Zum Tod von Jessica Walter Grande Dame der Manipulation

Die große Rolle, dank der Jessica Walter im Gedächtnis bleiben wird, spielte sie spät: Die Comedyserie »Arrested Development« sezierte menschliche Selbstbesoffenheit – mit Walter als Queen der Egozentrik.
Ein Nachruf von Eva Thöne
Jessica Walter in der Finalstaffel von »Arrested Development« (2019): »Ich höre nichts, und ich werde nicht darauf eingehen«

Jessica Walter in der Finalstaffel von »Arrested Development« (2019): »Ich höre nichts, und ich werde nicht darauf eingehen«

Foto: Courtesy of Netflix / imago images/Everett Collection

Sie war rund fünf Jahrzehnte lang als Schauspielerin aktiv, unter anderem an der Seite von Clint Eastwood, für ihre Rolle in dem Rennfahrerfilm »Grand Prix« wurde sie für einen Golden Globe nominiert. Die größte Rolle von Jessica Walter, die jetzt im Alter von 80 Jahren gestorben ist – die, für die ein globalisiertes Serienpublikum sie heute kennt und schätzt –, war aber die der Unternehmerehefrau Lucille Bluth in Mitchell Hurwitz' Comedyserie »Arrested Development«.

Einer Serie, die nicht nur von Kritikern und Preisjurys, sondern auch von Fans so tief verehrt wurde, dass Netflix sie 2013, sieben Jahre nachdem »Arrested Development« nach drei Staffeln abgesetzt worden war, noch mal verlängerte und 2018 mit 16 neuen Folgen zum finalen Ende brachte.

Bevor es um Walters großen Auftritt dort geht, einmal zu dem Reiz von »Arrested Development«. Denn der passt gerade jetzt gut ins allgemeine Klima, wenn man so will: Im Grunde geht es um die Ausstellung kollektiver Nutzlosigkeit. Formal hat die Bluth-Familie permanente geschäftliche Schwierigkeiten, zu Beginn ging es um Fertighausdeals mit Saddam Hussein. Während der Vater (Jeffrey Tambor, der später wegen übergriffigem Verhalten ins Aus geriet) im Gefängnis sitzt, soll der als einzig funktionierendes Familienmitglied eingeführte Sohn Michael (Jason Bateman) den Laden zusammenhalten.

Aber eigentlich ist das auch alles eine Farce, Michael strebt genauso von einer Fehlleistung in die nächste: so wie sein großer Segway fahrender Nichtsnutzbruder Gob (Will Arnett), der als untalentierter Zauberer arbeitet, seine Schwester Lindsay, die sich mit Larifarihaftigkeit durch ihre kaputte Ehe und das Leben allgemein shoppt (Portia de Rossi), und sein kleiner Bruder Buster (Tony Hale), der offenbar nicht lebenstauglich und mit einem Ödipuskomplex beladen ist. Gemeinsam sind alle sozial inkompetent, kreisen nur um sich selbst und brauchen ständig Geld.

Ihre Selbstbezogenheit pflegte Lucille so stabil wie kein anderers Familienmitglied.

Jessica Walter spielte in diesem großartigen Schauspielerensemble die Mutter der Bagage, eine Grande Dame der Manipulation, die in ihrer eigenen Luxuswelt lebt und vielleicht gar über Leichen gehen würde, um diese zu bewahren. Ihre Lucille war wunderbar, immer gut gekleidet, perfekt manikürt und betrunken; auf die dezente Weise, dass sie stets ein Cocktailglas in der Hand hielt.

Lucille Bluth lieferte sich Eifersuchtsduelle um ihren Sohn Buster mit ihrer Nemesis und Nachbarin Lucille II (gespielt von einer anderen Grande Dame: Liza Minnelli). Liebe verteilte Lucille Bluth, falls überhaupt, nur kalkuliert. Bösartigkeiten, die sich oft nicht gut ins Deutsche übersetzen lassen, umso häufiger. Man kann sogar sagen, dass sie die besten Sprüche von allen abbekam. Über Buster sagte sie mal kontextlos in dessen Anwesenheit: »Jetzt weiß ich, was es ist: die Brille. Sie führt dazu, dass er aussieht wie eine Eidechse.«

Ihre Selbstbezogenheit pflegte Lucille so stabil wie kein anderes Familienmitglied, heute würde man sagen, sie war da sehr resilient. Es gibt eine Szene, in der ihr Sohn Michael mit jemand anderem über seine Beziehungsprobleme spricht: »Ich habe eben noch keinen getroffen, der nicht komplett von sich selbst eingenommen ist und mit dem es möglich ist, ein richtiges Gespräch zu führen.« Seine Mutter Lucille von der Seite: »Falls das eine subtile Kritik an mir sein soll: Ich höre nichts, und ich werde nicht darauf eingehen.«

Lucille Bluth mit ihrem Schwiegersohn Tobias Fünke (David Cross): »Inspirierendste Sitcom«

Lucille Bluth mit ihrem Schwiegersohn Tobias Fünke (David Cross): »Inspirierendste Sitcom«

Foto: Saeed Adyani/Netflix / imago/Cinema Publishers Collection

Walter trug so maßgeblich zu der die Serie prägenden Spielart hochintelligenten Humors in jüdischer Tradition bei, die sich aus ständigen Irrwegen speist, aus einem Missverstehen, Improvisieren und Verstolpern. In der letzten Neuauflage von »Arrested Development« 2018 wurde es zum Teil schwierig, dem Plot noch zu folgen, irgendwann wusste man als Zuschauerin nicht mehr, ob das noch irgendwie Sinn ergibt oder das Ganze jetzt wirklich total abhebt. Es ging um eine zu finanzierende Mauer zwischen den USA und Mexiko und um den mysteriösen Tod von Lucilles Konkurrentin Lucille II. Walter aber blieb immer verlässlich in ihrer Darstellung bösartiger Chanelhaftigkeit.

Auch in der Todesmeldung auf SPIEGEL.de wurde Walter als Golden-Globe-Gewinnerin gewürdigt, die bedeutende Rolle in »Arrested Development« kam nur am Rande vor. Ja: Die Serie war vor allem in den USA ein Ereignis, dort wird auch ihr großer Einfluss auf neuere Comedyformate wie »Community« oder »30 Rock« betont. Es zeigt sich aber auch einmal mehr, wie sich Popkultur immer weiter auffächert in Watch-Lebenswelten, in Geschmacksfarben und Zugänge zu ihnen; hier die eine Gruppe, die »etwas geguckt« hat, dort die andere.

»Arrested Development« sollten aber auf jeden Fall so viele wie möglich schauen: Die Serie ist so anspruchsvoll, dass man sich auf sie einlassen muss, man kann sie nicht bingen. Manche Anspielungen versteht man erst beim zweiten Mal, andere nie. Aber dass sie von Kritikern als »inspirierendste Sitcom«  der 2010er-Jahre bezeichnet wurde – das stimmt. Und dazu trug Jessica Walter maßgeblich bei.

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