Jugendtalk mit Markus Kavka Wegducken statt Aufmucken

Die jungen Leute von heute! Alles ist ihnen latte, Hauptsache der Lifestyle stimmt. Markus Kavka sollte sich für den ZDF-Infokanal die "Generation Warmduscher" vorknöpfen und ihnen soziales Gewissen beibringen. Dafür hätten Sender und Moderator die Jugend aber mal ernst nehmen müssen.

Moderator Kavka mit Talkgast Nora Tschirner: Alles "Warmduscher" hier?
ZDF

Moderator Kavka mit Talkgast Nora Tschirner: Alles "Warmduscher" hier?

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Der Titel war schon mal unglücklich gewählt, wie Talkgast Jens Jessen von der "Zeit" schon zu Anfang bemerkte. Denn "Warmduscher" sind sie ja nun wahrlich nicht, die Vertreter jener Generation, die Moderator Markus Kavka in seinem Jugend-Talk aufs Korn nehmen wollte. Vielmehr seien sie "allzu taff, tüchtig, aber auch resigniert und übermäßig realistisch", sagte Jessen und erbat von den Jungen jenen "querulantische Energie", die eine Gesellschaft vor der Lähmung bewahre.

Tja, rebellische Zeiten sind es nicht, in denen ein weißhaariger Feuilleton-Chef von der Jugend ein bisschen Aufstand einfordern kann. Man hätte sich gewünscht, dass einer der ratlos dreinblickenden Twentysomethings aufspringt und ruft: Aber Sie drucken doch auch diese Hochschulrankings und Karrieretipps, die uns Angepasstheit nahe legen!

Natürlich geschah nichts dergleichen. Von "Anpassungsterror" sprach nur Jessen selbst und erinnerte sich wohlig an seine Studententage, die er in einem saubilligen WG-Zimmer mit dem Verzehr von Haferflocken verbringen musste - und trotzdem glücklich war: "Niemand hat einem gesagt, dass man Karriere machen muss."

Leicht haben sie's wahrlich nicht, die jungen Nichtrebellen von heute, das wurde in dem Talk auf ZDF Info mehr als deutlich. Andächtig glucksend schaute sich das Studiopublikum Rudi-Dutschke-Filmschnipsel an - und jene unverwüstliche Szene, in der Nikel Pallat, Manager von Ton Steine Scherben, 1971 eine TV-Gesprächsrunde dadurch beendete, dass er den Couchtisch mit einer Axt zerstörte.

Rüde, müde, Attitüde

Worum es damals ging? Nicht so wichtig. Damals muckte die Jugend jedenfalls noch auf. Heute ist sie apathisch und ängstlich, das ist die Message der eingestreuten Einspielfilme: Die schlimmste Krise der Nachkriegsgeschichte, der größte Schuldenberg aller Zeiten, ungebremster Klimawandel - das macht euch Angst. Und was tut ihr? Nichts. Ihr träumt.

Die per Webcam oder Chat zugeschalteten Zuschauer durften jammern: "Uns fehlt das generationsprägende Element!", war da zu hören und: "Ich hab viel zu viel damit zu kämpfen, mein eigenes Leben auf die Reihe zu kriegen!"

Wäre der liebe Markus Kavka nicht so ein freundlicher Fragensteller, die Sendung hätte leicht Tribunal-Charakter bekommen können. Aber so hüpfte der Moderator fröhlich schnatternd hin und her zwischen Wolf Biermanns DJ-Sohn Ben ("Ich engagier mich, aber nicht so sehr, dass ich mich jetzt mega irgendwo einmischen muss"), einer bekennend apolitischen Marketingleiterin namens Sandra ("Kostet mir zu viel Zeit") und der Vollzeit-Aktivistin Hanna Poddig ("Momentan laufe ich durch die Welt und denke, ich muss was tun").

