15 Minuten Joko und Klaas Menschlichkeit statt Mumpitz

Wenn Joko und Klaas, die Extrem-Klamauker von ProSieben, ihrem Haussender 15 Minuten Sendezeit abtrotzen, erwartet man zuerst einmal: mehr Klamauk. Die beiden Entertainer nutzten ihre Viertelstunde allerdings ganz anders.

Joko und Klaas bei "Joko und Klaas gegen ProSieben"
ProSieben / Andreas Franke / DPA

Joko und Klaas bei "Joko und Klaas gegen ProSieben"


Keine Schaumparty mit Babyelefant, kein nachgedrehtes Amthor-Video: Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf gestalteten die 15 Minuten frei verfügbare Sendezeit, die sie am Vorabend im neuen Showformat "Joko und Klaas gegen ProSieben" gewonnen hatten, mit klaren politischen Botschaften: Statt des von vielen erwarteten Extrem-Unsinns reichten sie ihre erspielte Viertelstunde zur 20.15-Uhr-Primetime, für die "Grey's Anatomy" entsprechend verschoben wurde, an drei Menschen weiter, "die vielleicht mehr zu sagen haben als wir", wie Heufer-Umlauf es formulierte - "vor allem sinnvollere Dinge", ergänzte Winterscheidt.

Ihr Haussender, der nach eigener Aussage nicht darüber informiert war, was gleich passieren würde, distanzierte sich vor Beginn der Sendung prophylaktisch: "ProSieben hat keinerlei Einfluss auf die Gestaltung der gewonnenen Sendezeit" und schloss mit einem lakonischen "Hoffen wir das Beste."

Zu sehen war nach kurzer Anmoderation von Winterscheidt und Heufer-Umlauf dann ein leeres Studio, in dem als einzige Requisite ein ausgeleuchteter Stuhl stand. Auf ihm nahm zunächst Pia Klemp Platz, Kapitänin auf dem beschlagnahmten Rettungsschiff "Iuventa 10", und berichtete aus ihrem alltäglichen Engagement in der Seenotrettung.

Drei Menschen, die viel zu sagen haben

Tagelang sei sie mit einem ertrunkenen, zweijährigen Jungen in der Tiefkühltruhe und seiner lebenden Mutter an Bord in internationalen Gewässern herumgeschippert, weil kein sicherer Hafen sie aufnehmen wollte: "Was sage ich dieser traumatisierten Frau über den Friedensnobelpreisträger EU?" Klemp kritisierte die Flüchtlingspolitik der EU scharf: "Innerhalb Europas wird Solidarität mit Menschen in Not kriminalisiert."

Anschließend berichtete der Berliner Obdachlosenhelfer Dieter Puhl von seiner Arbeit, dem "Abschiedsbaum" vor seiner Bahnhofsmission am Zoo, an den für jeden verstorbenen Obdachlosen ein Bändchen geknüpft wird, und von den Menschen auf der Straße, die er bis zu ihrem frühen Tod begleitete.

Aktivistin Birgit Lohmeyer erzählte schließlich von den Drangsalierungen und offenen Bedrohungen bis hin zur Brandstiftung, mit denen sie und ihr Mann von ihren rechtsradikalen Nachbarn terrorisiert werden, seit sie von Hamburg in das Dorf Jamel in Mecklenburg-Vorpommern gezogen sind. Als Reaktion veranstalten die Lohmeyers seit einigen Jahren "Jamel rockt den Förster", ein "Festival für Demokratie und Toleranz". Den Opfern rechtsradikaler Gewalt sprach sie Mut zu: "Wehrt euch, lasst euch nicht einschüchtern. Es lohnt sich."

arü

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
#besserwisser 29.05.2019
1. Aus Kindern werden Leute ...
Großes Kino! Danke!
geotie1 29.05.2019
2.
Habe deren Sendung mal für 5 Minuten gesehen und dann nie wieder, aber wenn ich Zeit habe und auch die Möglichkeit, werde ich auf jeden Fall reinschauen.
felimd 29.05.2019
3. Respekt
Das hätte ich von den beiden so gar nicht erwartet. ich ziehe meinen Hut.
Korken 29.05.2019
4. 1:2
Das war eine absolut super Idee von den beiden, Leute mit einer wichtigen Message zu Wort kommen zu lassen. Es gäbe da einiges, was noch angesprochen werden sollte. Schade, dass man da einen Platz gleich zu Beginn vergeudete.
lordnephilim 29.05.2019
5. Danke Pro 7
für sinnvoll verwendete Sendezeit !
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