Interview mit Joko und Klaas "Rüttel mal am Käfig, der Affe soll was machen!"

Mit ihrer neuen Show wollen Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf Unterhaltungsfernsehen anders definieren. Hier reden sie über YouTube, Thomas Gottschalk - und warum sie 15 Minuten Sendezeit einer Seenotretterin schenkten.

Willi Weber/ ProSieben

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: In Ihrer neuen Show "Joko und Klaas gegen ProSieben", die diese Woche gestartet ist, treten Sie ausnahmsweise nicht gegeneinander an, sondern kämpfen vereint. Wie ungewohnt ist diese neue Kumpelschaft für Sie?

Winterscheidt: Es ist schon komisch. Vor allem diese Momente der Freude, wenn man ein Spiel gewonnen hat und wir uns dann abklatschen. In unserer zehnjährigen Rivalitäts-Historie hat sich ja jedes Jahr immer noch mehr Hass aufgestaut, den man dann kurz ablassen konnte, wenn man den anderen in einem Spiel besiegt hatte. Sonderbar, wenn dieser Moment der Erleichterung auf einmal nicht mehr da ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie spielen jetzt gemeinsam ausschließlich gegen Gegner, die man aus anderen ProSieben-Shows kennt - auch deshalb, weil die Aufgaben, die Sie sich gegenseitig stellen, nicht mehr krasser zu steigern sind?

Heufer-Umlauf: Um ein dauerndes Höher-schneller-krasser ging es uns beim "Duell um die Welt" tatsächlich auch nie, sondern darum, die Spiele so originell zu halten, dass sie uns schon beim Ausdenken Freude machen. Wir glauben, dass diese Freude dann auch für den Zuschauer reproduzierbar ist. Dann kann man so eine Show auch länger machen, ohne dass es unwürdig wird.

Winterscheidt: Beim "Duell" spüren wir echten Schmerz. Es verhagelt einem ja die sechswöchige Reise, wenn du weißt, du musst alle drei Tage den inneren Schweinehund überwinden. Beim Spiel gegen ProSieben gibt es eine Ebene, auf der man auch leichter selbst Spaß haben kann - so dumm es auch ist, und so wenig ich Lust habe, als menschlicher Putzlappen an einem Kran zu hängen.

SPIEGEL ONLINE: Die lustigsten Momente der ersten Ausgabe waren die Szenen, in denen Sie beide gewohnheitsmäßig in Ihr altes Itchy-und-Scratchy-Prinzip zurückfallen, sich gegenseitig anpflaumen oder sich freuen, wenn der andere im Spiel von der Pritsche purzelt.

Heufer-Umlauf: Dazu gehört auch ein tiefes Grundvertrauen: Bei neun von zehn Leuten würde ich mich erst mal rückversichern, ob das jetzt okay ist zu lachen. Bei Joko frage ich mich das gar nicht. Weil es eben in dem Moment witzig ist und ich weiß, dass er auch lachen würde. Wenn früher meine Schwester aufs Maul gefallen ist, habe ich auch direkt losgelacht.

SPIEGEL ONLINE: Für den Zuschauer hat Ihr traditionelles Bekriegen ja im idealen Fall auch eine psychologische Entlastungsfunktion: Sie führen einen Stellvertreterkampf, in dem man gefahrlos Partei ergreifen kann. Wenn Sie nun miteinander kämpfen, fällt das weg.

Heufer-Umlauf: Dafür ist für viele Zuschauer interessant, uns gemeinsam verlieren zu sehen, weil sie wissen wollen, wie wir dann reagieren: Rüttel mal am Käfig, der Affe soll was machen!

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Joko und Klaas: Das alte Itchy-und-Scratchy-Prinzip

SPIEGEL ONLINE: Die erste Ausgabe haben Sie gegen ihren Sender gewonnen, dafür bekamen Sie 15 Minuten Sendezeit. Diesen Slot haben Sie an drei Menschen weitergegeben, die Aufmerksamkeit besser gebrauchen können, wie Sie sagten: Eine Kapitänin der Seenotrettung, eine Aktivistin, die Rechtsradikalen die Stirn bietet, und einem Mitarbeiter der Bahnhofsmission. Warum gerade diese drei?

