Käßmann bei "Beckmann" Polit-Protest auf Protestantisch

Selig sind die Sanftmütigen. Bischöfin Margot Käßmann verteidigte bei "Beckmann" ihre moralische Kritik am Bundeswehreinsatz in Afghanistan - und erging sich dabei selbst in verharmlosendem Politsprech. Die Realität des Einsatzes? Kein Thema!

Kirchen-Vorsitzende Käßmann bei Reinhold Beckmann: "Nichts ist gut ... in Afghanistan"
NDR

Kirchen-Vorsitzende Käßmann bei Reinhold Beckmann: "Nichts ist gut ... in Afghanistan"

Von Reinhard Mohr


Nun haben wir also endlich eine heftige öffentliche Debatte über Krieg und Frieden in Afghanistan - mehr als acht Jahre nach Beginn des Militäreinsatzes, zu dem inzwischen insgesamt 75.000 Soldaten der Bundeswehr abkommandiert worden sind. Zwei Ereignisse haben sie ausgelöst, die gegensätzlicher nicht sein könnten: die Bombardierung zweier Tanklaster nahe Kunduz und die Neujahrspredigt der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischöfin Margot Käßmann.

Hatte sich bis kurz vor Weihnachten die medial aufgeblasene Politschlacht der Worte noch um die Frage gedreht, wer wann wie und warum was gewusst hat über den tödlichen Bombenabwurf im vergangenen September, so geht es nach der Kritik der ranghöchsten deutschen Protestantin am Einsatz kriegerischer Mittel in Afghanistan ums Grundsätzliche: Ist die Intervention der internationalen ISAF-Truppen überhaupt gerechtfertigt und sinnvoll oder nicht? Darf man schießen und töten, um Bedingungen für Frieden zu schaffen?

Und was folgt aus der aktuellen Situation in Afghanistan für die Bundeswehr: sofortiger Abzug oder das Gegenteil, die vorübergehende Aufstockung der Truppen?

Am Montag griff sogar Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) ein und trat in den herrschaftsfreien Diskurs mit der streitbaren Bischöfin. Alles muss er selber machen, und wie man hört, machte er es wieder recht geschickt. Als Bonbon brachte er gleich eine offizielle Einladung zum Truppenbesuch nach Afghanistan mit.

Kurz darauf saß Frau Käßmann im Studio von Reinhold Beckmann, auch er ein Fachmann des friedlichen Gesprächs von Mensch zu Mensch quer über den Tisch.

"Nichts ist gut in Afghanistan", hatte Käßmann in ihrer Predigt gesagt. "All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden ... Wir brauchen Menschen, die ... ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut, von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen. Wir brauchen mehr Phantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen."

Kurz: Der Krieg in Afghanistan sei "so nicht zu rechtfertigen", wie sie der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" sagte.

Für eine Frau Gottes sind diese Worte alles andere als skandalös und überraschend, erst recht, wenn dasselbe schon unter anderem Roger Willemsen, Gregor Gysi und Jürgen Todenhöfer gesagt haben.

"Vorrang für Zivil"

An Beckmanns TV-Beichttisch wunderte sie sich nun selbst über die ganze Aufregung. Ihre Position sei doch gar nicht neu, vielmehr die Haltung der Evangelischen Kirche insgesamt. Der "gerechte Friede" stehe im Mittelpunkt, nicht der "gerechte Krieg". In Polit-Protestantisch übersetzt: "Vorrang für Zivil". Darin sei sie mit Minister Guttenberg einer Meinung gewesen. Dass man mit diesem schönen Motto bei den bis an die Zähne bewaffneten Taliban allerdings auf einige handfeste Diskurssperren und Diskussionsblockaden stößt, wurde leider nicht thematisiert.

Aber auch der Autor und frühere CDU-Abgeordnete Jürgen Todenhöfer hatte ja jüngst in der "FAZ" "internationale Konferenzen" als friedliche Alternative zum Krieg in Afghanistan vorgeschlagen, ohne, wie Käßmann, als "naiv" gescholten zu werden. Und selbst der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, Minuten zuvor noch im strengen Beckmann-Verhör in Sachen CSU-Krise, stimmte der Protestantin zu und nannte den Krieg nun auch "Krieg" - es war eine schöne Gelegenheit, die politisch-moralische Bandbreite der letzten Volkspartei Deutschlands zu demonstrieren. "Es darf doch auch mal ein Mensch seine Gefühle äußern", bekannte Seehofer treuherzig.

Bischöfin Käßmann jedenfalls zeigte sich überrascht, betroffen und wohl auch entnervt von den politischen Attacken, die ihre christlich-pazifistische Kritik ausgelöst hat. Tatsächlich wurde dabei ihr stetig wiederholter Satz "Nichts ist gut ... in Afghanistan" unfair aus dem Zusammenhang der gesamten Neujahrspredigt gerissen, in der sie ihn als dramaturgisch eingesetzte Antwort auf das Alles-wird-gut-Geschwafel verwendete.

Und tatsächlich erstaunt die Heftigkeit der Reaktionen, die bei männlichen Kirchenvertretern wahrscheinlich weniger emotional ausgefallen wären. Der unterschwellige Ton "Von solchen Sachen versteht die Frau nichts" war zuweilen nicht ganz zu überhören. Dennoch steht Käßmann zu ihren Äußerungen, die sich in dem Bibelwort zusammenfassen lassen: "Selig sind die Sanftmütigen."

