Letzte Domian-Sendung Aufgelegt

Fast 22 Jahre hörte Jürgen Domian die Sorgen und Nöte von Schlaflosen, Einsamen, Betrunkenen. In einem Land, das sich immer mehr spaltet, suchte er den Dialog. Nun ist Schluss - auch weil er an seine Grenzen kommt.

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Einmal habe ich auch bei Jürgen Domian angerufen. Beruflich. Sofort hatte ich diesen vertrauten Singsang im Ohr, mit dem er fast 22 Jahre lang die Menschen bequatschte. Immer montags bis freitags. Immer zwischen ein und zwei Uhr nachts, beim Radiosender 1Live und im WDR-Fernsehen. Heute, nach 23.000 Telefongesprächen, wird damit Schluss sein.

Für seinen Abschied, den Domian vor gut einem Jahr ankündigte, hat er sich bereits einen schönen Satz zurechtgelegt: Er wolle "endlich mal wieder die Morgensonne sehen". Das klingt wie ein Grubenarbeiter, der nach zwei Jahrzehnten aus dem Stollen klettert, um wieder am Leben teilzunehmen. Dabei war niemand näher dran an der deutschen Seele als Jürgen Domian.

Über all die Jahre hat die Sendung dokumentiert, wie das Land sich wandelt. Dafür riefen Menschen bei Domian an und sprachen über alles, was sie bewegte. In den ersten Jahren ab 1995 war das vor allem Sexualität: Ein Mann befriedigte sich inmitten von 60 Kilogramm Hackfleisch, ein anderer liebte seinen Gummibaum, eine Frau ihren Bruder. Ein bisschen Unterhaltung, viel Voyeurismus.

Schnell ging es aber nicht nur um das Abseitige. Themen wie Liebe, Tod sowie Einsamkeit wurden zentral für die Sendung. Menschen mit Leukämie im Endstadium riefen an oder eine Frau, deren Kind entführt wurde. Situationen, so grausam, dass man keinen Trost formulieren kann. Sondern nur zuhören.

Als in Eschede ein ICE verunglückte, meldeten sich noch in derselben Nacht Angehörige bei Domian. Auch die ersten deutschen Augenzeugen vom 11. September 2001 schilderten ihre Erlebnisse bei ihm. Zuletzt riefen häufiger Menschen mit Migrationshintergrund an, die sich kulturell zwischen zwei Welten gefangen sehen. Junge Frauen, schwule Muslime.

Er sprach mit Mördern, Kinderschändern und Nazis

Schon früh meldeten sich auch Menschen bei Domian, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlten, von der Politik verraten, von den Medien überfordert. Domian sprach mit Nazis und Pegida-Anhängern, mit Mördern, Kinderschändern und prügelnden Ehemännern. Seine Maxime war, mit jedem Menschen zu reden, solange sie überhaupt noch reden. Und zwar schon bevor daraus ein politisches Kalkül wurde.

In einem Land, das sich immer mehr spaltet, wirkt der Radiotalker plötzlich nicht mehr gestrig, sondern wie einer der wenigen, der wirklich auf Augenhöhe einen Dialog sucht.

Das brachte ihn auch an Grenzen. Den Mauerschützen, der zwei Menschen bei dem Versuch zu fliehen erschoss, und keine Reue zeigte, warf er aus der Leitung. Die Anrufer vergaßen häufig, dass sie in einer Radio- und TV-Sendung sind. Denn die Nacht öffnet Seelen, potenziert Empfindungen, macht alles größer, schlimmer, besser, dringlicher. Oft wollten die Menschen keinen Ruhm, sondern Seelsorge, Absolution, überhaupt irgendjemand, der ihnen zuhörte. Domian bereitete Ihnen ein Nachtlager.

Dabei wurde es immer schwieriger, je detaillierter ein Anrufer seine Probleme schilderte. Teilweise war es körperlich anstrengend, die Gespräche mit anzuhören und mitzuerleben, wie Domian das Leben von Menschen, die sich offensichtlich in schweren Krisen befanden, neu sortierte. Regelmäßig wurden die Anrufer danach an den anwesenden Psychologen durchgestellt, denn Domian ist kein Therapeut.