Heufer-Umlauf: Wir hatten das Gefühl, das wäre jetzt gut. Die Kapitänin Pia Klemp zum Beispiel erzählt einfach, was Seenotrettung bedeutet. Das ist erst einmal informativ - aber ihre Worte sind in ihrer Ehrlichkeit und Direktheit auch so hart, wie man es um Viertel nach acht bei ProSieben nicht erwartet, das finde ich schön.

SPIEGEL ONLINE: Es waren Botschaften, die auf einem solchen Sendeplatz sonst wohl nicht unkommentiert laufen würden - denken Sie, sie sind bei Ihrem Publikum auch angekommen? Die meisten Zuschauer erwarteten ja ein Klamauk-Spektakel.

Heufer-Umlauf: Gerade das fand ich gut: Es war dieses Mal sicher kein preaching to the converted, sondern ein wirklich breiter Gesellschaftsschnitt, den wir damit erreicht haben. Darunter auch Menschen, die diesen Themen gegenüber ablehnend eingestellt sind. Meine Late-Night-Show schauen wahrscheinlich eher wenige Menschen, die meine Einstellung dazu nicht teilen, da redet man sehr in der eigenen Blase. Im großen Primetime-Publikum erreicht man aber auch orientierungslose junge Leute, die vielleicht gern nicht rechts wären, aber nicht so genau wissen, wie das geht. Und die empfänglich sind für konkrete Geschichten zu abstrakten Themen.

SPIEGEL ONLINE: War Ihnen gleich klar, dass Sie die geschenkte Zeit für ein politisches Statement nutzen wollen, und nicht zum Beispiel für eine Schaumparty?

Winterscheidt: Schaumparty, gleich mal aufschreiben, finde ich sehr gut! Wir wussten einfach, dass gerade beim ersten Mal eine Riesenaufmerksamkeit auf diesen 15 Minuten liegen würde. Da wollten wir zum einen nicht mit etwas total Erwartbarem enttäuschen, zum anderen waren uns diese Themen ein großes Anliegen.

SPIEGEL ONLINE: Von der politischen Botschaft abgesehen war das auch eine sehr gerechte Umverteilung von öffentlicher Repräsentanz und Macht - weil Ihnen vom Sender ja auch ohne diese 15 Minuten Freifahrt keine Grenzen gesetzt werden, was in Ihren Shows geht und was nicht. So wirkt es zumindest von außen.

Heufer-Umlauf: Eigentlich dürfen wir wirklich machen, was wir wollen. Andererseits sind wir jetzt auch nicht an der Volksbühne beschäftigt und wollen uns nackt mit Blut und Scheiße einreiben.

SPIEGEL ONLINE: Also gab es auch keine Schimpfe für Goslinggate, bei dem Sie ein notdürfiges Ryan-Gosling-Double zur "Goldenen Kamera" schickten? Hatten Sie ProSieben vorher eingeweiht?

Winterscheidt: Es gab eine sehr vertraute Person beim Sender, der wir es erzählt haben, um zu testen, ob wir das vielleicht intern vorher ankündigen sollten. Aber bei ihr hat direkt die Schockstarre eingesetzt und sie hat gesagt: Ihr habt mir das nicht erzählt. Aber es gab keinerlei Konsequenzen, bis heute.

Heufer-Umlauf: Es stimmt wahrscheinlich, dass wir keinen Freifahrtschein brauchen. Ein Jens Riewa würde wahrscheinlich mehr eskalieren, wenn er mal 15 Minuten dürfte, wie er wollte.

SPIEGEL ONLINE: Wie nah dran sind Sie an den Leuten, die tatsächlich so reden, der nächstjüngeren Generation?

