Domian-Comeback Der Freund, der's laufen lässt

Mit "Domian live" und einem erweiterten Konzept feiert Jürgen Domian seine Rückkehr im WDR. Mit Gästen im Studio statt auf dem Kopfhörer geht das Provokante leider verloren.

Kultmoderator Domian ist zurück beim WDR
Klaus Görgen/ WDR

Kultmoderator Domian ist zurück beim WDR

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Zwei Schulen gibt es, ein journalistisches Gespräch zu führen. Erstens die harte Tour: "Spuck's aus! Mir machst du nichts vor, ich komme dir schon noch auf die Schliche!" Zweitens die weiche Weise: "Sprich, Freund, lass laufen ... aha ... soso ... faszinierend!"

Jürgen Domian hat die weiche Variante zusätzlich in Watte verpackt, sodass die Leute es wirklich laufen lassen. Selbst wenn sie sich um Kopf und Kragen redeten, konnten sie die Manege mit hoch erhobenem Haupt verlassen. In 20 Jahren wurde er damit zum "Kultmoderator", dem vielleicht einzigem im Lande.

Was auch daran lag, dass seine Gäste auch im Fernsehen unsichtbar blieben. Keine Gesichter, nur anonyme Stimmen im Kopf - oder eben Kopfhörer - von Domian. Das waren Podcasts avant la lettre, ergänzt höchstens um die sehr sanfte Attraktion, ihm beim Zuhören zuschauen zu können.

"Ich weiß nicht, was heute Abend passiert"

Nach einem Sabbatical kehrt Domian nun mit neuem Konzept zurück. Bei "Domian live" gibt es ein Publikum in der abgedunkelten, zum Studio umfunktionierten WDR-Kantine. Hinter der Panoramascheibe rollt der Verkehr über die Tunisstraße. Davor steht Jürgen Domian und sagt: "Ich weiß überhaupt nicht, was heute Abend passiert. Ich weiß nicht, wer kommt".

Und so kann man ihm dabei zuschauen, wie er sich auf Christian einlässt, seinen ersten Gast. Der hat Neurofibromatose, seltene Krankheit, Tumore überall im Körper. "Was kann man denn gegen die Krankheit tun?" - "Eigentlich gar nichts." - "Wie sehr schränkt dich das im Alltag ein?" - "Eigentlich ziemlich." Tja. "Toll wäre ja noch", sagt Domian zum Abschied, "wenn sich was ergeben würde in Sachen Liebe".

Die Menschen zu sehen, die hier ihre Probleme oder Lebensgeschichten mit der Schubkarre hereinfahren, nimmt dem ursprünglichen Konzept ein wenig den Reiz. Eine weitere Talkshow, in der Leute hocken und reden.

Dass Domian wirklich zum Blind Date antritt, spürt man kaum. Er redet mit seinen Gästen, wie jeder freundliche Mensch im Zugabteil mit einer entsprechend auskunftsfreudigen Zufallsbekanntschaft reden würde. Oder ein gewöhnlicher und sehr weicher Moderator, der Gäste interviewt. Das kann man, je nach Gemüt, schön altmodisch oder schrecklich altbacken finden.

Im Gespräch hakt Domian kaum nach

Körpersprachlich bleibt Domian betont zurückgelehnt. Die Beine schlägt er nur übereinander, wenn's nicht so gut läuft. Dann wippt er auch mit den Füßen, aber nur ein wenig. Die Kamera wirkt nervöser als Domian. Im Gespräch hakt er kaum nach, weil Nachhaken die harte Tour wäre. Eher schmiegt er sich an. Etwa bei Francis, 49, die bei den Zeugen Jehovas ausgestiegen ist, weil sie von ihrem Mann geschlagen wurde. "Geschlagen", sagt sie, "und da waren noch andere Sachen".

Für "andere Sachen" interessiert sich Domian traditionell sehr: "Du sagst, da waren noch andere Sachen? Was hat er gemacht?" - "Ich bin ... auch vergewaltigt worden." - "In der Ehe?" - "Ja." - "Wie oft?" - "Das kann ich gar nicht mehr so sagen." - "Weil das so oft war?" -"Nein, weil das ein Thema ist, mit dem ich eigentlich schon abgeschlossen habe."

Endlich will Domian "da auch nicht weiterbohren", wobei er früher genau da weitergebohrt hätte wie ein guter Zahnarzt. Vielleicht hemmt ihn das sichtbare Gegenüber, vielleicht auch die offene Verehrung, die seine Gesprächspartner mit ins Studio bringen. Drei von vier Gästen in dieser späten Stunde begrüßen den Moderator wie einen alten Freund. Man kennt sich aus unzähligen Nachtsendungen.

Eine Marikka beispielsweise, 66, Straßenbahnfahrerin aus Köln, berichtet von einer neunjährigen Affäre mit einem Mann: "Dieser Mann hat mich ausgepeitscht, und es war wunderschön" beziehungsweise "einfach sensationell", die üblichen Segnungen des Sadomasochismus.

Vorerst nur vier Folgen geplant

Eigentlich ein ideales Thema für Domian. Der lauscht den Schwärmereien der Dame, kann beim besten Willen kein Problem entdecken und sagt irgendwann unvermittelt: "Ich frage mich die ganze Zeit: Warum bist du bei mir, um das zu erzählen? Warum?"

"Wenn ich das wüsste", sagt Marikka. Vielleicht sei es ein guter Abschluss der Angelegenheit? "Und außerdem wollte ich dich sehen! Wenn ich erzählt hätte, was ich gestern gegessen habe, wäre ich nie eingeladen worden." Diesen Rückkopplungseffekt gab es bei Domian auch schon früher. Er war nur nie so augenfällig.

