Johnny-Cash-Doku Liebe Verbrecher, Hände weg vom Sitznachbarn!

Outlaw mit Mission: 1968 spielte der Man in Black den ersten, auf Platte erschienenen Knastauftritt der Musikgeschichte. Die Arte-Dokumentation "Johnny Cash at Folsom Prison" entwickelt aus dem historischen Ereignis eine gelungene Mixtur aus Comeback-Geschichte und Gesellschaftsanalyse.

Jim Marshall / Northern Light Productions

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Es begann mit einem Diebstahl. Als der noch unbekannte Johnny Cash 1955 seine zweite Single einspielte, übernahm er einfach Melodie und Textgerüst eines alten Blues-Stückes und machte daraus seinen "Folsom Prison Blues", die vielleicht berühmteste Gewaltverbrecherballade überhaupt. Doch das Musikgeschäft war jung, wer scherte sich da um Rechte.

Der Ideenklau für den Mördersong führte Cash dann aber über Umwege doch noch ins Gefängnis: Am 13. Januar 1968 gab er im von ihm besungenen kalifornischen Folsom-Gefängnis vor Insassen ein Konzert. Es war das erste seiner Art, das auf Platte erschien.

Die historische Bedeutung dieses Ereignisses ist gar nicht hoch genug einzuschätzen: Zum einen wurde das Live-Album ein Bestseller und lenkte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die nicht immer unter humanen Bedingungen weggeschlossenen Straftäter, zum anderen startete das einstige Drogenwrack Johnny Cash auf diese Weise sein Comeback. Und ob bewusst oder unbewusst: Er untermauerte mit der Show vor den schweren Jungs auch den Outlaw-Mythos, der ihn bis zu seinem Lebensende umrankte.

In den zehn Jahren vor seinem legendären Knastauftritt nahm Cash Amphetamine, und so richtig wusste seine Plattenfirma Ende der Sechziger nichts mit dem Haudrauf anzufangen. Beim Auftritt im Hochsicherheitsgefängnis fand Cash dann eine neue Bestimmung - als eine Art Mittler zwischen dem sozialen Mainstream und den Nichtgesellschaftsfähigen. Später sprach er zum Thema Strafvollzug sogar vor dem US-Senat.

Die Herren Verbrecher lachen

Filmaufnahmen vom bedeutsamen Knastkonzert existieren nicht, nur Fotos gibt es reichlich. Sie zeigen zum Beispiel einen eher vorsichtigen Johnny Cash, wie er mit seiner Lebensgefährtin June Carter und seiner Begleitband The Tennessee Three durch die fünfeinhalb Meter hohen Granitmauern schreitet. Der Blick ist wachsam, der Körper angespannt, auf fast jedem Bild raucht Cash.

Umso entspannter dann - die Fotos und Tonaufnahmen belegen das - die Atmosphäre später im Speisesaal, wo der Sänger sein straffällig gewordenes Publikum mit Kokaingeschichten und Exekutionsdramen erfreut. Ja, er scheint zu wissen, wie sie fühlen. Gewagt sind indes die Zwischenansagen von June Carter, die die Knastbrüder bittet, es sich gemütlich zu machen und endlich mal die Hände aus den Hosentaschen ihrer Sitznachbarn zu nehmen. Ein ziemlich lustiger Spruch vor Dieben und Gewaltverbrechern, die während ihrer Zeit im Knast stets der Vermutung ausgesetzt sind, ihre Triebe gleichgeschlechtlich auszuleben. Zum Glück kommt der Witz an, die Herren Verbrecher lachen.

Dass es keine Bewegtbilder vom Gefängnis-Gig gibt, ist eher von Vor- als von Nachteil für diese am Donnerstag auf Arte laufende Dokumentation "Johnny Cash at Folsom Prison". Statt in der Aura von Cash zu baden, nähern sich Bestor Cram (Regie) und Michael Streissguth (Buch) dem Stoff auf sehr viel ergiebigere Weise. Ihr collagenhafter Film ist eine komplexe Mixtur aus Musikerporträt, Gesellschaftsanalyse und unterschiedlichen Knacki-Biographien. Ausführlich werden die Lebenswege einiger Krimineller nachgezeichnet: Wer saß damals eigentlich hinter Gittern und warum?

Zu Wort kommt unter anderem auch der später berühmt gewordene Songwriter Merle Haggard, der Ende der Fünfziger wegen eines Raubüberfalls in der ebenfalls berüchtigten Strafanstalt San Quentin inhaftiert war. Dort traf er Cash bei einem seiner früheren Gefängniskonzerte. Angeblich sagte der Country-Star zum bald ebenfalls aufstrebenden, immer wieder mit dem Gesetz aneinander geratenen Haggard: "Merle, Du bist in Wirklichkeit der, für den mich die Leute halten."

Auch das wird in der 90-minütigen Doku klug herausgearbeitet: Wie Johnny Cash, der Mann in Schwarz, als vermeintlich Gesetzloser zur vielleicht größten Projektionsfläche der Popgeschichte wurde.