Heufer-Umlauf: Zu Rezo und so?

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel. Wie viele der YouTuber, die in seinem zweiten Wahlempfehlungsvideo aufgetreten sind, kannten Sie?

Heufer-Umlauf: Ich kenne die alle. Aber ich muss auch zugeben, dass bei mir nicht bei jedem von ihnen die volle Leidenschaft entfacht wird, wenn da ein neues Video hochgeladen wird. Dieses erste Rezo-Video ist natürlich ne Sensation. Da hat der ja selber auch nicht mit gerechnet. Ich meine, stell dir vor, du lädst ein Video hoch mit dem Titel "Zerstörung der CDU", und dann klappt das. Irre.

SPIEGEL ONLINE: Wie nah fühlen Sie sich dieser jungen Zielgruppe? Bei ProSieben stehen Sie ja in der ersten Reihe, wenn es darum geht, die noch ans Fernsehen zu binden - und dabei glaubwürdig zu sein.

Winterscheidt: Fynn Kliemann hat mal den schönen Satz gesagt: Realness kommt nicht aus der Steckdose. Man kann sich das nicht anlernen. Diese enge Vertrautheit, die diese Generation zu ihren YouTubern hat, die ja praktisch in deren Wohnzimmern sitzen, das bekommt keine Partei hin, das bekomme ich auch nicht hin, denn mein Privatleben ist mein Privatleben.

SPIEGEL ONLINE: Muss sich das Fernsehen verändern - nicht nur um diese Zielgruppe noch erreichen zu können, sondern auch, um sich an die veränderten Ausspielkanäle anzupassen?

Heufer-Umlauf: Das schlimme Wort "Content" macht ein Teil des Problems sichtbar. Man kann nicht irgendwelchen "Content" wie Benzin in die Zukunfts-Entertainmentmaschine kippen und erwarten, dass das dann schon irgendwie klappt. Hauptsache, alle technisch möglichen Wege sind bespielt. Das Wichtigste scheint, dass die Plattform, auf der etwas angeboten wird, maximal modern ist, und wenn man genügend Content hinterherschiebt, dann guckt das die neue Generation an Zuschauern schon.

SPIEGEL ONLINE: Wie müssen Inhalte Ihrer Meinung nach aussehen, um diese Generation zu erreichen?

Heufer-Umlauf: Ich finde, in erster Linie entscheidet momentan noch immer die Idee und die Qualität, ob etwas von vielen oder wenigen Leuten gesehen wird. "Game of Thrones" läuft nachts um drei in Deutschland mit der Premiere des Staffelfinales und es gucken eine Million Leute zu. Gleichzeitig kann ich mich aber dazu entscheiden zu warten, bis alle Folgen nacheinander abrufbar sind, oder ich gucke es mir zwar einmal pro Woche an, aber ganz entspannt zu einer Uhrzeit, die mir passt. Ob auf dem Handy, im Fernsehen oder auf dem Bildschirm ist auch egal. Wie es halt eben passt. Nur sind alle diese Überlegungen hinfällig, wenn die Show oder die Serie so scheiße ist, dass ich sie mir überhaupt nicht angucken will, weil wieder irgendwo einer wie wild irgendwelchen Content produziert hat.

SPIEGEL ONLINE: Was ist also Ihre Botschaft an die TV-Kollegen?

Heufer-Umlauf: Bei einer Sache bin ich mir ziemlich sicher: Eine gute Idee wird sich immer den Weg zum Zuschauer bahnen. Und wenn es in Zukunft mehr Bedarf an guten Ideen gibt, ist das für jeden, der sich im Großraum Entertainment aufhält, doch eine gute Nachricht. Egal, wie wir das Ding dann nennen, aus dem es am Ende rauskommt.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es klassische Schnipsel aus der Fernsehgeschichte, die Sie sich immer wieder anschauen?

