Ken Folletts "Eisfieber" im ZDF Frau Pilcher hat jetzt die Pest

Zwischen Bio-Terrorismus und Biografie-Sülz: Mit "Eisfieber" startet das ZDF eine groß angelegte Reihe mit Verfilmungen des Bestseller-Autors Ken Follett. Doch schon der Auftakt missrät gründlich: Der Seuchen-Thriller mutiert im Zweiten zum Familiendrama mit Rosamunde-Pilcher-Flair.

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"Eisfieber" im ZDF: So eine Seuche!
Für Familien, die sich selbst zerfleischen wollen, gibt's kaum einen schöneren Anlass als das Weihnachtsfest. Man hockt gleich mehrere Tage aufeinander, und im Idealfall ist das Wetter so mies, dass keiner dem Gezänk entfliehen kann. Und wenn so eine Familienaufstellung rund um den Tannenbaum auch noch mit Waffengewalt verlängert wird, knallt's nur um so herzzerreißender.

So in etwa haben sich das die ZDF-Verantwortlichen vermutlich ausgemalt, als sie die Rechte für den Virus-Thriller "Eisfieber" von Ken Follett erworben haben; sechs Stoffe des Bestseller-Autors will der Sender insgesamt verfilmen. Das Sujet von "Eisfieber" ist, so lautet wohl die Sprachformel in solchen Fällen, hochbrisant und aktuell: Ein paar Gauner wollen ein tödliches Virus (Madoba-2, eine fiktive Ebola-Variante) stehlen und den Erreger an Terroristen verhökern. Für den Zweiteiler hat das Zweite richtig Geld ausgegeben. Sieben Millionen Euro hat die deutsch-italienische Prestige-Produktion gekostet, eine Handvoll Stars spielen mit.

Das Drama nimmt im weihnachtlich verschneiten Schottland seinen Lauf. Dort betreibt der verwitwete Pharmaboss Stanley Oxenford (Heiner Lauterbach) ein Forschungslabor, dort liegt sein Landsitz. Am Tag vor dem Fest brechen unter Mithilfe seines missratenen Sohnes Kit (Tom Schilling) drei Ganoven in das Labor ein und entwenden das Killer-Virus. Großfamilie Oxenford - zwei Töchter samt Anhang sind angereist - hat sich derweil pünktlich zum Feiern und Streiten auf dem einsamen Familiengut versammelt. Dorthin verschlägt es wegen eines Unwetters schließlich auch die flüchtenden Gauner sowie die Firmen-Sicherheitschefin und Oxenford-Geliebte-in-spe Antonia Gallo (Isabella Ferrari). So kommt es zum Showdown im Schneesturm - und zwar leider im doppelten Sinne.

Denn den schon in Folletts eher lahmer Romanvorlage angelegten Familienzwist walzt der Film unerträglich aus. Die Regie (Peter Keglevic) greift ganz tief in die Kiste mit dem Rosamunde-Pilcher-Folterwerkzeug und gibt dem Krimi-Kammerspiel die Anmutung einer rheumatischen Gefühlsschmonzette, die im Rollator-Tempo ihrem vorhersagbaren Ende entgegenstolpert.

Mit der Pipette gegen Windmühlen

Als sei es Pilchers Cornwall, produziert die Kamera zu Beginn eifrig kalenderblattartige Schottlandaufnahmen, über die ein seifiger Fahrstuhlmusik-Soundtrack suppt. Später werden die gängigen Zutaten öffentlich-rechtlicher Herz-Schmerz-Verköstigung gereicht: Eine erbgeile Tochter, ein notgeiler Schwiegersohn, das über allem schwebende Drama einer viel zu früh verschiedenen, treu sorgenden Mutter und Ehefrau. Und es werden Sätze gesagt, die den Zuschauer fast schon wünschen lassen, der Flakon mit dem Todesvirus sei echt und möge doch bitte schnellstmöglich zerplatzen: "Mama hat alles geopfert, damit er mit der Pipette gegen Windmühlen zu Felde ziehen konnte", greint eine der Töchter.

Man stelle sich so etwas mal bildlich vor.

Dass der Film nicht vollends zum piefigen Vergreisungsbeschleuniger verkommt, verdankt er vor allem zwei Schauspielern. Der ja stets hervorragende Matthias Brandt gibt den fein nuancierten Erzschurken Nigel. Und dann ist da natürlich die großartige Anneke Kim Sarnau, die eine für einen ZDF-Film erstaunlich gewagte Frauenfigur spielen darf: Eine degenerierte Über-Bitch namens Daisy, eine sehnige Prügelmaschine, die reihenweise Kerle flachlegt.

Die eigentlichen Hauptdarsteller gehen dagegen unter. Der lustlos agierende Lauterbach scheint darunter zu leiden, dass er keinen Bruce Willis der Biotech-Branche geben darf, der sich der Gangster selbst entledigt, sondern einen milden Pharma-Patriarchen, dessen Allerwertester von Frau Ferrari gerettet werden muss. Und über die gibt es nichts Schmeichelhafteres zu sagen, als dass sie besorgt vor sich hin seufzt, ganze 180 Minuten lang.

