Kate Winslet in »Mare of Easttown« Schlechte Laune war selten fesselnder

Sie verschlingt Käse-Makkaroni vom Pappteller und spricht mit ihrer Familie im Kasernenhofton: Als Kleinstadt-Polizistin Mare legt Kate Winslet ein erstaunliches Comeback hin. Große Serienkunst.
Nie ohne E-Zigarette unterwegs: Kate Winslet als Polizistin Mare

Nie ohne E-Zigarette unterwegs: Kate Winslet als Polizistin Mare

Foto:

HBO / Sky

Es ist merkwürdig: Seit Mitte der Neunzigerjahre spielen wenige andere Schauspielerinnen so kontinuierlich Hauptrollen in gefeierten Filmen und Serien wie Kate Winslet. Und doch geriet sie in den letzten Jahren ein wenig in Vergessenheit. Das mag am frühen Übererfolg mit »Titanic« liegen, mit dem große Teile des Publikums sie noch immer identifizieren. Und an den letzten fünf Jahren, in denen Winslet weniger Glück mit ihrer Rollenwahl hatte.

Zur kurzen Auffrischung hier also eine gar nicht so kleine Liste mit ihren größten Auftritten, damit Sie wieder im Bilde sind: »Heavenly Creatures«, »Sinn und Sinnlichkeit«, »Hamlet« (das alles schon vor »Titanic«), »Holy Smoke«, »Vergiss Mein Nicht!«, »Little Children«, »Zeiten des Aufruhrs«, »Der Vorleser«, »Mildred Pierce«, »Contagion«, »Der Gott des Gemetzels«, »Steve Jobs«.

Und jetzt, Sie ahnen es, ist es Zeit, Kate Winslet wiederzuentdecken. Die HBO-Serie »Mare of Easttown« ist aus vielen Gründen ein herausragendes Stück Serienkunst, aber Winslets furchtlose Darbietung in der Titelrolle ist ihr eigentliches Schmuckstück: Selten wurde schlechte Laune fesselnder gespielt.

Mare kann auch nett, aber nur mit ihrem Enkel

Mare kann auch nett, aber nur mit ihrem Enkel

Foto: HBO / Sky

Mare Sheehan ist eine Polizistin aus der Kleinstadt Easttown in der Nähe von Philadelphia. Und eine Zumutung: Ständig saugt sie gierig an ihrer E-Zigarette, verschlingt hastig Makkaroni mit Käse von einem Pappteller, spricht mit Tochter, Ex-Mann und Mutter nur im Kasernenhofton. Und mit ihren Freundinnen nur dann freundlicher, wenn einige Flaschen Bier für ein wenig Entspannung gesorgt haben.

Aber Mare steht auch unter Druck: Vor Monaten verschwand die Tochter ihrer Freundin Dawn (Enid Graham) spurlos. Mare konnte den Fall noch immer nicht aufklären, und jetzt kommt ein weiterer, tragischer dazu: Die noch jugendliche Mutter Erin wird ermordet aufgefunden. Kurz zuvor traf sie sich mit dem Vater ihres Kindes, dessen neue Freundin sie niederschlug. Aber beide haben ein Alibi für die Tatzeit. Erneut steht Mare ohne greifbaren Verdächtigen da.

Untreue, Drogensucht, Gier

Nach und nach entfaltet sich in dieser Serie ein Panorama der kleinstädtischen Verzweiflung: Die Bäume sind kahl, die Straßen schmutzig, die Häuser riesig, die Inneneinrichtungen hässlich. Und keine Familie, die nicht durch Untreue, Drogensucht, Gier oder Schicksalsschläge kurz vor dem Zerreißen stünde.

Dennoch lässt man sich als Zuschauer wegen der unbedingten, zugewandten Herzlichkeit, mit der die Figuren gezeichnet werden, gern in diese Welt hineinziehen. Drehbuchautor Brad Ingelsby wurde in der Gegend geboren, die Britin Kate Winslet probte endlos, um den Dialekt authentisch sprechen zu können, und durch die betont solide und zurückgenommene Inszenierungsweise von Regisseur Craig Zobel fällt der Zugang noch einmal leichter.

Immer neue Überraschungen und Wahrheiten

Dazu kommt die meisterhaft aufgebaute Spannungskurve, wenn Mare nach zahllosen Fehlschlägen und falschen Alarmen dem wahren Täter auf die Spur kommt – nur, um im entscheidenden Moment durch eigenes falsches Verhalten vom Dienst suspendiert zu werden. Das Drehbuch wartet mit immer neuen Überraschungen auf, während es gleichzeitig die Figuren subtil entblättert und tragische Wahrheiten offenlegt, die ihr Verhalten in neuem Licht erscheinen lassen.

Was sich deutsche Serienmacher hier abschauen können: die unbedingte Hingabe, eine Geschichte dezidiert aus ihrem Lokalkolorit heraus zu erzählen; Figuren durch den Ort, an dem sie leben, zu betrachten – und diese Ebene dann zu einer allgemein gültigen Beobachtung zu transzendieren.

In diesem Sinne ist »Mare of Easttown« die gnadenlos ehrliche Bestandsaufnahme der Lebenswirklichkeit einer US-Mittelschicht in der Provinz, die der permanenten Selbsterzählung dieser Nation von Aufbruch und Optimismus zuwiderläuft.

In »Mare« droht den Figuren eher permanent der Absturz; das Glück ist ein zerbrechliches Gut und nur erreichbar, wenn man sich ehrlich den Traumata der Vergangenheit stellt. HBO hatte fast genau vor einem Jahr bereits mit der noch düstereren Serie »I Know This Much Is True« ein Psychogramm produziert, das die Möglichkeit zur Selbsterkenntnis durch Psychotherapie propagierte. Auch Mare erkennt äußerst widerwillig den Segen, den die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit bringen kann.

»Diese ganzen Leute erwarten immer nur das Beste von dir«, sagt Mare einmal in ihrer unverblümten Art. »Was ihnen nicht klar ist: Sie sind genauso im Arsch wie du selbst.«

Sieben Folgen bei Sky Ticket.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.