Comeback von Domian "Mein Bild vom Menschen hat sich verschlechtert"

Im Bergwerk der menschlichen Abgründe: Mehr als 20 Jahre talkte sich Jürgen Domian durch Scham und Schmerz seiner Anrufer. Jetzt kehrt er zurück. Ein Gespräch über das Zuhören, Aufhören - und die AfD.

Jürgen Domian
Annika Fußwinkel/ WDR

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Zur Person
  • Henning Kaiser/ DPA
    Jürgen Domian, Jahrgang 1957, war jahrzehntelang Deutschlands berühmtester Telefon-Talker. Am 8. November kehrt er mit "Domian Live" zum WDR zurück - vorerst für vier Folgen. Wie früher soll es in seinem Talk um Menschliches und Allzumenschliches gehen, nur diesmal vor Publikum und mit Gästen nicht am Telefon, sondern im Studio.

SPIEGEL: Herr Domian, mehr als zwei Jahre nach Ihrem Abschied von der nächtlichen Talksendung "Domian" kehren Sie nun mit einem erweiterten Talk-Konzept zurück. Warum sind Sie überhaupt gegangen?

Jürgen Domian: Ich war ja nicht ganz weg, ich habe mich nur aus der Nacht-Sendung zurückgezogen.

SPIEGEL: Weil die Nacht zu tief war?

Domian: Ganz genau. Ich habe 22 Jahre komplett verdreht gelebt, dadurch, dass ich jede Nacht erst gegen halb sechs ins Bett gegangen bin. Wir hatten noch Nachbesprechung bis drei Uhr, und wenn man dann heimkommt, kann man nicht sofort schlafen.

SPIEGEL: Besonders, wenn man schon die Vögel zwitschern hört.

Domian: Genau! Wie ein Vampir habe ich die Wohnung verdunkelt und mit Ohrenstöpseln für Ruhe gesorgt. Das hatte natürlich gravierende Auswirkungen auf das Sozialleben und brachte große Komplikationen im Alltag mit sich, wenn man erst nachmittags in die Pötte kommt. Aber entscheidend für den Ausstieg war die Gesundheit. Ich habe einige Schüsse vor den Bug bekommen. Und dann sagten nicht einige Ärzte, sondern alle: "Raus aus der Nacht!"

SPIEGEL: Die Sendung lief gut.

Domian: Absolut! Es war gut, auf dem Höhepunkt zu gehen. Es ist schrecklich, wenn man aus dem Studio getragen wird.

SPIEGEL: Einfach aufhören und es dabei bewenden lassen, das ist nicht mehr angebracht?

Domian: Für mich irgendwann schon. Ich glaube, dass nur sehr wenige Menschen wirklich überzeugend loslassen können. Dazu gibt es in den Medien und in der Politik jeweils ein leuchtendes Beispiel. In den Medien waren das Kurt Felix und Paola. Die waren auf dem Zenit und haben "Verstehen Sie Spaß?" mit der Begründung abgegeben, genug Geld verdient zu haben und das noch eine Weile in ihrem Haus in Lugano genießen zu wollen.

SPIEGEL: Nur ein paar Jahre später war Kurt Felix tot.

Domian: Ja. Und genau deshalb haben sie es richtig gemacht. In der Politik war das Genscher. Alle dachten, der wird Uno-Generalsekretär oder so - aber nichts, höchstens mal ein Auftritt in den Talkshows, das war's schon. Respekt!

SPIEGEL: Sie waren in Ihrer Auszeit auf Tournee, haben ein Buch geschrieben, waren auf Lesereise - und haben dann ein Sabbatical gemacht. Wo?

Domian: Ich war in Lappland. Das mache ich seit 17 Jahren. Ich miete mir in der Wildnis eine Blockhütte, meistens in Nordfinnland, manchmal auch in Schweden.

SPIEGEL: Und was machen Sie da?

Domian: Nichts. Ich schlafe und wandere. Es ist wie Exerzitien halten. Ich habe immer einen Sack Bücher bei mir, aber ich lese meistens nichts, weil mir das zuviel Input ist. In die Stille und das Nichts abzutauchen, ist großartig. Wobei die ersten Tage immer schlimm sind.

SPIEGEL: Warum?

Domian: Es ist wie Entzug. Unser Alltag ist laut, hektisch, nervös, wir sind reizüberflutet. Stille und Schweigen gibt es in unserer Welt kaum. Und wir sind es nicht gewohnt, uns selbst zu sehen. Genau das aber geschieht, wenn man stundenlang alleine durch die Tundra wandert. Man wird gnadenlos mit sich selbst konfrontiert, muss in die eigenen Abgründe schauen. Die schlimme Zeit dauert ungefähr eine Woche. Danach wird es großartig. Ich denke nichts mehr. Es ist wie eine tiefe Meditation.

SPIEGEL: Glück?

Domian: Mehr als Glück, Glück ist das nicht. Glück ist ein Feuerwerk, das vergeht. Heftig ist dann immer die Rückkehr. Ich fahre mit dem Auto, und sobald ich wieder auf die deutsche Autobahn komme - das ist Krieg, hier. Ich kann auch die erste Zeit kaum sprechen, obwohl das mein Job ist.

SPIEGEL: "Domian" war ein Ort für Abweichungen, wo das vermeintlich Perverse zur Sprache kommen konnte. Heute ist das schon fast normal, oder?

