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"Endlich wieder Arbeit": Frontlinie der Arbeitslosigkeit

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Jobsuche mit RTL Nachhilfe für die Schlaftablette

Was tun mit Leuten, deren Arbeitsplatz das heimische Sofa ist? RTL schickt in einem neuen Format einen Coach los, der mit harter Hand Arbeitslose fit für den Jobmarkt macht. So entstehen Einblicke in einen tristen Teil der deutschen Wirklichkeit, der in moralisierenden Großdebatten oft untergeht.
Von Reinhard Mohr

Die Deutschen lieben das lautstarke Debattieren über Grundsatzfragen, die sich irgendwann im Kleingedruckten verlieren. Bis zum nächsten Bohei.

Zuletzt hatte Guido Westerwelles Warnung vor "spätrömischen Verhältnissen" einen wochenlangen Streit um Worte ausgelöst, der schließlich bei der Frage landete, ob man Langzeitarbeitslose auch zum Schneeschippen einsetzen dürfe.

Vor allem aber geht es stets um zwei Pole, zwischen denen sich das diskursive Magnetfeld entwickelt: Auf der einen Seite die moralische Empörung über ungerechte Verhältnisse, auf der anderen Seite die Zwänge der Ökonomie, das liebe Geld. So ist es kein Wunder, dass Hartz IV zur Mutter aller politischen Auseinandersetzungen geworden ist. Denn hier scheint die moralisch sauberste und einfachste Lösung zugleich ökonomisch und finanziell mit Händen zu greifen: Mehr Geld für Hartz-IV-Empfänger!

Jobs für Menschen besorgen, die fast schon resigniert haben

Dass dies aber nicht unbedingt die klügste und effektivste Antwort wäre, zeigt ein neues Coaching-Format, das an diesem Sonntagabend um 19.05 Uhr ausgerechnet auf dem Privatsender RTL Premiere hat: "Endlich wieder Arbeit".

Begleitet von Fernsehkameras begibt sich der Psychologe und Jobcoach Jürgen Hesse, 58, tapfer an die Frontlinie der Arbeitslosigkeit. In zunächst drei Folgen besucht er drei verschiedene Familien und versucht ganz praktisch, jenen zu helfen, die sich alleine nicht mehr aus ihrer misslichen Situation befreien können.

Hesse, der 25 Jahre die Telefonseelsorge Berlin leitete und gemeinsam mit Hans Christian Schrader über 150 Ratgeber und Bücher zu den Themen Beruf, Bewerbung und Karriere veröffentlichte, darunter Titel wie "Zu jung für die Rente, zu alt für den Job", tritt dabei in die TV-Fußstapfen von Lars Naundorf. Der hatte vor gut zwei Jahren, ebenfalls bei RTL, unter dem Titel "Die Arbeitsbeschaffer" die gleiche Aufgabe übernommen: Endlich wieder Jobs für Menschen zu besorgen, die fast schon resigniert haben.

Bei der fünfköpfigen Familie Betzel aus Berlin-Tempelhof scheint das hehre Unterfangen allerdings zunächst recht aussichtslos. Die einzige, die Arbeit hat, ist Mutter Gisela, 56.

"Be Berlin. Arm aber sexy!"

Vor kurzem hat sie einen Herzinfarkt überstanden und arbeitet nachts bei der Post. Eigentlich ein unmöglicher Zustand, über den man gerne vom Arbeitgeber ein paar erklärende Worte hören würde.

"Ich trau mich nicht mal zu sterben", sagt Gisela mit feuchten Augen. "Wir haben ja nicht mal eine Sterbeversicherung. Aber ich will nicht sterben." Auch wenn RTL hier stark auf die Reality-Tränendrüse drückt, es bleibt dabei: Mehr als 1500 Euro netto ist für die Familie derzeit nicht drin. Der wöchentliche Großeinkauf für alle darf nicht mehr als 40 Euro kosten, und vor allem: Man hockt Tag für Tag aufeinander und hat buchstäblich "nüscht zu tun".

