Wahl-Talk bei Jauch "Lieber Philipp"

Die Besetzung bei Jauch war hochkarätig, aber die Elefanten wirkten müde. Noch-FDP-Chef Rösler wich aus, reihte Textbausteine aneinander. Ursula von der Leyen gab sich mitfühlend und besorgt. Und kurz vor Schluss sagte Sigmar Gabriel doch noch etwas Bemerkenswertes.

Von der Leyen, Rösler bei Jauch: Weite Bögen von Düsseldorf bis Athen
DPA

Von der Leyen, Rösler bei Jauch: Weite Bögen von Düsseldorf bis Athen


"Ehrlich gesagt, ich bin richtig froh, dass der Röttgen das versiebt hat", sagt eine strahlende Ursula von der Leyen. "Mir kann das schließlich nur recht sein, wenn Muttis Bester sich selbst aus dem Weg räumt."

Philipp Rösler wirkt etwas verstört und stammelt: "Wir, also die FDP, ich meine, ich, wir haben da leider ein Problem. Das heißt, genau genommen sind es sogar zwei, erst der Kubicki und nun dieser Lindner. Das wird allmählich eng für uns, also für mich."

"Was soll ich da erst sagen?", entfährt es Sigmar Gabriel. "Jetzt muss ich mich auch noch mit der Kraft herumärgern, als hätte ich mit Steinmeier und Steinbrück nicht schon genug Stress."

Jürgen Trittin verdreht die Augen und murmelt lediglich: "Ich könnte was über die Künast sagen, aber ich verkneif's mir."

So wurde natürlich nicht gesprochen bei Günther Jauch. Aber man ertappte sich als Zuschauer mehr als einmal bei dem stillen Wunsch, diese Fiktion möge zumindest andeutungsweise Wirklichkeit werden, um das Ganze nicht derart hoffnungslos der Ödnis des vermeintlich pflichtgemäßen Phrasendruschs anheim fallen zu lassen.

Immerhin war es ja das politische Establishment auf etwa dem Level der sogenannten Elefantenrunden, das sich diesmal die Ehre gab. Doch womöglich lag genau dort das Problem. Keiner wollte etwas Falsches sagen, das am Ende eventuell durchaus richtig zu verstehen gewesen wäre. Und so redete man viel über vieles und schlug dabei sehr große, weite Bögen, von Düsseldorf bis Athen, von Kiel bis Madrid, von der nordrhein-westfälischen Schul- bis zur europäischen Schuldenpolitik und zu Monsieur Hollande - und sagte, mehr oder minder gemeinschaftlich handelnd, doch vergleichsweise wenig, was über die oberflächliche Offenkundigkeit des Wahlausgangs an Rhein und Ruhr hinausgegangen wäre.

Signal zur süffisanten Drohung

Dass Norbert Röttgen, der stets als Kronprinz der Kanzlerin galt, als Landtagswahlkämpfer ganz persönlich gescheitert ist, weil er genau das vermissen ließ, was die Siegerin Hannelore Kraft auszeichnete - nämlich die Kongruenz von politischem Inhalt und Glaubwürdigkeit -, versuchte nicht einmal die CDU-Vizechefin und Ministerin von der Leyen zu bemänteln.

Und sie setzte dabei eine derart mitfühlende, besorgte Miene auf, dass man fast vergessen hätte, dass ihr selbst seit langem Ambitionen auf das höchste Regierungsamt nachgesagt werden. Ansonsten gefiel sie sich in der Rolle der routinierten Verteidigerin der Politik ihrer Kanzlerin, mochten der Grünen-Fraktionschef und der SPD-Vorsitzende auch noch so genüsslich auf der Serie der von Schwarz-Gelb verlorenen Wahlen herumreiten und sich an der reanimierten rot-grünen Machtoption delektieren.

Selbstverständlich wollte von der Leyen nichts von einer Niederlage auch für Frau Merkel infolge des jüngsten CDU-Desasters wissen, wie Gabriel und Trittin sie diagnostizierten, oder gar von jener "neuen Strömung", die der SPD-Chef nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa entstehen sah. Mit umso größerer Inbrunst pries sie die Euro-Politik der Bundesregierung. Und damit auch niemand im Zweifel darüber blieb, wie wunderbar es trotz allem internen Zoff etwa um das Betreuungsgeld immer noch läuft, musste sie auch kurz mal den "lieben Philipp" direkt ansprechen.

Rösler sah sich von einem insgesamt eher lustlos agierenden Moderator mit der Frage konfrontiert, ob er denn angesichts der Wahlerfolge von Wolfgang Kubicki und insbesondere Christian Lindner und des damit wachsenden Drucks weiterhin an seinem Sessel klebe. Er gab aber darauf keine Antwort, sondern wartete mit allerlei Textbausteinen auf, die wohl den Eindruck suggerieren sollten, bei der FDP hätten "alle gemeinsam" gewonnen.

