Kinderserie im dänischen Fernsehen Peter Pillermann mit dem schwer kontrollierbaren Riesenpenis

Debatte in Dänemark: Der DR-Kinderkanal zeigt eine Animationsserie um einen Mann mit gigantischem Genital. Verfestigt »John Dillermand« patriarchale Strukturen? Werden sie ironisiert? Immer diese Erwachsenengedanken!
Szene aus »John Dillermand«

Szene aus »John Dillermand«

Foto: DR

Ein Mann mit Schnauzbart und rot-weiß gestreiftem Badeanzug nähert sich ein paar Kindern im Park. Die Kinder schlecken ein Eis. Der Mann trägt eine Pudelmütze, aber keine lange Hose. Dann klaut er einem Kind das Eis. Mit seinem Penis. Es ist ein ausfahrbarer, sehr langer, enorm elastischer und rot-weiß gestreifter Penis. 

Die Szene liest sich wie der Anfang eines albtraumhaften Films, den man nicht unbedingt sehen möchte. Allein für die Idee würde man anderswo eingesperrt oder einer psychiatrischen Behandlung unterzogen. Nicht aber im glücklichen Dänemark, wo »John Dillermand« sich zum Hit entwickelt – ausgestrahlt vom öffentlich-rechtlichen Sender DR. Die Zielgruppe der Vier- bis Achtjährigen scheint begeistert von den knapp fünfminütigen Episoden in Stop-Motion-Technik.

Würde der Kinderkanal von ARD und ZDF (KiKa) das Format importieren, was alle nur denkbaren Gremien zu verhindern wissen dürften, wäre es mit »Peter Pillermann« treffend übersetzt. Die Serie handelt von den Abenteuern eines Mannes, den sein gigantisches Genital bisweilen in unangenehme Situationen bringt. Wenn er es kontrollieren kann, ist es aber ganz nützlich.

Dann kann unser Held seinen Penis wie eine Schranke über die Straße legen, damit Luftballons aus dem Baum holen, Hunde ausführen oder den Grill anzünden. Er kann damit, wenn er ihn schwingt, wie mit einem Hubschrauber durch die Gegend fliegen. Oder ihn quer über den Marktplatz spannen, damit er wie eine Saite schwingt.

Unglückliches Timing

Das Verblüffendste an »John Dillermand« ist – neben dem Umstand, dass sich das jemand ausgedacht, für gut befunden, in Szene gesetzt und ausgestrahlt hat – der Umstand, dass er bisher keine rechte Empörung hervorrufen mag. 

Ein Genderforscher von der Universität in Roskilde diagnostiziert eine patriarchale Agenda und argwöhnt, hier solle das »schlechte Verhalten von Männern« auf eine witzig gemeinte Weise entschuldigt werden. Und die Schriftstellerin Anne Lise Marstrand-Jørgensen fragt zu Recht: »Ist das wirklich die Botschaft, die wir unseren Kindern senden wollen, während wir uns inmitten einer großen #MeToo-Welle befinden?« 

Tatsächlich ist das Timing unglücklich. Erst im September 2020 hat die Moderatorin Sofie Linde das Schweigen über Sexismus in der dänischen Medienbranche gebrochen. Und nun sendet das Öffentlich-Rechtliche lustige Kinderfilmchen über einen Typen, dem sein Schwanz peinliche Streiche spielt?

Wie der Schwanz des Marsupilami

Debattiert wird also, aber ein Shitstorm sähe anders aus. Was vermutlich an »John Dillermand« selbst liegt, der als Charakter an Harmlosigkeit kaum zu überbieten ist. (Sehen Sie hier die erste Folge  auf Dänisch.) Der Mann steht unter dem Pantoffel einer mütterlichen Frau, trägt trotz seines Alters kindliche Züge, redet auch mit den Kindern, sieht seine Fehler ein und möchte gern Gutes tun – bestenfalls mit seinem multifunktionalen Riesenpenis.

Dabei handelt es sich übrigens um ein abstrahiertes Gemächt, das nie phallisch wirkt, höchstens anarchisch, eher wie der Schwanz der legendären Comicfigur Marsupilami. Mit Sexualität hat die Serie denn auch gar nichts zu tun. Gewogene Erwachsene können »John Dillermand« durchaus als ironischen Kommentar zu toxischer Männlichkeit sehen – was für die pädagogische Intelligenz der dänischen Fernsehmacher spricht.

Aber für Erwachsene, auch gewogene, ist das Programm nicht gedacht. Sondern für, sagen wir, sechsjährige Jungs, die in der Badewanne darüber grübeln, was sie mit dem bizarren Wurmfortsatz zwischen ihren Beinen wohl alles anstellen könnten, ließen sie ihrer sechsjährigen Einbildungskraft freien Lauf. 

Muss das sein? Nein, das muss es nicht. Was muss schon sein?

Aber dass solche Räume des Rumspinnens möglich sind im Fernsehen, fern und frei von den verbissenen Diskursen und giftigen Debatten und blutigen Gefechten der längst versehrten Erwachsenen, ist ein Segen, um den man die Dänen beneiden darf. Und ihre Kinder gleich mit.

Auf die Kritik an »John Dillermand« haben die Verantwortlichen des Senders übrigens erklärt, sie hätten ebenso gut eine Serie »über eine Frau ohne Kontrolle über ihre Vagina« machen können. Das dürfte, was die Situationskomik angeht, ein wenig kniffliger sein. Sehen würde man das aber gern.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.