Kerkeling als Geschichtslehrer Ich, Imperator des deutschen Fernsehens

Übernimmt er nun "Wetten, dass..?" oder nicht? Die Spekulationen bescheren Hape Kerkeling die gewünschte Aufmerksamkeit, um sein Histo-Format "Unterwegs in der Weltgeschichte" zu bewerben. Die Sendung selbst ist weniger aufregend: ein Volkshochschulkurs mit Travestie-Einlagen.

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Seine Lieblingsgeste? Die abwehrende Handbewegung, mit der man Komplimente von sich schiebt. Doch Hape Kerkeling kann seine Bescheidenheit kultivieren, wie er will, eigentlich ist er nur in den ganz großen Missionen unterwegs: Mit seinem Pilger-Bestseller "Ich bin dann mal weg" bewegte er ein Volk von marodierenden Mallorca-Touristen zu Verzicht und innerer Einkehr. Mit dem Format "Unterwegs in der Weltgeschichte" will er ab Sonntag erklären, "wie die Menschheit zu dem geworden ist, was sie ist". Ab nächstem Jahr schließlich wird er für das ZDF die in der Publikumsgunst bröckelnde Samstagabend-Show als generationenverbindendes Mega-Event in die Zukunft retten und "Wetten, dass..?" moderieren.

Nein, stop! So weit sind wir ja noch gar nicht. In der letzten Woche taten Kerkeling und die Granden des ZDF ja nichts anderes, als überall zu verkünden, dass es nichts zu verkünden gibt in Sachen Gottschalk-Nachfolge.

Man wiegelte ab, dementierte, dementierte dann wieder die Dementis - und betonte doch immer, wie schön es wäre, wenn es klappen würde. Falls es nichts werden sollte mit "Wetten dass..?", stünden alle Beteiligten blamiert da. Ist das nun extrem ungeschickt oder besonders clever?

Besonders clever natürlich. So wie alles, was sich Kerkeling in den letzten fünf Jahren ausgedacht hat. Dass ausgerechnet vor dem Start von "Unterwegs in der Weltgeschichte" - es werden sechs 45-minütige Episoden auf dem "Terra X"-Platz am frühen Sonntagabend gesendet - die Spekulationen um seine Person blühen, kann dem Projekt nur dienlich sein.

5000 Jahre in 270 Minuten

Für die Produktion wurde ein Heer von Statisten engagiert, man entwickelte aufwendige Computersimulationen und drehte mehr als drei Monate an den verschiedensten Ecken der Welt. So ein Unterfangen muss Quote machen, und die Aufmerksamkeit um die Person Kerkeling ist dafür natürlich hilfreich.

Andererseits: Wer zurzeit mit Geschichte keine Zuschauerzahlen macht, macht wirklich etwas falsch. Der säftelnde Klerus-Sechsteiler "Die Borgias" im ZDF weist quotentechnisch sogar König Fußball in die Schranken, die ebenfalls vom Zweiten produzierte Histo-Action "Die Deutschen" fuhr Quoten ein, wie sie sonst Event-Movies vorbehalten sind. Da kann Kerkeling bequem aufsatteln.

Zumal die Stoßrichtung die gleiche ist wie bei "Die Deutschen": Hier wie dort wird das Versprechen gegeben, komplexe Zusammenhänge kompakt aufbereitet zu bekommen. Wobei Kerkeling mit seinem Autor Gero von Boehm noch mal ordentlich an der Tempo-Schraube gedreht hat: Ließ man sich für die beiden Staffeln "Die Deutschen" noch rund 1500 Minuten Zeit, um 1200 Jahre deutsche Geschichte zu erzählen, erhebt Kerkeling nun mit 270 Minuten Vollständigkeitsanspruch auf 5000 Jahre Menschheitsgeschichte.

Alexander der Große und Hapes Oma

Entstanden ist allerdings doch nur eine Art History-Best-of, bei dem die Hits der zivilisatorischen Entwicklung abgespult werden. Kerkeling streift etwa durch die alte Oberstadt Athens und referiert darüber, dass die Griechen der Menschheit das Theater, die Philosophie und die Demokratie geschenkt haben, im Hintergrund plärrt Mireille Mathieu "Akropolis Adieu". Geht es um die Sumerer und den Turmbau zu Babel, dann ertönt "River of Babylon" in der Version von Boney M. Dass die Sumerer damals die Schrift erfunden haben, nennt Kerkeling den "kulturellen Urknall der Menschheit" - um dann auf die Beschriftungen zu kommen, mit der seine Oma immer ihre Einweckgläser verziert hat.

