Jauchs Jahresrückblick Die große Silikon-Frage

Da half auch keine Katzenberger: Günther Jauch, eigentlich der Großmeister des Fernsehjahresrückblicks, blieb mit seiner RTL-Show "2010! Menschen, Bilder, Emotionen" weit unter seinem bisherigen Niveau. Einziger Aufreger: die fürchterlichen Bühnendekos.

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Die Bühnenbildner des Jahresrückblicks "2010! Menschen, Bilder, Emotionen" hatten sich vor der Show wohl ein paar Hollywood-Schocker angesehen. Anders lässt sich nicht erklären, warum sie Günther Jauch und seine Talk-Gäste in reißerische Themendekos platzierten, die noch einmal auf die dramatischen Ereignisse des ausklingenden Jahres verwiesen. Auch eine Art, kaum verarbeitete Traumata neu aufzureißen.

So musste sich der chilenische Bergarbeiter Mario Sepúlveda, der 69 Tage lang 700 Meter unter der Erde ausgeharrt hatte, mit seiner Frau Elvira zwischen Felsbrocken hinhocken. Die Hallenbeleuchtung wurde ansprechend gedimmt; eine Lampe schien direkt ins Gesicht der chilenischen Gäste, und das Saalpublikum knipste hundertfach Lichter an, die zuvor ausgeteilt worden waren. Kleine Taschenlampe, brenn: So romantisch kann ein Grubenunglück sein.

Vollends zur Farce wurde die Stimmungsdeko im Studio schließlich, als der Rentner Dietrich Wagner, der bei einem Wasserwerfereinsatz während der Stuttgart-21-Proteste nahezu vollständig erblindet ist und somit zur Symbolfigur des Widerstands wurde, seine Version der Ereignisse zu erzählen versuchte. Es gibt ja Stimmen, die behaupten, er habe während der Demo mit gefährlichen Wurfgeschossen hantiert; er selbst sagt, er habe ein paar Kastanien in der Hand gehabt. Die RTL-Bühnenbildner nahmen da ihre ganz eigene Deutung vor - und platzierten ihn zwischen Wutbürgertransparenten und Pflastersteinen.

Eigentlich ist die Jauch-Retrospektive ja das Highlight der Fernsehjahresrückblicke, die er in immer schärferer Konkurrenz zu Johannes B. Kerner und Thomas Gottschalk betreibt. Er sendet live, hat meist die spektakulärsten Gäste und stellt dann auch noch bei aller Aufgeregtheit die eine oder andere interessante Frage. Das war dieses Jahr anders, und so kommt man nicht um die Vermutung herum, dass die Verantwortlichen mit der überambitionierten Studioausstattung fehlende Attraktionen wettmachen wollten.

Wo verbringt Westerwelle Weihnachten?

Ausgerechnet Kerner auf seinem abgeschlagenen Sendeplatz bei Sat.1 hatte mit seinem Jahresrückblick am Donnerstag kräftig aufgeholt - was auch an den Gästen lag, die seine Redaktion schon über die letzten elf Monate angeworben hatte. Das Jahresrückblicksgeschäft ist ja immer härter geworden; über Erfolg oder Misserfolg entscheidet auch, wie schnell man nach Jubelereignissen und Trauerfeiern Zeitgeschichtszeugen vertraglich an sich bindet.

Und da war die Sat.1-Mannschaft der von RTL weit voraus: Wo Kerner gleich das während des Grubenunglücks geborene Baby eines geretteten chilenischen Bergarbeiters präsentierte, da konnte Jauch seinem Sepúlveda nur mit größter Mühe das Versprechen abringen, endlich mal die kirchliche Trauung mit seiner bislang nur standesamtlich an ihn gebundenen Frau nachzuholen. Wo Kerner zur Love-Parade-Katastrophe den Unternehmer Rainer Schaller aus seinem Schweigen hervorlockte, um ihn mit Überlebenden der von ihm mitveranstalteten Unglücksparty zu konfrontieren, da arbeitete sich Jauch an zwei eher verschlossenen Zeugen ab.

Brillante Besetzungscoups hatte RTL auf immerhin dreieinhalb Stunden Sendezeit also nicht vorzuweisen. Wie gut, dass Jauch da gemeinhin der Einzige von den drei Jahresbilanzierern ist, der noch Fragen zu stellen versteht - dachte man zumindest noch zwischenzeitlich. Aber auch Jauchs Fragen liefen gestern fast allesamt ins Leere.

Guido Westerwelle etwa, der über sein an Höhe- und Tiefpunkten reiches Jahr Auskunft geben sollte, spulte routiniert sein Programm ab; und auch die hochaktuellen Maulwurf-Enthüllungen seines Parteibüros via WikiLeaks brachten ihn kaum ins Schwitzen. Was vielleicht auch daran lag, dass Jauch seinen ganzen investigativen Elan auf die brennende Frage konzentrierte, in welchem Badeort Westerwelle denn über Weihnachten Urlaub machen werde. Der wieherte darauf nur noch: "Wenn ich Ihnen sage, wo ich den Weihnachtsurlaub verbringe, kommen die Fotoreporter, und dann sehen Sie mich in der Zeitung in Badehose. Das wollen Sie nicht."

