Ken Folletts "Die Tore der Welt" auf Sat.1 Ketten, Kutten, Kerzen

Mit Vollgas ins Mittelalter: Sat.1 hat Ken Folletts Altengland-Schmöker "Die Tore der Welt" verfilmen lassen. Der 56-Millionen-Euro teure Vierteiler bringt atemloses Tempo ins 14. Jahrhundert - und wirkt doch seltsam statisch und seelenlos. Wo bleibt da bitte die Leidenschaft?

Tandem Productions

Von Nikolaus von Festenberg


Das, was den Sat.1-Machern der "Wanderhure" passiert ist, kann dem britischen Geschichtszuschneider Ken Follett wohl kaum passieren: dass aus seinen Erfolgsstoff ein pseudomittelalterliches Narrenkostüm für Blondinen mit und ohne Baby wird. Gegen solche Abstürze sichert sich Follett ab. Zur Produktion seiner Bestseller betreibt der 62-jährige Silberfuchs und gebürtige Waliser eine 22-köpfige Schreibfabrik, beschäftigt Mitarbeiter für die Organisation von Reisen, Restaurantbesuchen und Champagnerbeschaffung ebenso wie für Materialrecherchen zu seinen Bestsellern.

Ein hochbezahlter freier Mitarbeiter sorgt für die historische Wahrheit, genauer: für die Vermeidung schlimmer Patzer. Ansonsten darf der Meister fabulieren. Er tut es seit 35 Jahren, täglich von sieben Uhr morgens bis fünf Uhr am Nachmittag - bis zum ersten Glas Champagner.

Das Material wird streng durchgeplant und durchgetaktet. "Alle vier bis sechs Seiten sollte ein Storyturn kommen", verriet Follett der "Süddeutschen", "der die Handlung, die Situation der Figur verändert. Wenn man diese Frequenz erhöht, wird's frenetisch, bei einer selteneren Taktung öde."

Unerbittlich vorlagengetreu

Und die Filmemacher haben sich gefälligst an dieses Tempo zu halten: Drehbuch (John Pielmeier) und Regie (Michael Caton-Jones) hasten dem 2007 erschienenen Bestseller "Die Tore der Welt" unerbittlich vorlagengetreu hinterher. Von einer Hinrichtung zur nächsten, jeder bösen Giftmischerei des ehrgeizigen Mutterluders Petranilla (Cynthia Nixon) atemlos folgend. Kein Innehalten gönnt sich der Film, wenn die Missetaten des verklemmten Mönchs Godwyn (Rupert Evans) abgearbeitet werden, die Zaudereien des fransenhaarigen Jungkönigs Edward III. (Blake Ritson) oder die Intrigen der Königsmutter Isabella (Aure Atika), die kaum älter als ihr Sohn wirkt.

Auch die Guten - allen voran die junge Caris (Charlotte Riley), die patente Naturheilerin und glaubensskeptische Gelegenheitsnonne mit ihrem auserkorenen Stadtbaumeister Merthin (Tom Weston-Jones) - müssen sich dem Tempo anpassen. Angestrengtheit beherrscht meistens die Gesichter der jugendlichen Helden, selten der Schmelz. Nie Humor.

Ein versuchter Königsmord, ein fataler Brückeneinsturz, der Ausbruch von Pest und Hundertjährigem Krieg: Das Stakkato der Ereignisse tut so, als hätte im - fiktiven - englischen Kingsbridge von 1327 die moderne Geschichtsbeschleunigung längst begonnen. Die jetzt für 46 Millionen Dollar verfilmte "Tore der Welt"-Geschichte setzt - nur verbunden durch den Handlungsort - Folletts "Die Säulen der Erde" fort, den Quotenerfolg, der wie der jetzige Film in den Budapester Korda-Studios gedreht wurde.

Vor zwei Jahren ging es um die Errichtung einer Kathedrale und um einen Baumeister, der die Tücken der Statik nach tragischen Fehleinschätzungen besiegt. Schon dieser erste Film, der 200 Jahre früher spielt, gab dem Zuschauer trotz großen Aufwands das Gefühl, einem rasenden Stillstand beizuwohnen. Paradox behaglich fühlte man sich, wenn das Schicksal von einer Not zur nächsten schritt - heimelig in Folletts Heimsuchungswerk.

Woran das liegt? Bei Follett gibt es keine inneren Entwicklungen der Figuren. Einmal fies, immer fies. Und gut bleibt gut, da helfen keine bitteren Pillen.

Als läge alles Glück im Privaten

Folletts marmorne Typeneinteilung und Weltsicht machen deutlich: Angestaubt ist nicht das Mittelalter, angestaubt sind die heutigen Projektionen auf die Epoche. Als sei die Gegenwart das Zeitalter der Übersichtlichkeit und nicht genauso ein Stochern im Nebel wie einst das Mittelalter. Als hätten wir Heutigen alle Ängste besiegt. Als sei das unermüdliche Suchen nach privatem Kuschelglück schon immer das Allheilmittel gewesen. Als helfe gegen Heimsuchungen nur ein Eigenheim, wie es am Schluss des Films die jungen Helden finden. Als läge alles Glück schon immer nur im Privaten.

