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Film "Käthe Kruse": Weltbekannt durch Puppen

Foto: ARD Degeto/Rich and Famous Overnight Film/Jens Hausprung

ARD-Film über Käthe Kruse Die Puppenmutter, die sich was traut

Nur heiraten, zu Hause sitzen, Kinder hüten? Lieber nicht, entschied Puppenerfinderin Käthe Kruse. Ein TV-Film erzählt das Leben der Künstlerin und Unternehmerin. Sehenswert.

"Ich will nicht heiraten." - "Was willst du dann?" - "Ich will arbeiten." Ein Wortwechsel zwischen Frau und Mann, der bei manchen Simpeln und Gimpeln wohl heute noch Unverständnis erregen wird. Wie klar revolutionär muss er erst aus dem Mund einer Frau zu Zeiten von Katharina Simon, genannt Käthe, geklungen haben, die später als Puppenmacherin weltweit bekannt werden sollte.

Ihr Leben ist Gegenstand der gelungenen Filmografie "Käthe Kruse", die Regisseurin Franziska Buch nach einem Drehbuch von Sharon von Wietersheim inszeniert hat.

Der Film erzählt vor allem Kruses Geschichte vor den Puppen, Details, die auch die Liebhaber ihrer propperbackig modellierten Kinderköpfe oft nicht kennen: Dass das uneheliche Kind einer Näherin aus Breslau als 17-jährige Schauspielerin in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts am Berliner Lessingtheater reüssierte. Dass sie sich traute, sich auf sich selbst zu verlassen, und sich nicht im Bauchschatten eines finanziell etablierten Gatten einzurichten.

Katharina Simon will selbst machen

Nicht nur biografisch-historische Details werden dabei erzählt: Der großartigen Kruse-Darstellerin Friederike Becht gelingt mit ihrer ungekünstelten, oft bei aller Freundlichkeit auch herausfordernd-spöttisch auf die Umstände blickenden Katharina ein sehr persönliches Porträt einer modernen Frau. Es ist eine Frau, die die Männer nicht einfach nur anstaunt: Katharina Simon will selbst machen - ganz buchstäblich.

Sie fragt den großen Bildhauer, wie er seine Kunst schafft und drückt ihre Finger selbst in den Modellierton. Sagt zum begabten Fotografen: Zeig doch mal, wie hast du das gemacht?, und drückt selbst auf den Auslöser. Dass in dieser Frau eine Unternehmerin steckt, ein Mensch, der ganz selbstverständlich etwas unternimmt: völlig klar.

Die Männerfiguren um sie herum sind vor allem darin interessant, wie sie auf diese ungewöhnliche Frau reagieren. Fritz Karl spielt ihren Mann Max Kruse, den großen Bildhauer, der Katharinas Unabhängigkeitsgeist in den langen Jahren ihrer wilden Ehe liebt - und dann doch ein massives Ego-Problem bekommt, als ihre Karriere die seinige leichtfüßig überflügelt.

Sogar in den USA hat sie Fans

Ihre weichen, lebensechten Puppen, die sie eigentlich nur für ihre Tochter gebastelt hatte, begeistern Kunden bis in die USA, sie baut ihre eigene Manufaktur auf - und ihrem Mann bleiben derweil die Aufträge aus. Eine zeitlose Psycho-Konstellation, die in "Käthe Kruse" glücklicherweise nicht unter zu viel historischem Budenzauber vergraben wird.

Sehr wohltuend zeigt sich das vor allem in den Erzählstrecken auf dem Monte Verità - der Künstlerkolonie bei Ascona, wo die noch unverheiratete Katharina zeitweilig mit ihren Kindern lebte. Komplett wird hier auf verlockenden Hippiekitsch und Nacktveganer-Knallchargen verzichtet: Ein Grüpplein Nackter tanzt diskret Ringelpiez, mehr Verschrobenheit ist nicht.

Kruses Geschichte wirkt so trotz der historischen Ausstattung und Verankerung überraschend heutig: Denn schließlich hat sie mit ihrer Puppenmanufaktur nichts anderes als ein klassisches Start-up aufgebaut, mit allen Start-Naivitäten, Schlingerkurven, Finanzierungsproblemen - und auch die vermaledeiten Copycats fehlen nicht.

Konkurrenz durch billige, seelenlose Imitate

Als Kruse die Produktionsrechte für ihre Puppen nicht an den europaweit führenden Spielwarenfabrikanten Bing verkaufen will, zerstört er ihren Markt mit billigen, seelenlosen Imitaten. Katharina Kruse tut das für ihre Zeit - und ihr Geschlecht - unerhörte und prozessiert. Aus dem Gerichtsstreit entwickelt sich der wichtigste Markenschutzprozess in der Geschichte der Spielwarenindustrie.

Mit einer kurzen Notiz zum Ende des Prozesses 1925 schließt die Filmografie. Natürlich hätte man gern noch gesehen, wie es nun mit Kruse weiterging: Wie sie sich mit den politischen Verhältnissen arrangierte, später auch Soldatenpuppen herstellte - und sich gleichzeitig der Anordnung widersetzte, halbjüdische Angestellte zu entlassen.

Wie sie später aus der DDR in den Westen floh, ihre strategische Reaktion auf den erschöpften Puppenmarkt. Kruses fortgesetztes Balancieren zwischen Konvention und Freiheitssturkopf, in das irgendwie auch noch ihre sieben Kinder passen mussten - das hätte einen alles auch noch interessiert. Dass die Geschichte noch weitergehen soll, ist ein schönes Kompliment an einen Fernsehfilm.


"Käthe Kruse", Ostersamstag, 20.15 Uhr, ARD