Trotzdem verbreitet das an den Hot Spots der Historie gedrehte Format nur im beschränkten Maße Witz. Wenn sich Kerkeling in die Schale unterschiedlicher historischer Persönlichkeiten schmeißt - von Kleopatra bis Gorbatschow. Ein bisschen wirkt das wie Volkshochschule mit Travestie-Einlagen. Dabei hält sich der Alleinunterhalter mit Verkleidungsfetisch diesmal bei seinen Kostümierungen sonderbar zurück, während seine Ausführungen schon mal ins Burleske driften. Beispiel: "Sex war so wichtig für die Griechen wie Essen und Trinken. Tabus gab es nicht, das Wort Orgie kommt ja auch aus dem Griechischen."

Trotzdem wird "Unterwegs in der Weltgeschichte" ein Quotenhit werden, einfach weil alles ein Quotenhit wird, wo Hape Kerkeling dabei ist. Und bei aller ausgestellten Bescheidenheit ist sich der 46-Jährige seiner Strahlkraft selbst am besten bewusst.

In einer Szene sieht man ihn als Alexander den Großen in der Rolle des selbstherrlichen Imperators, der sich nachts in seinem Zeltlager in einen verzagten Bubi verwandelt. Bei Kerkeling ist es genau umgekehrt: Er gibt zuweilen den verzagten Bubi, ist in Wirklichkeit aber der knallharte Imperator des deutschen Unterhaltungsfernsehens. "Wetten dass..?", da besteht kein Zweifel, wird seine nächste Eroberung sein.


"Terra X: Unterwegs in der Weltgeschichte", sonntags 19.30 Uhr, ZDF

insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
saul7 21.10.2011
1. ++
Zitat von sysopÜbernimmt er nun "Wetten, dass..?"*oder nicht?*Die Spekulationen bescheren Hape Kerkeling die*gewünschte Aufmerksamkeit, um sein Histo-Format "Unterwegs in der Weltgeschichte" zu bewerben. Die Sendung selbst ist weniger aufregend: ein Volkshochschulkurs mit Travestie-Einlagen. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,792749,00.html
Was sollte denn sonst aus der Sache herauskommen? Kerkeling ist nicht immer eine Garantie für Erfolg. Auch die mögliche Übernahme des Wetten-dass-Formates ist mit Sicherheit kein Selbstgänger...
Pepito_Sbazzagutti 21.10.2011
2. Zum Glück
Zitat von saul7Was sollte denn sonst aus der Sache herauskommen? Kerkeling ist nicht immer eine Garantie für Erfolg. Auch die mögliche Übernahme des Wetten-dass-Formates ist mit Sicherheit kein Selbstgänger...
Zum Glück bin ich nicht an Hape Kerkelings Stelle. Wäre ich es, würde ich von "Wetten dass?" ganz weiten Abstand nehmen; das Genörgel nach jeder einzelnen Sendung dieses verstaubten Formats müsste ich nämlich nicht haben.
mephisto1997 21.10.2011
3. ...
wenn ich mir das alles so am rande anschaue, was hape kerkeling jetzt so macht, muss ich leider feststellen, dass er den übergang in eine neue (ältere) lebensphase längst nicht so souverän und vor allem humorvoll hinlegt, wie ich das von ihm erwartet hätte. hape ist nett, aber kaum noch witzig, besonders kluge oder neue dinge kommen von ihm auch nicht. meiner meinung nach kann ich auf alles verzichten, was er heutzutage zeigt. und ich habe ihm früher gern zugesehen und -gehört. wetten dass muss man ja auch nicht gucken...das wird nie im leben was. traue ich ihm nicht zu. ich glaube fast, das wort, das ich für ihn suche, ist "langweilig". und ich finde es richtig schade...
hatem1 21.10.2011
4. Hape Overkill
Hape wohin man schaut, Kerkeling auf jedem Sender und Titelblatt. Kann man den Mann nicht auf irgendeinen langen, langen Wanderweg schicken, aber ohne Fernsehteam?! Bin gespannt, wann die Mehrheit seiner überdrüssig wird....
onkel hape 21.10.2011
5. Der kann das...
Hape ist einer der wenigen Comedians, die erstens etwas können, intelligent u. kreativ sind und zweitens mit ihrem Humor die meisten Zuschauer immer noch gut unterhalten. Man kann sicher sein, dass er in professioneller, lustiger Manier sehenswerte Episoden der Menschheitsgeschichte abliefert. Er wird zweifellos ein würdiger, geeigneter, spontaner, sympathischer Gottschalk-Nachfolger werden, wetten dass?
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