Aufstand als Attitüde, Protest als Lifestyle-Entscheidung: So kam das Ganze daher, obwohl Moderator Kavka eifrig bemüht war, inhaltliche Bögen zu schlagen. Doch das Konzept seiner Sendung ließ ihm keine Chance, auch nur ansatzweise einen Gedanken mit seinen Gästen zu vertiefen. Schließlich ist "Kavka" ja eine Jugendsendung. Und offensichtlich ist man beim ZDF - das wegen des hohen Altersdurchschnitts der Zuschauer ja gerne als Senioren-Sender verunglimpft wird - der Meinung, dass Jugendliche nur bei der Stange zu halten sind, wenn die Sendung mindestens so nervös ist wie der Zapping-Finger an der Fernbedienung.

Schnellkurs ohne Kurs

Also jagte ein Einspieler den nächsten, zwischendurch ein paar Fragen an die Gäste, dann E-Mails vorlesen, dann durfte ein Zuschauer per Webcam seinen Senf dazu geben, dann kurz ein paar Zeilen Protestsongs anhören - und eine Abordnung der Piratenpartei gondelte auch noch per Floß über die Spree zum gläsernen Studio.

Deren Vertreter hatte zwar kaum Zeit, um zwei Sätze loszuwerden. Trotzdem kamen die Piraten bestens an bei der Politjugend - auch die unengagierte Marketing-Sandra fand es "gut, wenn man im Netz 'nen Aufstand machen möchte".

Nur Jessen polterte los, die Piratenpartei stehe "für die Legalisierung geistigen Diebstahls und für das Erlauben von Kinderpornografie im Netz", was ihm ordentlich Buhrufe einbrachte. Ja, ja, die Jungen - die Welt geht unter, aber sie kommen erst aus der Reserve, wenn man ihnen das Internet beschränken will.

Letztlich widersprach die nervöse Aufmachung der Sendung der eigenen Absicht. Die mutmaßliche "Generation Warmduscher" wegen ihres Phlegmas herausfordern zu wollen und ihr andererseits nicht die Aufmerksamkeitsspanne eines Kleinkinds zuzutrauen: So haut's eben nicht hin.



insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
ChriDDel 21.10.2009
1. Ja Ja, die Jugend.
Es kann nicht früh genug darauf hingewiesen werden, dass man die Kinder nur dann vernünftig erziehen kann, wenn man zuvor die Lehrer vernünftig erzieht. Erich Kästner
doublebass 21.10.2009
2. verschiebung
mir kommt es so vor als ob teile der älteren generation hier ihr schlechtes gewisssen beruhigen wollen. sie haben sich angepasst und werfen genau das der jüngeren generation vor. klassischer fall von projektion. warum steht ihr nicht mehr auf und "macht was"?
patrick kennedy 21.10.2009
3. Schonmal diskutiert
"Tja, rebellische Zeiten sind es nicht, in denen ein weißhaariger Feuilleton-Chef von der Jugend ein bisschen Aufstand einfordern kann. Man hätte sich gewünscht, dass einer der ratlos dreinblickenden Twentysomethings aufspringt..." Diesen Protest gegen Jessens Ansichten gab es schon, in den Kommentaren zu diesem Artikel: http://www.zeit.de/2008/36/Jugend-ohne-Charakter Daher stammt wohl auch die Idee für die Sendung. Alles wieder aufgewärmt also. Später hat Jessens dann "Eine Polemik" unter den Titel gesetzt...
Namenbenutzer 21.10.2009
4. Nichtstun als Subversion
Es ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal, welche - auch noch so sympathische - Moderationsamöbe jetzt diese sprichwörtliche Sau durchs Dorf jagd. Dass vom Fernsehen ohnehin nicht mehr so viel zu erwarten ist, war den Apologeten der digitalen Kommunikation doch ohnehin schon lange klar, wenns auch bis heute nur für diese sich als Bohème missverstehende Informationsbourgoisie so geblieben ist. Deswegen also zum Thema: Um Gottes Willen die Jugend engagiert sich nicht mehr. Welch Überraschung in einer Zeit, in der die Biographie nur noch als die des Erwerbs von Interesse ist. Es geht weder darum, dass man keine Zeit mehr hat um sich engagieren, noch um die Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen (die hat ja bekanntlich längst die gesellschaftliche Belletage erreicht; zumindest für die unter 35jährigen). Soziales, politisches, kulturelles, ökologisches oder sonst wie Engagement hat vielmehr ein gewisses Legitimitätsproblem. Die Nostalgie der Protagonisten der 68er macht doch in Verbindung mit deren "Bashing" in einem neuen liberalen Zeitgeist (die Protagonisten dieser pervertierten do it your self Ideologie sind ja einschlägig von Poschardt bis Steingart bekannt - manche werden demnächst sogar Außenminister) gibt jedes Engagement zwangsläufig der Lächerlichkeit preis. Die Fahne hoch und Völker hört die Signale zieht heute ebenso wenig die große Aufmerksamkeit auf sich wie irgendwelche Lichterketten. G8-Protest hat seit Genua eher Festival-Charakter (bei Gelegnheit: Warum macht man nicht auch mal wieder auf den Toten dieses speziellen Protests aufmerksam) die kleinen Schamützel mitgerechnet. Vielleicht ist angesichts der Tatsache, dass sich die Ideologie der Väter der 68er (nein das waren nicht alles Nazis und wir leben auch nicht in einem ubiquitären Verbledungseffekt des Warenfetischs) im Gewand einer kapitalistischen PowerPopSwadron durchgesetzt hat, der einzige plausible Grund, dass man diesem geistig sedierten Aktionismus mit der Resignation des Gehorsams begegnet, um so auf seine pathologische Potenz aufmerksam zu machen.
mike bols 21.10.2009
5. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Zitat von NamenbenutzerEs ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal, welche - auch noch so sympathische - Moderationsamöbe jetzt diese sprichwörtliche Sau durchs Dorf jagd. Dass vom Fernsehen ohnehin nicht mehr so viel zu erwarten ist, war den Apologeten der digitalen Kommunikation doch ohnehin schon lange klar, wenns auch bis heute nur für diese sich als Bohème missverstehende Informationsbourgoisie so geblieben ist. Deswegen also zum Thema: Um Gottes Willen die Jugend engagiert sich nicht mehr. Welch Überraschung in einer Zeit, in der die Biographie nur noch als die des Erwerbs von Interesse ist. Es geht weder darum, dass man keine Zeit mehr hat um sich engagieren, noch um die Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen (die hat ja bekanntlich längst die gesellschaftliche Belletage erreicht; zumindest für die unter 35jährigen). Soziales, politisches, kulturelles, ökologisches oder sonst wie Engagement hat vielmehr ein gewisses Legitimitätsproblem. Die Nostalgie der Protagonisten der 68er macht doch in Verbindung mit deren "Bashing" in einem neuen liberalen Zeitgeist (die Protagonisten dieser pervertierten do it your self Ideologie sind ja einschlägig von Poschardt bis Steingart bekannt - manche werden demnächst sogar Außenminister) gibt jedes Engagement zwangsläufig der Lächerlichkeit preis. Die Fahne hoch und Völker hört die Signale zieht heute ebenso wenig die große Aufmerksamkeit auf sich wie irgendwelche Lichterketten. G8-Protest hat seit Genua eher Festival-Charakter (bei Gelegnheit: Warum macht man nicht auch mal wieder auf den Toten dieses speziellen Protests aufmerksam) die kleinen Schamützel mitgerechnet. Vielleicht ist angesichts der Tatsache, dass sich die Ideologie der Väter der 68er (nein das waren nicht alles Nazis und wir leben auch nicht in einem ubiquitären Verbledungseffekt des Warenfetischs) im Gewand einer kapitalistischen PowerPopSwadron durchgesetzt hat, der einzige plausible Grund, dass man diesem geistig sedierten Aktionismus mit der Resignation des Gehorsams begegnet, um so auf seine pathologische Potenz aufmerksam zu machen.
na, ich hoffe von ihnen liest man in zukunft öfter mal was in diesem forum. hebt das niveau doch gleich spürbar.
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