt es eine Mockumentary.

Stefan Erhard/ TVNOW

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Momentan flucht, säuft und pöbelt sie sich bei der privaten Konkurrenz als Undercover-Ermittlerin durch einen Einsatz auf einem Gymnasium. "Rampensau" bei Vox ist eine wunderbare One-Woman-Show, in der Jasna Fritzi Bauer mit zum Teil schmerzhafter Selbstironie mit ihrem Ruf als brutalstes Babyface der deutschen Theaterszene spielt.

Nun wird die Schauspielerin "Tatort"-Kommissarin in Bremen. Sie soll dabei bewusst gegen ihr bei Auftritten an der Berliner Volksbühne oder am Wiener Burgtheater erworbenes Wüterich-Image eingesetzt werden, als Teil eines Teams von drei gleichberechtigten jungen Ermittlern: Neben Bauer werden künftig der dänische Schauspieler Dar Salim und die Schauspielerin Luise Wolfram die Untersuchungen auf dem Bremer TV-Revier vorantreiben.

Salim, geboren im Irak, ist einer der markantesten jungen Köpfe der europäischen Fernsehszene. Er wirkte zum Beispiel bei der dänischen High-End-Serie "Die Brücke" mit, aber auch in der deutschen Radikal-Comedy "Jerks". Schon 2014 hatte er einen Auftritt beim Bremer "Tatort" in der Episode "Brüder".

Salims Kollegin Wolfram ist bereits länger mit dem Weser-Revier verbandelt: Sie spielt dort seit 2016 die autistisch veranlagte BKA-Ermittlerin Linda Selb, die eine ziemlich interessante On/Off-Affäre mit dem Kollegen Stedefreund unterhielt. Wolfram wird weiter in der etablierten Selb-Rolle auftreten und sie noch weiter ausbauen.

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"Tatort"-Team: Die Neuen für Bremen

Auch dank ihr wird das neue Bremer Team das jüngste im "Tatort"-Verbund sein. Bauer ist 30 Jahre alt, Wolfram 32, Salim 42. Bis die drei in Rente gehen müssten, haben sie theoretisch also viel Zeit. Das Vorgänger-Team von Sabine Postel als Kommissarin Lürsen und Oliver Mommsen als Kommissar Stedefreund war eines der stabilsten innerhalb der Krimi-Reihe. Postel war insgesamt in 39 Fällen zu sehen, Stedefreund in 35. Im April gaben die beiden ihre Abschiedsvorstellung.

Zum Auftakt eine Mockumentary

Routine und Experiment gingen beim "Tatort" aus Bremen immer Hand in Hand. Unter der verantwortlichen Redakteurin Annette Strelow wurden oft Folgen entwickelt, die ihrer Zeit weit voraus waren:

  • Zum Beispiel "Echolot" (2016), der einzige "Tatort", in dem für das Thema Künstliche Intelligenz eine halbwegs bündige Erzählform gefunden wurde.
  • Aber auch "Scheherazade" (2005), wo erstmals schlüssig im deutschen Fernsehen die neuen Verunsicherungen nach 9/11 thematisiert worden sind
  • oder "Der illegale Tod", wo man bereits 2011 auf frappierende Migrationsbewegungen aus der Perspektive einer Frontex-Mission aufmerksam machte.

"Scheherazade" und "Der illegale Tod" waren von Drehbuchautor Christian Jeltsch geschrieben worden; er war nun auch bei der Entwicklung der neuen Figuren involviert. Es wird weiterhin zwei Fälle pro Jahr aus Bremen geben, die Dreharbeiten zum ersten mit dem neuen Team beginnen im Herbst 2020.