Winterscheidt: Am ehesten vielleicht Szenen aus "Schmidteinander". Ich erinnere mich, dass ich schon als Kind spürte: Da ist irgendwas anders. Ohne dass man das kategorisieren konnte, aber da ging eine große Faszination davon aus.

Heufer-Umlauf: Da habe ich eher Erinnerung an noch früher, wenn mein Papa mich aus dem Bett geholt hat zum Fernsehgucken. Und sich gesagt hat: Wir haben jetzt den Typen gerade mit viel Mühe eine Stunde lang schlafen gelegt, aber jetzt kommt so was Gutes, jetzt wecke ich den wieder. Was für Eltern das Irrste ist, das man sich vorstellen kann. Das "Monte Carlo Circus Festival" durfte ich gucken, zum Mauerfall wurde ich aufgeweckt und zu "Ekel Alfred". Da habe ich mich totgelacht als Kind. Wenn er im Taucheranzug in der Telefonzelle steht und in den Hörer schreit: Bin ich die Auskunft oder Sie?

SPIEGEL ONLINE: Ob er Sie auch zum jüngsten "Topmodel"-Finale geweckt hätte?

Heufer-Umlauf: Das war ja ein Spektakel! Ich habe dem Finale bei "Late Night Berlin" den halben Stand-up gewidmet, ich konnte nicht anders. Obwohl es durchaus Unverständnis darüber gab, dass ich nicht komplett über die CDU geredet habe, sondern über den armen Thomas Gottschalk. Ich wusste, dass er nicht mehr bei Twitter ist, aber ich habe ihm trotzdem während der Sendung eine Direktnachricht geschrieben: "Irgendwo ist ein grünes Notausgangsschild, schrei einfach nur 'Jetzt!', dann kommen Joko und ich und holen dich raus, wir warten mit laufendem Motor!" Dieses Finale war ein Beispiel dafür, was passiert, wenn bei der Konzeption niemand im Raum sitzt und irgendwann sagt: Sag mal, spinnt ihr eigentlich?


"Joko & Klaas gegen ProSieben", 2. Folge: Dienstag, 20:15 Uhr, ProSieben

insgesamt 11 Beiträge
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Reinhard Gehlen 03.06.2019
1. Oops :-)
"und warum sie 15 Minuten Sendezeit einer Seenotretterin schenkten." Ich hatte im allem Ernst "Seniorentreterin" gelesen , manchmal ist es gut sich noch mal zu vergewissern. Bin ich jetzt ein sensationsgeiler Gaffer, regt schon zu denken an so ne Reaktion.
fehleinschätzung 03.06.2019
2. es waren nicht 15 für
eine, es waren 12 für 3 mit dem Gequatsche am Anfang der 15min
Hatha 04.06.2019
3. Grill den Henssler
Also ich fand bis zum Schluss Grill den Henssler mit Henssler und Ruth Moschner die beste Unterhaltungssendung. Jetzt leider auch nicht mehr so unterhaltsam :-/ Ansonsten gibt's ja noch Genial Daneben mit Hugo.
schramkl 04.06.2019
4. Überschrift
Das Unterschichtenfernsehn hat jetzt bei Ihnen ein Forum?
tom-rheker 04.06.2019
5. Witzig
Da steht "... Ich mein, stell' dir vor du lädst ein Video hoch..." - leider wurde die Apostrophenverteilung vertauscht: ich mein' - von ich meine, wobei das -e ausgelassen wird (--> Auslassungszeichen ') stell dir vor - der Imperativ von sich (etwas) vorstellen: die zweite Person Singular - du stellst dir vor - ist der Ausgangspunkt, das -st am Ende wird ersatzlos gestrichen, nicht ausgelassen... Auf das fehlende Komma hinter dem vor verweise ich nur. Sicher, Kleinigkeiten. Wobei, des Spiegels Geschäft, meine Muttersprache... Na, wie auch immer. Liebe Grüße ansonsten =:)
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