Als dann die Rede auf etwaige Ampelkoalitionen und eine Neujustierung der Partei in Richtung linksliberal kam, fiel ihm dazu nur ein, die FDP sei "ganz klar Mitte". Das war für Gabriel das Stichwort, um erstens kurz und knapp zu befinden, in ihrem aktuellen Zustand sei die FDP "nicht Mitte, sondern rechts", und zweitens eine süffisante Drohung loszuwerden: Demnächst werde er im Bundestag, ohne Quellenangabe, einmal Karl-Hermann Flach zitieren, den legendären Generalsekretär und Verfasser der Freiburger Thesen.

Zum Glück nicht Putin

Wenn es dann Buhrufe von den Liberalen gebe, sei klar, dass sie sich nicht geändert hätten. Gebe es Beifall, seien sie wieder koalitionsfähig. Rösler vernahm es schweigend.

Die eigentlich interessanteste Frage wurde dann gegen Ende der Sendung von Jauch auch noch gestellt, nämlich die, wie es denn nunmehr im Licht der gewonnenen NRW-Wahl bei den Sozialdemokraten um das Thema Kanzlerkandidatur bestellt sei. Hannelore Kraft hat ja bekanntlich mehrfach und mit Nachdruck betont, sie werde weiterhin in Düsseldorf bleiben. Dem steht nun seit gestern Abend die Äußerung des Parteichefs gegenüber, aufgrund ihrer Persönlichkeit und ihres Erfolgs gehöre sie "automatisch zum Kreis derer, die für Spitzenkandidaturen in Frage kommen".

Ein Wort, dessen Gewicht noch zu messen sein wird und das jedenfalls mehr Nachwirkungen haben dürfte als fast alles, was sonst noch gesagt wurde. Ganz kurz blitzte sogar noch etwas von jener Wahrhaftigkeit auf, um die es zuvor mehrfach zwar wortreich, aber relativ erkenntnisfrei gegangen war. Als Jauch erwähnte, Ex-Kanzler Gerhard Schröder habe sich für Peer Steinbrück starkgemacht, wurde Gabriel entlarvend sarkastisch: "Gut, dass es nicht Putin war." Er fügte dann noch hinzu, Schröder sei Mitglied der SPD und könne alles Mögliche sagen.

Übrigens: Trittin hat tatsächlich unfreundlich über Renate Künast gesprochen. Die hatte vorletzten Sonntag in ihrem Ärger über den Hype um die Piraten behauptet, auch sie sei "jederzeit erreichbar". Jauch teilte nun mit, man habe es seit Mittwoch vergeblich über Twitter und Facebook versucht. Trittin dazu: Es sei "natürlich ärgerlich, wenn man so was sieht."



insgesamt 118 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jujo 14.05.2012
1. ...
Zitat von sysopDPADie Besetzung bei Jauch war hochkarätig, aber die Elefanten wirkten müde. Noch-FDP-Chef Rösler wich aus, reihte Textbausteine aneinander. Ursula von der Leyen gab sich mitfühlend und besorgt. Und kurz vor Schluss sagte Sigmar Gabriel doch noch etwas Bemerkenswertes. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,832965,00.html
Nicht nur Herr Jauch ist ermattet, ich war es auch und habe nach 5 Minuten weggezappt, wie ich hier lese gab es nichts was das bleiben gelohnt hätte!
dummerjunge 14.05.2012
2.
"Der kleine Phillip wird gebeten sich am Info-Thresen zu melden, seine Eltern warten im Kinderparadies auf ihn."
guteronkel 14.05.2012
3. Elefantenrunde ?
Warum spricht man von Elefantenrunde, wenn der richtige Elefant, Gregor Gysi, nicht dabei ist. Hätte der vielleicht mal wieder kurz und bündig die Wahrheit gesagt? Hätte das einigen weh getan? Sicherlich, auch ein Jauch schaut nur auf die Quote.
daskänguru 14.05.2012
4. böse böse böse
Zitat von sysopDPADie Besetzung bei Jauch war hochkarätig, aber die Elefanten wirkten müde. Noch-FDP-Chef Rösler wich aus, reihte Textbausteine aneinander. Ursula von der Leyen gab sich mitfühlend und besorgt. Und kurz vor Schluss sagte Sigmar Gabriel doch noch etwas Bemerkenswertes. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,832965,00.html
Wirklich sehr böse vom SPON "Noch-FDP-Chef Rösler".
paulchen1234 14.05.2012
5.
Zitat von sysopDPADie Besetzung bei Jauch war hochkarätig, aber die Elefanten wirkten müde. Noch-FDP-Chef Rösler wich aus, reihte Textbausteine aneinander. Ursula von der Leyen gab sich mitfühlend und besorgt. Und kurz vor Schluss sagte Sigmar Gabriel doch noch etwas Bemerkenswertes. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,832965,00.html
In Wirklichkeit sagte er, dass sie . Das ist dann der Irrealis. Also ein erleichtertes Aufatmen, dass sie nicht nach Berlin will. Also keine Story. Also alles mal wieder nur vom SPIEGEL aufgebauscht. Ich sollte wohl aufhören, Online-Nachrichten zu lesen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.