Zuvor drehen Bauer, Salim und Wolfram aber noch eine Mockumentary über drei junge Schauspieler, die auf einmal "Tatort"-Kommissare werden. Der kleine Sechsteiler wird im neuen Streaming-Portal der ARD (formerly known as Mediathek) zu sehen sein, mit dem der Senderverbund in Zukunft ein digital organisiertes Publikum erreichen will. So gesehen ist das neue "Tatort"-Team zentral bei dem Versuch der ARD, jünger, beweglicher und zeitrelevanter zu werden.

insgesamt 5 Beiträge
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sternenguckerle 03.12.2019
1. Lürsen und Stedefreund
Ich werde Lürsen und Stedefreund weiterhin vermissen. Die beiden waren ein tolles Ermittlerteam, gerade wegen des Altersunterschiedes. Und auch der linke Aspekt in den Lebensläufen der beiden war eine wohltuende Alternative zu den ansonsten eher uncharismatischen Figuren in den meisten Tatorten.
nadennmallos 03.12.2019
2. Viele Kommissarinnen im Tatort sind mir alle zu "unglaubhaft, auch ...
... bei den Bremern werd' ich die Lürsen und ihre Authentizität vermissen. Diese neue Milchgesichter-Lastigkeit, die beim Dreh die Harten, Entschlossenen mimen, tja, die überzeugen nicht wirklich. Aber: Jeder muss seine Chance bekommen, vielleicht liege ich ja falsch.
belenenses2000 03.12.2019
3. Jasna Fritzi Bauer als Kommissarin - Finde ich sehr interessant
Als ich sie zum ersten Mal sah, gab sie eine vom Tourette-Syndrom geplagte Teenagerin. Ich fand's sehr überzeugend, habe auch gleich den Namen gegoogelt und mir gewünscht, öfters mal was mit ihr in einer Rolle zu sehen zu bekommen. Es wurden bis jetzt mehrere Filme, in denen sie meiner Meinung nach jedesmal überzeugte. Ich freue mich jedenfalls für sie, dass sie diese Rolle im Tatort bekommt. Warten wir's doch einfach mal ab, wie diese neue Kommissarin ermitteln soll - vielleicht gelingt es Bremen ja, mit Jasna Fritzi Bauer einen ganz neuen Typ Kommissarin zu etablieren.
karldhammer 03.12.2019
4. Mockumentary
Ich muß gestehen, daß ich den Begriff erstmal "googlen" mußte, um zu wissen, was er mir sagen soll; aber jetzt weiß ich, daß diese junge Frau eine Parodie auf eine echte Kriminalbeamtin darstellt. Ich werde mir diese "Mockumentary"eines echten Krimis nicht anschauen. Das Gute daran ist, mein Wortschatz wurde wieder einmal durch einen gaaaanz wichtigen Begriff erweitert, danke dafür.
Dramaturgen-Frau 03.12.2019
5. 180-Grad-Wende in Bremen und ein Wermutstropfen
Jasna Fritzi Bauer ist der Knaller! Ich hoffe nur, dass sie dann nicht diese 08/15-Drehbücher vorgesetzt bekommt, mit denen die bisherige Bäckereifachverkäuferin schon überfordert war. Ich selbst hätte die Konstellation genau anders herum angelegt: Luise Wolfram als führende Kommissarin und Bauer als unterrangige Kollegin. Aber dem stand wohl die Kraft der Darstellung (Bauer) bzw. die nicht vorhandene Kraft der Darstellung (Wolfram) entgegen. Dass das männliche Feigenblatt der neuen Konstellation von einem Iraker gespielt werden muss, ist wohl den sattsam und seit Jahrzehnten verkommenen Strukturen des Stadtstaates Bremen und jenen seines Senders geschuldet. Das wäre nicht nötig gewesen, zeigt aber, dass es bezüglich pädagogisierendem Impetus insbesondere nach der Zusammenrottung des neuen Bremer Senats weiter gehen wird wie bisher. Dennoch ist diese Konstellation Bauer-Wolfram ein trefflicher Anlass nach unendlich langer Zeit in ein, zwei Jahren, wenn der Bremer Tatort wieder auf Sendung geht, diesen nach jahrelanger Abstinenz wieder einzuschalten.
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