TV-Talks zu Jugendgewalt "Lass das!"

Was tun gegen jugendliche Gewalttäter? Soll man sie wegsperren, therapieren, ihnen "das Böse" austreiben? Maybrit Illner und Reinhold Beckmann ließen in ihren TV-Talks den Einbruch des Entsetzlichen in unseren Alltag diskutieren. Fazit: Gegen sinnlose Brutalität hilft eigentlich - gar nichts.
Tina K., Schwester des getöteten Jonny K.: "Kämpfen, dass so was nicht noch mal vorkommt"

Tina K., Schwester des getöteten Jonny K.: "Kämpfen, dass so was nicht noch mal vorkommt"

Foto: dapd

Wann immer die Gewalt in unsere Gesellschaft einbricht, folgt verlässlich ein aufgeregtes bis beileidiges Geschnatter, mit dem die Wunde wieder geschlossen werden soll. Orchestriert wird dieses seltsame Ritual von den Medien, wie auch "Maybrit Illner" und "Beckmann" am Donnerstag kein anderes Thema kannten als eben den jüngsten Einbruch des Entsetzlichen in unseren geordneten Alltag, den Totschlag eines 20-Jährigen am Alexanderplatz in Berlin. Es ist immer gut, darüber zu reden.

Die Frage ist freilich, wie darüber geredet wird. Und mit wem. "Woher kommt diese Brutalität?", fragt Maybrit Illner den geläuterten Gewalttäter und Ersatz-Bushido Challa, und der fordert als Antwort mehr Geld für Streetworker und Sozialarbeiter. Applaus. Rainer Wendt, Chef der Polizeigewerkschaft, hält den Zufluss von Steuergeldern in entsprechende Projekte für sinnlos. Auch Applaus. Wendt fordert im Chor mit der resoluten Journalistin Güner Balci mehr "Wachen" vor Ort, mehr Einsatzgruppen, mehr Überwachungskameras, kurzum: mehr Staat. Wenn Prävention versagt habe, so mit 12, 13, dann helfe nur noch "wegsperren", damit nämlich die potentiellen Opfer wenigstens für ein Weilchen ohne Überfall über die Straße kommen.

Wendt hat sich vor allem auf Thomas Heilmann (CDU) eingeschossen, den Berliner Justizsenator, der wiederum darauf bedacht ist, allseits souverän, engagiert und handlungsfähig zu erscheinen. Den von der "Bild"-Zeitung in Istanbul aufgestöberten mutmaßlichen Täter würde er "am liebsten selbst dort abholen", wären ihm nicht die Hände gebunden. Auch sonst erweckt Heilmann den Eindruck, noch viel vorzuhaben, nicht nur als Justizsenator: "Ich will in den vier Jahren, die ich das noch machen werde, viel ändern."

Ist die Religion schuld? Ist Deutschland schuld? Der Papa? Die Kuscheljustiz?

Maybrit Illner will ferner wissen, wie wir "diese Jugendlichen" dazu bekommen, sich statt an Gewalt an einer "gewissen Bürgerlichkeit" zu orientieren - und macht ("Ich weiß, dass das jetzt nicht pc ist") das Fass vom muslimischen Hintergrund mancher Straftäter auf, das denn auch prompt von irgendeiner Studie untermauert wird. Überhaupt wird mal Statistik, mal Psychologie, mal Soziologie in Stellung gebracht, um die Wunde zu schließen. Ist die Religion schuld? Ist Deutschland schuld? Der Papa? Die Kuscheljustiz? Und wie kommt es eigentlich, dass für Bluttaten gerade jugendlicher Delinquenten immer alles Mögliche verantwortlich sein soll - bis auf die Täter selbst, die offenbar marionettengleich von irgendwelchen "gesellschaftlichen Umständen" gelenkt wurden. "Zynisch könnte man sagen", sagt Illner eher lapidar als zynisch, "die Jungs waren zur falschen Zeit am falschen Ort."

Dem kann auch Tina K. nur zustimmen, die tapfere Schwester des Opfers, deren Bereitschaft, in Talkshows zu gehen, sich die Talkshows offenbar nicht entziehen können. Tina "weiß, dass Jonny ein toller Mensch war" und will dafür kämpfen, dass "so was nicht noch mal vorkommt". So wie der Schauspieler Christian Berkel, der seine Prominenz dazu nutzt, den Blick weg von den Tätern und hin zu den Opfern zu lenken. Er spricht wie ein Vertreter von Weißer Ring e.V. und behauptet, es gäbe einen "Vertrag zwischen Bürger und Staat" darüber, dass der Bürger keine Rache ausüben dürfe, das sei Monopol des Staates. Rache? Wirklich?

