Erster deutscher Netflix-Film "Ich liebe diesen Größenwahn"

Regisseur Thomas Sieben zeigt "Kidnapping Stella" nicht im Kino, sondern auf Netflix. Warum sein Thriller aussehen soll wie der Crime-Klassiker "Seven" - und er die Zukunft im Streaming sieht.

Stephanie Kulbach

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Netflix baut seine Aktivitäten im deutschen Film- und Fernsehmarkt weiter aus: Mit dem Thriller "Kidnapping Stella" zeigt der Konzern nach Serien wie "Dark" und "How to Sell Drugs Online (Fast)" seinen ersten deutschen Film. "Kidnapping Stella" ist ein Remake des britischen Thrillers "Spurlos - Die Entführung der Alice Creed" von 2009.

Die Hauptrollen spielen Jella Haase, Max von der Groeben und Clemens Schick. Die Geschichte erzählt einen Entführungsfall: Zwei Kriminelle verschleppen eine Tochter aus reichem Hause und wollen vom Vater Lösegeld erpressen. Durch verschiedene Wendungen ändern sich immer wieder die Machtverhältnisse innerhalb dieses Trios.

Zur Person
  • Zorana Musikic
    Thomas Sieben (42) ist Filmregisseur. Sein Langfilmdebüt war 2007 "Distanz", Ken Duken spielte hier einen stillen Serienkiller. 2011 folgte das Drama "Staudamm" über die Folgen eines Amoklaufs an einer Schule. Sieben arbeitet auch als Designer für Computerspiele.

SPIEGEL ONLINE: Herr Sieben, Sie hatten "Kidnapping Stella" schon fertiggestellt, sogar der Kinostart stand schon fest. Dann kam plötzlich Netflix an Bord - der Thriller läuft nun exklusiv als erster deutscher Film auf der Plattform. Was ist da passiert?

Thomas Sieben: Die Produzenten haben den besten Aufschlag für den Film gesucht. Als die Netflix-Leute kamen und sagten: Wir finden den Film super, er passt zu uns - da wurde auch uns klar, dass Netflix der perfekte Ort für "Kidnapping Stella" ist. Die Branche weiß ja: Es wird nicht einfacher im Kino. Filme, die vor fünf Jahren noch 20.000 Zuschauer gesehen haben, kommen jetzt vielleicht noch auf 3000 - und dann kann man noch froh sein.

SPIEGEL ONLINE: Gab es dennoch einen Moment, in dem Sie gezögert haben, weil Sie ihren Film doch gern auf der großen Leinwand gesehen hätten?

Sieben: Ehrlich gesagt nicht. Die Fernseher sind ja heute nicht mehr so klein wie vor 15 Jahren. Netflix sendet in hoher Auflösung, die Tonqualität ist auch gut - ich habe daran nichts auszusetzen. Es gibt Filme, die ins Kino gehören, so was wie "Der Junge muss an die frische Luft" etwa. Die haben dann dort auch Erfolg. Aber mein Genre-Film ist bei Netflix gut aufgehoben.

SPIEGEL ONLINE: Netflix ist ein noch relativ neuer Mitspieler im deutschen Unterhaltungsmarkt. Welchen Ruf hat der Konzern denn innerhalb der Branche?

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"Kidnapping Stella": Der Netflix-Neuling

Sieben: Das kommt darauf an, wo man hineinhorcht. Die großen deutschen Verleiher etwa glauben noch voll an das Kino, bei denen ist es für die Erstauswertung gesetzt, andere Vertriebswege sind für sie nur als Zweit- oder Drittauswertung interessant. Für viele Stoffe ist das ja, siehe "Der Junge muss an die frische Luft", auch der richtige Weg. Aber das Spannende an Netflix ist, dass die sich für Storytelling auf höchstem Niveau interessieren, für Geschichten ohne Kompromisse. Wie bei "Roma", um ein prominentes Beispiel zu nennen. Wenn man das also von der Seite der Kreativen aus sieht, ergeben sich viele neue Möglichkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Möglichkeiten meinen Sie konkret?

Sieben: Man hat bei Netflix einen direkten Ansprechpartner, und wenn der zu einem Projekt Ja gesagt hat, dann gibt es keinen riesigen Apparat aus Redaktionen, Verleih und Marketing mehr, der ins Drehbuch hineinredet. Für Stoffe, die sehr stark von einem Regisseur getrieben sind, sind Netflix oder Amazon gute Adressen.

SPIEGEL ONLINE: "Kidnapping Stella" wird auf Netflix in 190 Ländern zu sehen sein. Hätte es etwas an der Machart geändert, wenn Sie das früher gewusst hätten?