Nichts außer schöne Worte

Zwei Probleme aber bleiben: Religiöse Überzeugungen und politisches Handeln gehören zu jeweils ganz verschiedenen Sphären mit unterschiedlichen Bedingungen, so sehr ethische Überlegungen sich auch mit pragmatischen Notwendigkeiten kreuzen und vermischen. In diesem Zusammenhang klang Frau Käßmanns Behauptung, "religiös motivierte Akteure können auch für Frieden sorgen", allerdings etwas erratisch. Die fanatischen Muslime der Taliban kann sie ja nicht gemeint haben, und auch die Erinnerung an jahrhundertelange christliche Kreuz- und Eroberungszüge in aller Welt bieten kein erbauliches Beispiel für Friedfertigkeit und Nächstenliebe.

Wichtiger ist der zweite Punkt: Die Bischöfin hat letztlich außer schönen Worten nichts anzubieten, um die Lösung der Probleme in Afghanistan (und anderswo) voranzutreiben.

Während sie auf der einen Seite klare Worte einer moralischen Kritik fand, verfällt sie - wie am Montagabend bei "Beckmann" - selbst in den verharmlosenden Jargon des geschäftstüchtigen Politsprech, in dem von einer "konkreten Abzugsperspektive", "Exitstrategie" und "selbst tragender Sicherheit" schwadroniert wird. Über die tatsächlich beklagenswerte Wirklichkeit im geschundenen Afghanistan sagen solche Worthülsen gar nichts.

Aber um die Wirklichkeit ging es bei "Beckmann" auch nicht, schon gar nicht jene in Afghanistan oder der Bundeswehr. Vielmehr ging es um einen Diskurs über den Diskurs, um den Duft der Metaebene, um die Selbstdarstellung von Akteuren in der Mediengesellschaft. Und wer wollte da nicht der Gute und Wohlmeinende sein?

Umso mehr, als die Deutschen, 65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nie mehr auf der falschen Seite stehen, nie mehr Täter sein wollen. Dann schon lieber Opfer. Und sei es Opfer einer Gespensterdebatte, in der Moral zum selbst tragenden Label, zum Markennamen wird.

Selig sind die Sanftmütigen.

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Seite 1
gsm900, 12.01.2010
1. Aus der Kirche ausgetreten
Zitat von sysopSelig sind die Sanftmütigen. Bischöfin Margot Käßmann verteidigte bei "Beckmann" ihre moralische Kritik am Bundeswehreinsatz in Afghanistan - und erging sich dabei selbst in verharmlosendem Politsprech. Die Realität des Einsatzes? Kein Thema! http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,671379,00.html
bin ich schon wegen Antje Vollmer um die Ökosteuer zu kompensieren, sosnt wäre jetzt der passende Zeitpunkt.
leser75 12.01.2010
2. Hohe Verantwortung erfordert Weitsicht
Zitat von sysopSelig sind die Sanftmütigen. Bischöfin Margot Käßmann verteidigte bei "Beckmann" ihre moralische Kritik am Bundeswehreinsatz in Afghanistan - und erging sich dabei selbst in verharmlosendem Politsprech. Die Realität des Einsatzes? Kein Thema! http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,671379,00.html
Frau Käßmann sollte sich mal Rat holen, denn sie ist auf dem Irrweg. Von einer Bischöfin in meiner Kirche habe ich die Erwartung, dass sie nicht politisiert und vor allem nicht polarisiert. Gerade wenn man sehr hohe Ämter erreicht hat, sollte man erstmal inne halten und nicht laufend in die Presse und die Medien, wie gesagt, sie macht zur Zeit keinen guten Job, sondern schadet meiner Kirche sehr!
wolfi55 12.01.2010
3. schnell weichgespült
Da wurde jemand schnell weichgespült. Ob da der Freiherr seine Finger im Spiel hatte? Die Kritik ist berechtigt gewesen, die Weichspülung jetzt auffällig und damit verliert sie Glaubwürdigkeit.
Zweiundvierzig, 12.01.2010
4. Einfach miteinander Sprechen
Wieso spricht denn keiner mit den Taliban! Als ob es helfen würde sie zu ignorieren.... Die Bundeswehr soll da endlich verschwinden!
VorwaertsImmer, 12.01.2010
5. Wichtige neue Erkenntnis: vor dem Waffengang andere Massnahmen prüfen....
Zitat von sysopSelig sind die Sanftmütigen. Bischöfin Margot Käßmann verteidigte bei "Beckmann" ihre moralische Kritik am Bundeswehreinsatz in Afghanistan - und erging sich dabei selbst in verharmlosendem Politsprech. Die Realität des Einsatzes? Kein Thema! http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,671379,00.html
Die Bischöfin ist wirklich sehr intelligent: sie hat ist zur weisen Erkenntnis gekommen, das man andere friedenschaffende Massnahmen ergreifen sollte bevor man sich auf einen Waffengang einlässt. Das haben Befürworter des Afghanistan-Einsatzes bestimmt nicht gewusst. Aber Gott-sei-Dank haben wir die Bischöfin Käßmann, die uns alle aufklärt. Während sie intellektuell parliert, werden in Afghanistan unverschleierte Frauen mit Säure besprizt, Wählern die Finger abgeschnitten und Schulen für Mädchen geschlossen. Über die Verfolgung "Ungläubiger" wollen wir erst gar nicht reden. Und Frau Käßmann fällt nichts anders ein als "Friede, Friede, Friede"! Eine unglaubiche Arroganz, die gestern Abend an den Tag gelegt worden ist!
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