"Johnny Cash at Folsom Prison", Donnerstag, 22.30 Uhr, Arte



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
mörk 17.12.2009
1. ...
Zitat von sysopOutlaw mit Mission: 1968 spielte der Man in Black den ersten auf Platte aufgenommen Knast-Auftritt der Musikgeschichte. Die Arte-Dokumentation "Johnny Cash at Folsom Prison" enwickelt aus dem historischen Ereignis eine gelungene Mixtur aus Comebackgeschichte und Gesellschaftsanalyse. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,667623,00.html
Cash ist und bleibt einer der größten Musiker des vergangenen Jahrhunderts - und eine der faszinierendsten Figuren im Musikbusiness.
this charming man 17.12.2009
2. zu Merle Haggard
---Zitat von Christian Buß--- Zu Wort kommt unter anderem auch der später berühmt gewordene Songwriter Merle Haggard, der Ende der Sechziger wegen eines Raubüberfalls in der ebenfalls berüchtigten Strafanstalt San Quentin inhaftiert war. Dort traf er Cash bei einem Konzert, das der ein Jahr nach seinem Folsom-Auftritt gab. Angeblich sagte der Country-Star dem damals noch unbekannten Haggard, der immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geriet: "Merle, Du bist in Wirklichkeit der, für den mich die Leute halten." http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,667623,00.html ---Zitatende--- Ich rege an, diesen Absatz zu korrigieren, das stimmt hinten und vorne nicht. Merle Haggard saß Ende der Fünziger (!) Jahre für mehrere Jahre in St. Quentin und hat dort auch frühere Gefängnis-Konzerte von Cash gesehen. Ende der Sechziger war der längst geläuterte Merle Haggard bereits selbst ein Country-Superstar mit dutzenden No.1-Hits. Bei dem St.Quentin-Konzert von Cash im Jahr '69, das ebenfalls auf LP veröffentlicht wurde, zählte Haggard natürlich nicht zu den Insassen. Die Bemerkung von Cash, dass Haggard der sei, für den ihn die Leute hielten, bezieht sich darauf, dass Haggard eben der Outlaw mit Knast-Erfahrung war, den Cash ohne eigenen biographischen Hintergrund lediglich in seinen Liedern portraitierte. Haggard selbst hat übrigens nicht nur zahlreiche Songs geschrieben und interpretiert, die sich mit dem Leben und Sterben hinter Gittern befassen, sondern auch Cashs "Folsom Prison Blues" auf seiner LP "Mama Tried" von 1968 eingespielt.
gsm900, 18.12.2009
3. Wie hoch sind die Mauern?
Zitat von sysopOutlaw mit Mission: 1968 spielte der Man in Black den ersten auf Platte aufgenommen Knast-Auftritt der Musikgeschichte. Die Arte-Dokumentation "Johnny Cash at Folsom Prison" enwickelt aus dem historischen Ereignis eine gelungene Mixtur aus Comebackgeschichte und Gesellschaftsanalyse. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,667623,00.html
"wie er mit seiner Lebensgefährtin June Carter und seiner Begleitband The Tennessee Three durch die fünfeinhalb hohen Granitmauern schreitet. " Meter? (vermutlich)
frubi 18.12.2009
4. .
Zitat von sysopOutlaw mit Mission: 1968 spielte der Man in Black den ersten auf Platte aufgenommen Knast-Auftritt der Musikgeschichte. Die Arte-Dokumentation "Johnny Cash at Folsom Prison" enwickelt aus dem historischen Ereignis eine gelungene Mixtur aus Comebackgeschichte und Gesellschaftsanalyse. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,667623,00.html
Leider mal wieder zu spät. Bin bei etwa der Hälfte stehen geblieben. Auch als junger Erwachsener finde ich die Musik klasse. Walk the Line hat mich schon fasziniert und als ich "Hurt" das erste mal gesehen/gehört habe wusste ich nicht ob ich vor Freude lachen oder vor Trauer weinen sollte. Großartig. Von gestern habe ich besonders einen Ohrwurm "I got stripes, stripes around my shoulders........" Wunderbar.
Hagbard 18.12.2009
5. .
Johnny Cash ist einer der wenigen Musiker, deren Werk mir nicht nur einfach gefällt, sondern die mein Herz und meine Seele erreichen. Speziell die Aufnahmen aus der American-Recordings-Reihe. Und eben die Konzerte im Gefängnis. Die Knast-Konzerte sind zweifelsohne ein bedeutendes Ereignis in der Musikgeschichte. Und nicht nur, weil sich da einer etwas getraut hat. Aber viel mehr noch ist es (nach meinem Empfinden) die Geburt des waren Johnny Cash. Ich glaube, dass er erst da, kurz erst aus dem eigenen Drogen-Sumpf wieder aufgetaucht, verstanden hat, was er mit seiner Musik den Menschen gibt.
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