Am Ende meint Illner, dies sei nun kein Thema gewesen, bei dem man in absehbarer Zeit "einen Punkt" machen könne. Eine schöne Überleitung zu Reinhold Beckmann. Der zoomt in seiner Sendung zurück in eine wohltuende Totale und fragt nach der "Natur des Bösen - kann jeder Mensch zum Mörder werden?" Bis auf die Publizistin und Kriegsreporterin Carolin Emcke mag sich niemand auf einen philosophischen Diskurs über das Böse einlassen.

"Was ist denn das Böse?"

Beckmann will wissen: "Was ist das Grundsätzliche des Bösen, was ist das Böse?" Carolin Emcke zitiert versuchsweise Hannah Arendts Satz vom "sprachlosen Entsetzen", der zwar gut klingt, im Rahmen einer eher heiter verplapperten Talkshow aber nicht recht verfängt. Emcke fragt überdies nach dem "Nährboden", den "unsere Gesellschaft" dem Bösen bereite. Eine Antwort bekommt sie in dieser eher therapeutisch-theologisch aufgestellten Runde nicht.

Da ist Johannes Kneifel, der als jugendlicher Neonazi einen Menschen getötet hat und heute als angehender Priester über "das Böse" sprechen kann, zu dem er von Beckmann regelrecht staatsanwaltschaftlich vernommen wird. Was haben Sie empfunden? Was haben Sie sich dabei gedacht? Sie waren nicht in der Lage, Empathie für Ihr Opfer zu empfinden? Am Ende aber begab es sich, dass in der Gefängniskapelle der liebe Gott zu Kneifel sprach, ihm vergab und ermöglichte, künftig anderen Jugendlichen das hohe Lied der Gewaltlosigkeit zu singen. Ein Erweckungserlebnis, zu dem ihm Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche, nur herzlich gratulieren kann. Carolin Emcke dagegen "wird nervös", wenn das Töten eines Menschen zu einem "asset" umdefiniert wird, einem Gut also, das dem gewendeten Täter eine besondere Glaubwürdigkeit verleihen soll.

Beckmann beharrt darauf, dass "uns das Böse fasziniert, wir schauen gebannt darauf", und ausgerechnet Schneider antwortet so schlau wie knapp: "Die Theologie sagt: Lass das!" Wichtiger als das Böse sei es, sich am Guten zu orientieren.

"Es gibt Leute, denen macht das einfach Spaß"

Professor Frank Urbaniok begutachtet professionell Kriminelle und beruhigt mit einem wissenschaftlich nüchternen Blick. Er unterscheidet zwischen Situations- und Persönlichkeitstätern und erklärt die angebliche Faszination für das Böse evolutionsgeschichtlich, weil es "in einer Sippe durchaus sinnvoll gewesen sein mag, das Böse im Auge zu behalten", so wie man heute noch unwillkürlich einen Fernseher im Auge behält, der in einem Restaurant läuft.

Zu Beckmanns Gästen zählt auch die Psychologin Susanne Preusker, die Sexualstraftäter therapierte und dabei selbst Opfer eines Gewaltverbrechens wurde. Sie kann sich nicht erklären, wie es "dazu" kommen konnte und weiß nur, dass sie "nicht verzeihen kann, niemals", und sie sagt es mit bebender Bestimmtheit: "Es gibt Leute, denen macht das einfach Spaß, das lässt sich nicht wegtherapieren."

Und vielleicht ist es ja wirklich so. Vielleicht ist ja wirklich der junge Mann das unberechenbarste Raubtier auf diesem Planeten und sein bevorzugtes Opfer ein anderer junger Mann, der zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Es mag therapeutisch, rituell und immunologisch sinnvoll sein, stundenlang über "sinnlose" Gewalt und die Lücken in unserer zivilisatorischen Abwehrkette zu reden. Wahrscheinlich aber gibt es nichts, was wir dagegen tun können. Es wird wieder vorkommen. Natürlich.

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