Vier Folgen von "Domian live" sind vorerst geplant, quotentechnische Mitnahmeeffekte auf dem komfortablen Sendeplatz nach dem "Kölner Treff" nicht ausgeschlossen. Ob der WDR den Freund sprechen oder die Sendung einfach laufen lassen wird? Domian würde sagen: "Ich weiß nicht, was kommt."



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
dasfred 09.11.2019
1. Ich bin noch mit Dr. Erwin Markus im Radio aufgewachsen
Da war dann Domian nix besonderes mehr und nach ein paar Folgen fand ich, die paar Gespräche mit echtem Unterhaltungswert waren die vielen Langweiler dazwischen nicht wert. Vielleicht ist die heutige Zielgruppe jünger und noch nichts so abgeklärt, aber ich habe das Gefühl, das Konzept hat sich totgelaufen.
mischamai 09.11.2019
2. schade, Domian ist zu schade fürs TV
Kenne Domian schon über 20 Jahre durch seine wunderbaren, tabufreien Nachtsendungen.Das waren Geschichten die bewegten und für immer im Kopf bleiben. Nun in Zeiten wo gesunde Menschen sich immer mehr dem TV entziehen, das in einer der langweiligsten Talkshowangebote, da braucht man ganz sicher kein neues Profil. Domian war der Macher im Radio, so möchten wir ihn wiederhaben, aufgeweckt, tabulos und mit sehr guten Antworten. Seine Gespräche als Podcast zu hören war immer eine top Unterhaltung. Weichgespühlte TV Formate brauchen wir nicht, das TV ist sowieso verlorene Zeit.
mypleasure 09.11.2019
3. Teilhabe,Demokratie & Mitbestimmung
Leider können die Millionen von Bundesbürger/-innen weder inhaltlich noch strukturell mitbestimmen, was und wer in den unzähligen öffentlich-rechtlichen "Angeboten" reinkommt oder nicht - obwohl sie dafür ein Leben bezahlen müssen. Es existiert ein riesiger aufgeblähter Staatsapparat an Tv-,Radio- und Online"angeboten", aber keiner in der Bevölkerung weiß genau, warum, für wen, mit wem diese Unsummen an Millionen ausgegeben werden. Soll das eine moderne Demokratie darstellen? Es ist eben leider nicht nur die (mittlerweile sehr altbackene) Tagesschau. Der ganze öffentlich-rechtliche "Staat im Staat" muss drastisch reduziert,reformiert und allen zahlenden Bundesbürgern/-innen zugänglich gemacht werden. Lieber würde ich die Rundfunkgebühren als extra Summe neben den Steuern für Bildung, Umwelt, Soziales usw. spenden als für "Hart aber fair", "Domian", "Musikantenstadl" und unzählige talentfreie Moderatoren/-innen, Redakteure, X-Personal und überbezahlte Gäste,die samt alle eine goldene Nase damit verdienen.
rechercher 09.11.2019
4. Sehr treffend
Zitat von mypleasureLeider können die Millionen von Bundesbürger/-innen weder inhaltlich noch strukturell mitbestimmen, was und wer in den unzähligen öffentlich-rechtlichen "Angeboten" reinkommt oder nicht - obwohl sie dafür ein Leben bezahlen müssen. Es existiert ein riesiger aufgeblähter Staatsapparat an Tv-,Radio- und Online"angeboten", aber keiner in der Bevölkerung weiß genau, warum, für wen, mit wem diese Unsummen an Millionen ausgegeben werden. Soll das eine moderne Demokratie darstellen? Es ist eben leider nicht nur die (mittlerweile sehr altbackene) Tagesschau. Der ganze öffentlich-rechtliche "Staat im Staat" muss drastisch reduziert,reformiert und allen zahlenden Bundesbürgern/-innen zugänglich gemacht werden. Lieber würde ich die Rundfunkgebühren als extra Summe neben den Steuern für Bildung, Umwelt, Soziales usw. spenden als für "Hart aber fair", "Domian", "Musikantenstadl" und unzählige talentfreie Moderatoren/-innen, Redakteure, X-Personal und überbezahlte Gäste,die samt alle eine goldene Nase damit verdienen.
Ihr Beitrag beschreibt die Ursache der Unzufriedenheit mit der sog. GEZ/Rundfunkgebühr sehr genau. Es wäre wirklich angebracht, dass die Öffentlich Rechtlichen nicht nur in den dritten, oder wievielten Programmen Sehenswertes, Interessantes bieten. Als weiteres Beispiel nenne ich mal den vollkommen überflüßigen Sender namens "ONE", der bspw. den am Sonntagabend um 20:15 im Ersten gesendeten (generell ebenso überflüßigen) Tatort um 21:45 UND am gleichen Abend um 23:45, also gleich doppelt wiederholt. Und dies Sonntag für Sonntag, wie es hier nachzulesen ist: https://www.fernsehserien.de/tatort/sendetermine Da fragt man sich glaube ich zurecht, was alles wohl in den Köpfen mancher Programmgestalter abgeht.
danny1805 09.11.2019
5. Wiedersehensfreude
Ich fand es auch erstmal gewöhnungsbedürftig die Leute welche man sonst nur im Radio gehört hat zu sehen und ich schätze Jürgen ging es genauso bin jetzt seit 2001 dabei und fand es im großen und ganzen gelungen für die erste Sendung da hat wirklich die Wiedersehensfreude überwogen bin gespannt wie die nächsten Ausgaben werden
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