Ratlosigkeit bei der Silikon-Frage

Vollends wirkungslos prallten die Fragen und Einwände des Moderators schließlich an Thilo Sarrazin ab, der hier noch einmal seine biologistische Kulturkritik aus seinem Bestseller "Deutschland schafft sich ab" wiederholte und von Jauch unwidersprochen über die jüdische DNA dozierte. Ansonsten fuhr er die Augenlider in der gewohnten angetäuschten sarrazinschen Schlafhaltung auf halbmast. Der Mann ist wahrlich ein Medienphänomen; seit dem Schlagzeuger der NDW-Band Trio ("Da da da") hat wohl niemand mit so beschränktem Einsatz so wirkungsvoll für sich getrommelt.

Da passte es ins Bild, dass kurz nach seinem Auftritt die unvermeidliche Daniela Katzenberger ihren Auftritt hatte, die ja mit ähnlich minimalistischem Gesprächseinsatz dieses Jahr eine ähnlich phantastische Medienkarriere hingelegt hat. Ein bisschen ratlos saß Günther Jauch neben der Kollegin aus dem RTL-Senderverbund ("Natürlich blond") und fragte sie in einer barbie-rosafarbenen Schönheitssalon-Kulisse (noch ein Verbrechen der RTL-Bühnenbildner), ob sie mit jeweils 350 Gramm weniger Silikon links und rechts ebenso erfolgreich geworden wäre - was die Angesprochene offenbar nicht wirklich verstand.

Dieser bizarre Dialog zwischen Deutschlands beliebtestem Blondchen und Deutschlands beliebtestem Oberlehrer hielt durchaus tragikomische Highlights parat - war aber nicht wirklich neu. Die Medienkritiker vom Satiremagazin "Switch Reloaded" haben dieses Zusammentreffen schon längst in einer ihrer Sendungen vorweggenommen. Nicht mal hier war RTL also vorne.

Nur Deko, keine Dialoge: Günther Jauch, der trotz ARD-Verpflichtungen auch in Zukunft die Retro für RTL übernehmen will, muss aufpassen, dass sein Jahresrückblick in Zukunft nicht vollends eine Parodie seiner selbst wird.



insgesamt 60 Beiträge
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README.TXT 06.12.2010
1. Das ist dem Abgreifer Jauch sowas von egal
Hauptsache der Rubel rollt bei jeder Sendung ordentlich. Demnächst wird noch die ARD geplündert. Die nächste Weinbergfinanzierung ist gesichert.
Bre-Men, 06.12.2010
2. Jauch
Steht für nichts.
xysvenxy 06.12.2010
3. Eh zu früh
Es ist Anfang Dezember. Wie kann man da schon einen Jahresrücklblick machen? So etwas gehört in die Zeit zwischen Weihnachten und Sylvester oder an den Neujahrstag.
lofi, 06.12.2010
4. richtig, aber ...
Zitat von xysvenxyEs ist Anfang Dezember. Wie kann man da schon einen Jahresrücklblick machen? So etwas gehört in die Zeit zwischen Weihnachten und Sylvester oder an den Neujahrstag.
Im Prinzip haben Sie recht. Aber wie wollen Sie die eh schon überbezahlten Moderatoren in dieser Zeit zum Arbeiten zwingen???
mbschmid, 06.12.2010
5. Worüber regen sich Leute eigentlich auf
Ich zitiere aus dem Artikel: ---Zitat--- Vollends wirkungslos prallten die Fragen und Einwände des Moderators schließlich an Thilo Sarrazin ab, der hier noch mal einmal seine biologistische Kulturkritik aus seinem Bestseller "Deutschland schafft sich ab" wiederholte und von Jauch unwidersprochen über die jüdische DNA dozierte. ---Zitatende--- Dem Chritentum kann man beitreten. Der Papst würde sagen je mehr das tun um so besser. Jude werden ist dagegen nicht so einfach. Als Jude gilt wessen Mutter Jüdin ist. Auch eine Methode dafür zu sorgen, dass ein Volk, dass sich über ein Religion definiert nicht überfremdet. Ein sehr effiziente Methode sogar. Ist doch bei einem Kind immer sicher, wer die Mutter ist, wie es so schön heisst. Bleibt die Frage, ob dieses System gereicht hat, dass über die Jahrhunderte die verwandschaftlichen Verhältnisse bei den Juden so eng sind, dass man aus einer Genanalyse ableiten kann, wer Jude ist und wer nicht, ohne die Person zu kennen. Mal angenommen, das wäre so, hätte das allerdings nur akademischen Wert. Die Analyse könnte höchstens zeigen, wo sich die Vorfahren so rumgetrieben haben. Ein Aussage über den Mensch an sich macht das sicher nicht. Trotzdem könnte Herr Sarrazin mit seiner Aussage, so wie er sie gemacht hat recht behalten, auch wenn sie bedeutungslos ist. Er hätte aber netterweise sagen können, dass Deutschland schon mal versucht hat sich abzuschaffen und dem Ziel recht nahe gekommen ist. Das war damals, als man fast alle Juden umgebracht hat.
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