Follett, der fleißigste aller Bestsellerautoren, bleibt der von cooler Vernunft geleitete heutige Gegenwartsmensch, auch wenn er sich in der Fremde des Mittelalters bewegt. Dem größten Geheimnis der Epoche, der eingebildeten oder echten religiösen Gotteserfahrung, kann oder will sich der bekennende Agnostiker nicht aussetzen. Er nimmt dem Mittelalter damit sein Herz, seinen Wahn, seine Größe - und letztlich seine gefährliche Faszination.

Die Filmbilder und die Darsteller sind zu mutlos gegenüber ihrem kalkulierenden Inhaltsgeber. Sie rebellieren nur in seltenen Momenten gegen den Plan: Etwa in einer glänzend gelungenen Passionsszene, wenn eine angebliche Hexe, über die Massen erhoben, ihrer Hinrichtung entgegengetragen wird.

Da werden die Tore der Welt zu Einfallstoren für spontanes Mitleid über die Epochengrenzen hinweg und bleiben nicht Bauwerke, in denen wir unsere vorgebliche moderne Überlegenheit gegenüber dem Alten spiegeln und wohlfeil genießen können.


Ken Follett "Die Tore der Welt": Teil 1: 3.12; Teil 2: 4.12.; Teil 3: 10.12.; Teil 4: 11.12. jeweils 20.15 Uhr, Sat.1



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
snickerman 03.12.2012
1. Anmerkung
Wer einmal "Game of Thrones" gelesen oder gesehen hat, der wird sich niemals wieder mit solchen Holzschnitt-Charakteren zufriedengeben. Da ist das erfundene Westeros von George R.R. Martin um vieles realistischer und besser durchdacht als Schinken wie von Ken Follett und Amy Irving- und auch als "Herr der Ringe", den ich ansonsten sehr verehre...
h.hass 03.12.2012
2.
Ein Mittelalter-Schinken jagt den nächsten. Kaum ist die Wanderhure abgewandert, versorgt uns Fließband-Schreiber Follett mit neuem Material. Auch "Der Medicus" steht schon in den Startlöchern. Wir warten jetzt nur noch auf das vielverlangte Crossover, wo die Wanderhure unter den Säulen der Erde vom Medicus verarztet wird.
Tiananmen 03.12.2012
3.
Zitat von sysopTandem ProductionsMit Vollgas ins Mittelalter: Sat.1 hat Ken Folletts Altengland-Schmöker "Die Tore der Welt" verfilmen lassen. Der 56-Millionen-Euro teure Vierteiler bringt atemloses Tempo ins 14. Jahrhundert - und wirkt doch seltsam statisch und seelenlos. Wo bleibt da bitte die Leidenschaft? http://www.spiegel.de/kultur/tv/ken-follett-die-tore-der-welt-als-vierteiler-auf-sat-1-a-869757.html
Wenn das 1327 sein soll, dann ist die "Geschichtsbeschleunigung" (was immer das ist) wohl Tatsache. Die Pest trat in England ab 1347 auf. In Italien und sonst "auf dem Kontinent" ab 1346. Der "teuer bezahlte" Rechercheur hätte dann seine Arbeit nicht sehr gut gemacht. Aber ws. ist es nur wieder schlampiger SPON-Journalismus (Entschuldigung, lieber Sysop)!
peddersen 03.12.2012
4.
Zitat von sysopTandem ProductionsMit Vollgas ins Mittelalter: Sat.1 hat Ken Folletts Altengland-Schmöker "Die Tore der Welt" verfilmen lassen. Der 56-Millionen-Euro teure Vierteiler bringt atemloses Tempo ins 14. Jahrhundert - und wirkt doch seltsam statisch und seelenlos. Wo bleibt da bitte die Leidenschaft? http://www.spiegel.de/kultur/tv/ken-follett-die-tore-der-welt-als-vierteiler-auf-sat-1-a-869757.html
Das ist ja bei den Büchern auch so - ist schon lange her - aber ich habe Säulen der Erde gelesen und war entsetzt, wie einfach das gestrickt war und völlig ohne Spannungsbogen. Alle 30 Seiten wird aus dem Off ein Problem eingeführt - ob das nun irgendwas mit mangelnder Erlaubnis, irgendwas mit Frau, irgendwas mit Meister zu tun hat - und 20 Seiten später ist die Lösung da - worauf wieder irgendein Problem herausgezerrt wird. Ziemlich schlecht. War im Übrigen - MEINER Meinung nach - auch beim Medicus von Gordon so - dasselbe Spiel mit einer Aneinanderreihung von Problemen und Lösungen.
saarpirat 03.12.2012
5.
Zitat von TiananmenWenn das 1327 sein soll, dann ist die "Geschichtsbeschleunigung" (was immer das ist) wohl Tatsache. Die Pest trat in England ab 1347 auf. In Italien und sonst "auf dem Kontinent" ab 1346. Der "teuer bezahlte" Rechercheur hätte dann seine Arbeit nicht sehr gut gemacht. Aber ws. ist es nur wieder schlampiger SPON-Journalismus (Entschuldigung, lieber Sysop)!
Das Buch - und sicher auch der Film - fängt lange vor dem Pestausbruch an. Passt also.
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