Dennoch: Seine Gesprächsführung, seine Fähigkeit zur Konzentration, die Begabung, Zwischentöne zu hören, hat in der deutschen Talkshow-Landschaft Seltenheit. Für sein soziales Engagement wurde Domian bereits mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Der Radiosender 1Live verlieh ihm kürzlich einen Sonderpreis für herausragende Leistungen.

Ein Malocher, der mit Hörsturz moderiert

Das alles funktionierte auch deshalb so gut, weil der Moderator Jürgen Domian nie schillerte. Er war ein Malocher, der sich gemeinsam mit dem Publikum die Nacht um die Ohren schlug. Der selbst Schlafprobleme hatte und versuchte, mit Rotwein, Melatonin-Tabletten und Ohrenstöpseln dagegen anzukämpfen, bis er morgens um halb sechs ins Bett fiel. Zweimal hat Domian eine Sendung mit Hörsturz moderiert. Schließlich rieten ihm auch seine Ärzte, seinen Lebenswandel zu ändern.

Die Leute sprachen aber auch deshalb so offen mit Domian, weil sie Respekt vor ihm hatten. Domian ist kein geleckter Jörg Pilawa, sondern hat selbst oft genug blank gezogen - auch in der Sendung.

Über die Jahre offenbarte er eine vielschichtige Biografie: Vater Hausmeister, Mutter Putzfrau. Er musste kämpfen, um auf dem Gymnasium zu bestehen, war Bulimiker, fanatischer Christ und führte lange einen inneren Kampf um die eigene sexuelle Orientierung. Wird er nach seinem Lebensthema gefragt, antwortet Domian: der Tod.

"Mein Menschenbild ist negativer geworden"

In seiner letzten Woche sprach Domian unter anderem noch mal mit einem Erdogan-Anhänger, einer Frau ohne Lebensmut, einem Mann, der seine Ex-Freundin geschlagen hat, aber auch mit Silke, die durch eine Gesichtsmassage einen Orgasmus erlebte. In der Nacht von Freitag auf Samstag wird Domian dann zum letzten Mal auf Sendung sein.

Wenn man hört, was Domian aus all den Talk-Jahren für eine Erkenntnis gezogen hat, könnte man zunächst besorgt sein. "Mein Menschenbild ist negativer geworden", sagte er in diversen Abschiedsinterviews. Er sei dünnhäutiger geworden, kämpfe öfter mit den Tränen.

Ich erinnere mich aber an mein Interview mit Domian. Wir sprachen damals länger als nötig. Nach dem Gespräch schickten wir uns noch ein paar E-Mails zur Autorisierung. In seiner letzten Nachricht an mich schrieb Domian: "Wenn irgendetwas anderes mal ist: Sie können sich sehr gerne bei mir melden." Darunter stand eine Handynummer.



insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
klyton68 16.12.2016
1. Die letzte Sendung?
Ich dachte, die sei längst gewesen. Dann darf man sich darauf einstellen, die wievielte letzte Sendung das jetzt war. Aber er hatte ja kuriose Anrufe. Erinnerte an Woody Allan und sein Schaf. So mancher hat sich da auch nen Jux gemacht
sabato.74 16.12.2016
2. Schöner Text...
...danke dafür. Domian, Dir möchte ich sagen: Du bist ein super Typ. Total authentisch, aufmerksam, verständnisvoll. So oft bin ich nachts beim Zappen bei Dir hängengeblieben. Erstaunlich, denn eigentlich sieht man ja gar nichts. Deine Arbeit hat mein Leben durchaus bereichert.
Institutsmitarbeiter 16.12.2016
3.
Schöner, einfühlsamer Text.
comeback0815 16.12.2016
4.
Glashäuser sind zerbrechlich.
allessuper 16.12.2016
5. Und nun hat er aufgehört.
wie Volker Pispers auch, und andere sensible, intelligente Menschen in dieser Republik. Kein schönes Zeichen in diesen Zeiten.
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