Domian: Ja. Und das ist gut. Früher waren Menschen, die eine transsexuelle Identität hatten, vollkommen geächtet. Heute sind wir beim WDR so weit, dass wir in öffentlichen Anschreiben alle Gender berücksichtigen. Das ist doch toll! Ganz zu schweigen vom Schwulsein. Das war, als wir angefangen haben, noch abseitig. Heute ist es weitgehend akzeptiert. Wir waren auch die erste Sendung, in der ausführlich über sexuellen Missbrauch gesprochen wurde. Heute ist das ein ganz großes Thema. Inzwischen ist auch das Internet ein Raum, in dem ein Reden oder ein Austausch über diese Dinge möglich ist.

SPIEGEL: Was nicht jeder gut findet. Nehmen Sie nicht auch einen politischen Rückstoß wahr, eine Sehnsucht nach vergangenen Zeiten, in denen angeblich alles "normal" war und die Abweichung von der Norm geächtet wurde?

Domian: Ja, aber diesen Rückstoß können wir verkraften. Ich bin optimistisch, dass sich die liberalen oder progressiven Kräfte in unserer Gesellschaft durchsetzen werden. Die AfD finde ich auch schrecklich, aber damit muss man sich auseinandersetzen. Das ist Demokratie, Punkt. Das werden wir schon schaffen.

SPIEGEL: Eine rechte Redewendung ist: "Das darf man heute gar nicht mehr sagen!". Könnte jemand in Ihre Sendung kommen und erklären, dass er "Neger nicht mag"?

Domian: Das könnte er sagen. Und er würde dann sofort korrigiert, dass man diesen Ausdruck nicht benutzt, weil damit Menschen über Jahrhunderte unglaublich entwürdigt und verletzt wurden. Wenn er etwas zu sagen hat über schlechte Erfahrungen mit Schwarzen, mit Afrodeutschen oder wem auch immer - ja, warum denn nicht?

SPIEGEL: Weil es rassistisch wäre?

Domian: Ich will Ihnen mal ein Beispiel nennen. Ich komme selbst aus der linken und alternativen Ecke. Was mich aufregt, ist, dass es auch dort Denkverbote gibt. Ich werde bald wahnsinnig über das Schweigen in dieser ideologischen Ecke, wenn es um den Horror und das Leid geht, den schwule Jungs oder lesbische Mädchen aus islamischen Familien erleben. Wir haben uns früher über Diskriminierung beklagt. Diese jungen Leute haben Angst um Leib und Leben. Warum fordert man nicht ein, dass die sich auch an der liberalen Ausrichtung unserer Gesellschaft zu orientieren hat? Nein, das ist dann Rassismus. Das ist doch absurd! In solchen Dingen überschreite ich gerne die politische Korrektheit.

SPIEGEL: Hat ein knappes Vierteljahrhundert im dunklen Bergwerk der menschlichen Abgründe Ihr Bild von Menschen verändert?

Domian: Es hat sich verschlechtert. Dafür habe ich in zu viele Abgründe geschaut. Andererseits sind mir so viele großartige, tapfere und couragierte Menschen begegnet, dass ich tief beeindruckt bin von dem Guten im Menschen. Es hält sich also die Waage.


"Domian Live", ab 8. November im WDR Fernsehen. Hotline-Nummer 0800 220 88 99, Kontakt-E-Mail: domian@wdr.de



insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
Mark8839 08.09.2019
1.
Ein beeindruckender Mensch der eine beeindruckende Sendung hatte.
klautofobe 08.09.2019
2. Domian ist klasse!
Ich freu mich schon weitere Themen von Domian, weiter so!
Jochen2002 08.09.2019
3. Falscher Titel
Am Ende sagt Domian doch "es hält sich die Waage" - wieso dann dieser missverständliche (eigentlich ja falsche) Titel?
kara_ben_nemsi 08.09.2019
4.
Zitat von Domian: "Ich komme selbst aus der linken und alternativen Ecke. Was mich aufregt, ist, dass es auch dort Denkverbote gibt. Ich werde bald wahnsinnig über das Schweigen in dieser ideologischen Ecke, wenn es um den Horror und das Leid geht, den schwule Jungs oder lesbische Mädchen aus islamischen Familien erleben. Wir haben uns früher über Diskriminierung beklagt. Diese jungen Leute haben Angst um Leib und Leben. Warum fordert man nicht ein, dass die sich auch an der liberalen Ausrichtung unserer Gesellschaft zu orientieren hat? Nein, das ist dann Rassismus. Das ist doch absurd! ". Ein großartiges Statement von einem beeindruckenden Menschen. Es gelingt ihm nicht nur an diesem Beispiel, die Widersprüche unserer Zeit zu verbalisieren. Es bräuchte mehr solcher relevanten Influencer in unserer Gesellschaft!
IngoLars 08.09.2019
5. Überschreiten der politischen Korrektheit
Mein lieber Jürgen, schön zu lesen, dass Du den Mut hast offensichtlich unsinnigen Denkverboten zu widersprechen. Genau das verstehe ich nämlich auch nicht. Einerseits die Gleichstellung von Mann und Frau fordern, dann aber als Rassist und fremdenfeindlich abgestempelt zu werden, wenn man diese Gleichberechtigung z.B. von unseren islamischen Mitbürgern einfordert. Wir leben in einer säkularen Gesellschaft, die hoffentlich aufgeklärt, liberal und freiheitlich denkt. Es muss erlaubt sein all jenen entgegen zu treten, die aus welchen Gründen auch immer, das in Frage stellen.
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