Während der 18-jährige Sohn Benni immerhin noch zur Schule geht, sucht die 20-jährige Tochter Cindy auch nach Hunderten von Bewerbungen immer noch erfolglos nach einer Ausbildungsstelle als Tierarzthelferin. Ihr Verlobter Martin, 23, ein arbeitsloser Tischler, will Bäcker oder Konditor werden, tut aber fast nichts dafür. Sein Arbeitsplatz ist das Sofa. Vater Theo, 54, ausgebildeter Pferdepfleger, hat seit zwei Jahren keinen Job mehr. Auch er bewirbt sich bislang ohne Erfolg.

"Seine Haare sind sein Heiligstes"

"Eine typische Berliner Familie. Sie haben gelernt, mit ihrem Unglück zu leben, spüren aber trotzdem eine gravierende Bedrohung". So lautet das erste Resümee von Jobcoach Hesse, über das der Regierende Bürgermeister Wowereit bestimmt begeistert wäre. Stichwort: "Be Berlin. Arm aber sexy!".

Doch so richtig "sexy" wirkt hier niemand. Im Gegenteil: "Martin is ne Schlaftablette", urteilt Hesse, und über Vater Theo sagt er das, was man in den großen politischen Talkshows sofort als politisch unkorrekten Sarrazinismus verdammen würde: "So wie der aussieht, kriegt er nie wieder eine Chance!" Selbst Frau Gisela seufzt: "Seine Haare sind sein Heiligstes."

Dass dies überhaupt kein Urteil über seinen Charakter und seine Fähigkeiten ist und schon gar keine Beleidigung, begreift Theo nach einigem Sträuben dann doch. Bereitwillig lässt er sich ins Kaufhaus und zum Friseur schleppen, und siehe da: Im neuen Outfit und mit kurzen Haaren sieht er sogar um Jahre jünger aus. "Allet schick", wie der Berliner sagt.

Trutzburg der eigenen Misere

Tochter Cindy muss derweil nachsitzen. Zwar hat sie unzählige Bewerbungen verschickt, eine Übung, die auch in den Talkshows stets als ultimativer Aktivitätsnachweis präsentiert wird, so als käme es auf die schiere Masse an, aber sie waren eben voller Fehler und schlecht zusammengestellt.

Auch hier greift Hesse helfend ein, und plötzlich liegt die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch im Briefkasten.

Machen wir es kurz: Es klappt. Cindy kriegt ihre Lehrstelle bei einer Tierärztin, und Theo einen festen Job auf einem Pferdehof. Mutter Gisela ist glücklich. Nur Martin bleibt auf dem Sofa sitzen. Er kapituliert. Schon bei der Probe eines Bewerbungsgesprächs rutscht ihm auf die Frage, warum er sich nach vierjähriger Tischler-Ausbildung für den angebotenen Job interessiere, heraus: "Weil ich zwei linke Hände habe." Der Jobcoach ist entsetzt. Mit 23 Jahren hat Martin also schon aufgegeben und bunkert sich in seiner Mini-Welt zwischen Sitzgruppe und Flachbildschirm ein. Ihm wäre weder mit mehr Hartz IV noch mit dem obligatorischen Ruf nach mehr Bildung geholfen.

Es kommt auf den persönlichen Willen an

Dennoch oder besser: Gerade deshalb vermittelt das formatgerechte Happy End der kleinen RTL-Reihe einen erhellenden Einblick in jenen Teil der Wirklichkeit, der in den wellenartig anschwappenden, ideologisch moralisierenden Großdebatten meist untergeht: Es kommt tatsächlich auf jeden Einzelnen an, auf seinen ganz persönlichen Willen, die Trutzburg der eigenen Misere zu verlassen, auf die Entschlossenheit und die Fähigkeit, das eigene, unwiederbringliche und einmalige Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Diese einzigartige Freiheit ist wichtiger als jeder Freibetrag irgendeiner neuen Bemessungsgrundlage im Zuge all jener Gesetzesänderungen, die uns in den nächsten Jahren noch bevorstehen.

Wer arbeitet, soll nicht nur mehr haben - er soll auch mehr vom Leben haben. Wenn das kein Anreiz ist.

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