Zum Tod Karl Dalls König Karl

Karl Dall war peinlich, derb – und ein hochsensibler Künstler. Ein Nachruf.
Karl Dall, 1941-2020

Karl Dall, 1941-2020

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Ein Abend in Hamburg, gut zwei Jahre her. Karl Dall war gerade in der »NDR Talkshow« zu Gast gewesen, und als die kleine After-Show-Party im Sender zu Ende ging, schlug er vor, noch auf einen Absacker in eine Bar zu fahren, gleich neben seiner Wohnung im Stadtteil Eppendorf. Er sei schon in so ziemlich allen Talksendungen aufgetreten, sagte Dall im Auto. Nur Ina Müller habe ihn nie eingeladen, er wisse auch nicht warum. Dall schaute ratlos. Und fügte nach einer Kunstpause an: Gut, er habe Müller mal mit »Na, du alte Lesbe« begrüßt, »aber das ist doch kein Grund!«

Keine Ahnung, ob die Geschichte stimmte. Auf jeden Fall war sie unverschämt und unerhört, eine Zote, ein Herrenwitz – eben ein echter Dall. Und das zur Hochzeit der MeToo-Bewegung, als Frauen weltweit gegen sexuelle Belästigung und Übergriffe aufbegehrten. Auch zu MeToo äußerte Dall sich an jenem Abend, mit künstlicher Empörung: »Ich kann deshalb die Hälfte meines Programms nicht mehr spielen.«

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Karl Dall: Der liebenswerte Blödelbarde

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Es gäbe zahlreiche Argumente, das alles ganz furchtbar zu finden. Sexistisch. Misogyn. Wer sich jedoch die Mühe machte, hinter die Kunstfigur zu schauen, merkte schnell: Dall war kein Frauenfeind, überhaupt kein Menschenfeind. Sondern ein hochprofessioneller Künstler, der seine Rolle gefunden hatte: Sie bestand darin, aus der Rolle zu fallen. Er sagte, was man nicht sagt. Tat, was sich nicht gehört. Dall, also der öffentliche, war ein Meister der Peinlichkeiten, ein König der Ferkeleien. Stellt man sich Deutschland als große Familie vor, war er der Onkel, für den man sich bei jeder Feier schämt. So gesehen war die Figur Karl Dall nicht viel blamabler als viele Männer ihrer Zeit, deren Verhalten sie spiegelte.

Einer, der nie nein sagte, wenn ihn jemand um Hilfe bat

Freunde und Kollegen lernten Dall indes ganz anders kennen: gebildet, sensibel, rücksichtsvoll. Er war einer, der nie Nein sagte, wenn ihn jemand um Hilfe bat. Und wenn es nur Studenten waren, die ihn anfragten, ob er in einem ihrer Projekte mitspielen wolle. Und wer weiß, ob er jemals Komiker geworden wäre, hätte die Natur ihn nicht mit einem hängenden Augenlid ausgestattet.

Als Kind wurde er dafür gehänselt, später machte er die Witze über sein Äußeres lieber selbst. Mit Schlagern wie »Millionen Frauen lieben mich« karikierte er den sich und seine Wirkung überschätzenden Macho-Mann; seine Autobiografie nannte er »Auge zu und durch«. Bekannt wurde Dall Ende der Sechzigerjahre mit Insterburg & Co., der Blödeltruppe um Ingo Insterburg. Nach deren Auflösung startete er seine Solokarriere. Witze wurden damals noch nicht auf Moral und Tugendhaftigkeit abgeklopft, sondern durften einfach nur kreuzdämlich sein; es waren jene Jahre, in denen sich auch Dieter Hallervorden, Fips Asmussen und Otto Waalkes etablierten.

Sein größtes Publikum fand Dall als Sidekick in der Samstagabendshow »Verstehen Sie Spaß«, wo er den Filmvorführer spielte. Auch hier waren die Rollen klar verteilt: Die Gastgeber Paola und Kurt Felix, Frau und Herr Saubermann aus der Schweiz, lächelten adrett, während »der Karl« Chaos verbreitete; mitunter wiesen sie ihn in die Schranken. Verhielt er sich in der ARD-Show noch halbwegs familientauglich, agierte er im Privatfernsehen völlig enthemmt. Wie in seinem RTL-Talk »Dall-As«, wo er von 1985 an alle Gastgebertugenden ins Gegenteil verkehrte. Etwa indem er den Schlagerstar Roland Kaiser mit den Worten ansagte: »Na, sing schon mal, damit wir es hinter uns haben«, worauf der beleidigt das Studio verließ. Inge Meysel wiederum fragte er, ob sie in ihrem Leben »noch einmal alles falsch machen würde«. Immerhin Getränke bekamen die Gäste, serviert von Models in Häschenkostümen.

Nie in – und deshalb auch nie out

Nur einmal wurde es im Leben von Karl Dall ernst, was sein Verhältnis zu Frauen anging. 2014 erhob die Staatsanwaltschaft Zürich Anklage wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung und versuchten Nötigung; eine Schweizer Journalistin hatte ihn angezeigt. Die Frau selbst war vorbestraft wegen Stalkings, sie hatte sich bereits Udo Jürgens genähert. Dall wurde freigesprochen. Es war eine Zeit, die sehr an ihm genagt hat. Seine Befürchtung, es werde trotz Freispruchs etwas an ihm kleben bleiben, erfüllte sich jedoch nicht. Seine Karriere ging fast nahtlos weiter.

Dall war nie in, deshalb war er auch nie out. Er war einfach da, mit immergleicher Frisur, Bart und ärmelloser Weste. Zuletzt stand er für die ARD-Telenovela »Rote Rosen« vor der Kamera. Über mehrere Folgen hätte sich sein Einsatz ziehen sollen. Doch während der Dreharbeiten in Lüneburg erlitt er einen Schlaganfall, an dessen Folgen er nach Angaben seiner Familie am Montag verstarb. Karl Dall wurde 79 Jahre alt.

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