Dann doch lieber einen echten Familienkrach.


"Eisfieber", ZDF; erster Teil Montag, 25.1., 20.15 Uhr, zweiter Teil Mittwoch, 27.1., 20.15 Uhr



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
hink 25.01.2010
1. Um aus Ken Follet nichts zu machen, muss man schon ein Sauhaufen sein ...
@SP-ON: ---Zitat--- Zwischen Bio-Terrorismus und Biografie-Sülz: Mit "Eisfieber" startet das ZDF eine groß angelegte Reihe mit Verfilmungen des Bestseller-Autors Ken Follett. Doch schon der Auftakt missrät gründlich: Der Seuchen-Thriller mutiert im Zweiten zum Familiendrama mit Rosamunde-Pilcher-Flair. ---Zitatende--- Also, Ken Follett verkauft ZU RECHT gut. ("Bestseller-Autor"). Dass allerdings das "ZDF" daraus nichts zu machen versteht, liegt sehr nahe. Denn es wurde vor kurzem ja eh - und diesmal offiziell - in "CDU" umbenannt. Was Herrn A.H. der "...ürmer" im Print war, wird wohl über kurz oder lang das CDU - Christliche Deutsche Unterhaltungsfernsehen. :-) Können wir uns schon freuen, wenn die schönen bunten Filme aus den Fünfzigern ("Jager Ludwig" und "Zensi-Resl") vom Bayerischen Staatfunk ins "Zweite" wandern. ;-)
misterbighh, 25.01.2010
2. Ahem
Zitat von hink@SP-ON: Also, Ken Follett verkauft ZU RECHT gut. ("Bestseller-Autor"). Dass allerdings das "ZDF" daraus nichts zu machen versteht, liegt sehr nahe. Denn es wurde vor kurzem ja eh - und diesmal offiziell - in "CDU" umbenannt. Was Herrn A.H. der "...ürmer" im Print war, wird wohl über kurz oder lang das CDU - Christliche Deutsche Unterhaltungsfernsehen. :-) Können wir uns schon freuen, wenn die schönen bunten Filme aus den Fünfzigern ("Jager Ludwig" und "Zensi-Resl") vom Bayerischen Staatfunk ins "Zweite" wandern. ;-)
im Prinzip gebe ich Ihnen ja Recht, aber der Film ist ja schon ein bißchen länger fertig. Oder? :)
rabauz 25.01.2010
3. Budget
Das Budget sollte halt hier schon deutlich zweistellig im Millionenbereich liegen, dann geht auch mehr als Soap. HBO machts vor, 60 Millionen Dollar für Angels in America. Die Filmminute ist eben nicht für einen Appel und n Ei zu haben. Diese Produktion will nach der Erstaustrahlung keiner mehr sehen, auch als DVD oder BD wird sie sich nicht vermarkten lassen, andere Sender werden sie nicht kaufen und auch im Kino ist sowas unzeigbar. Anders dagegen manch andere Produktion wie etwa die Heimattrilogie oder die Werke des Herrn Breloer. Die sind zwar leider auch kostengünstig produziert, aber eben nicht billig.
der M 25.01.2010
4. Ken F
Zitat von hink@SP-ON: Also, Ken Follett verkauft ZU RECHT gut. ("Bestseller-Autor"). Dass allerdings das "ZDF" daraus nichts zu machen versteht, liegt sehr nahe. Denn es wurde vor kurzem ja eh - und diesmal offiziell - in "CDU" umbenannt. Was Herrn A.H. der "...ürmer" im Print war, wird wohl über kurz oder lang das CDU - Christliche Deutsche Unterhaltungsfernsehen. :-) Können wir uns schon freuen, wenn die schönen bunten Filme aus den Fünfzigern ("Jager Ludwig" und "Zensi-Resl") vom Bayerischen Staatfunk ins "Zweite" wandern. ;-)
Also ich weiß ja nicht, Ken Follet hat seinen Charme, wenn man denn auf romantisierte Themen mit Herzschmerz und anderem Unsinn steht. Ich habe den Autoren zu den "nicht lesenswerten" gepackt, nachdem das hochgelobte "Säulen der Erde" grauenvoll langweilig und vor allem historisch romantisiert war. Das das ZDF auf dem Stoff eines solchen Autoren nicht den Thriller-Bringer produzieren kann, das sollte klar gewesen sein. Das ZDF hat, wie der Rest der ÖR-Mafia, den Wandel des Gesichtenerzählens nicht mitbekommen und kann, selbst durch interessante Stoffe, nichts weiter als Geld verbrennen.
hajoschneider 25.01.2010
5. Lauterbach und ÖRF
Das letzte Mal, das ich Lauterbach gut fand, war in »Männer«. Und Lauterbach und ZDF klingt wahrlich nicht nach einem Erfolgsrezept.
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