Sieben: Nein, weil mein Anspruch immer ein internationaler ist, ich bin filmisch ja auch so sozialisiert. Ich schaue gern Genrefilme wie "The Conjuring" oder "A Quiet Place", vor allem aktuelle Horrorfilme sind wahnsinnig kreativ. Die entstehen für amerikanische Verhältnisse mit wenig Geld und sehen trotzdem grandios aus. Das wollten wir auch, vor allem in der Bildsprache und im Szenenbild. Unser Motto war: Das muss aussehen wie bei "Seven". Ein Genrefilm wird ja immer an internationalen Maßstäben gemessen.

SPIEGEL ONLINE: Es kommt jetzt also viel Bewegung in den Markt. Wohin führt das?

Sieben: Das lässt sich abschließend noch nicht sagen. Gerade beobachten meine Kollegen und ich sehr interessiert: Wer macht wie wo wann was mit wem? Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern sieht man das ja schon, die machen plötzlich auch moderne Serien wie "Bad Banks". Die spüren, dass sie sich bewegen müssen, um junge Zuschauer noch zu erreichen. Es ist also erst einmal toll für uns Kreative und damit auch für das Publikum, dass dieses in Deutschland recht festgefahrene System in Bewegung kommt. Gerade wird so viel gedreht und entwickelt wie wahrscheinlich noch nie. Man bekommt ja kaum noch Teammitglieder für neue Projekte.

SPIEGEL ONLINE: Besteht denn nicht die Angst, dass es sich dabei um eine Blase handeln könnte, die irgendwann platzen wird?

Sieben: Nein, das bekomme ich so nicht mit. Es ist ja nicht so, dass die Streamer einfach nur Geld in den Markt pumpen würden und sagen: Macht damit, was ihr wollt. Deren Vorgehen ist überlegter. Projekte werden betreut, und sie wissen genau, was die Abonnenten schauen. Netflix und Amazon legen großen Wert auf ihre Nutzerdaten. Das ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber blauäugig ist es nicht. Die wissen, was funktioniert und was nicht.

SPIEGEL ONLINE: Hinter vorgehaltener Hand hört man den Vorwurf, das Geschäftsmodell der Streaminganbieter sei nicht seriös. Zudem würden sie Budgets zu knapp kalkulieren und schlecht zahlen.

Sieben: Na ja, Budgets waren ja immer schon Verhandlungsmasse. Und man hat auch früher schon bei Schauspielern von einer ARD- und einer RTL-Gage gesprochen. Aber ja, ich habe das Gefühl, da muss sich tatsächlich noch einiges zurechtruckeln. Die Situation ist ja für alle Beteiligten noch neu. Klar muss sein, dass alle Mitarbeiter fair bezahlt werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie können sich also vorstellen, zukünftig wieder mit Amazon oder Netflix zu arbeiten?

Sieben: Absolut. Zuletzt gab es so einen kreativen Schub vielleicht im New Hollywood der Siebzigerjahre, als plötzlich wieder alles möglich schien und man junge Talente hat machen lassen. Ich liebe auch den Größenwahn, der gerade möglich ist. Wer hätte denn vor ein paar Jahren geglaubt, dass eine wilde Zeitreise wie "Dark" im deutschen Fernsehen möglich sein würde? Genre geht plötzlich auch in Deutschland, man muss sich da nicht mehr hinter anderen Ländern verstecken. Das ist wahnsinnig befreiend.


"Kidnapping Stella" ist ab 12. Juli auf Netflix abrufbar.



insgesamt 17 Beiträge
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Kunstgriffe 11.07.2019
1. Profanalarm
Sieht auf den ersten Blick aus, wie ein Tatort - das ist kein Lob.
egonv 11.07.2019
2.
Ein entscheidender Faktor ist wohl, dass man Menschen erreicht, die selten oder gar nicht ins Kino gehen. Das sind wahrscheinlich Gruppen von Menschen, die andere Genres bevorzugen. Mit Netflix und Co. kann man nahezu den ganzen Potentiellen Nachfragerkreis erreichen. Hinzu kommt, dass es für viel mehr Menschen erschwinglich ist, auch wenn man irgendwo auf dem Dorf ohne Kino wohnt. Ein weiterer nicht zu unterschätzender Aspekt ist, dass insbesondere die Privaten Fernsehsender kaum mehr eine Konkurrenz darstellen. Gebildetes Publikum können sie nicht (mehr) erreichen. Seriöses Programm, wie Dokus, Politikberichte, etc. sind kein Unterhaltungsprogramm. Eigentlich könnte man da TV-Programm abstellen und rein auf Mediatheken auslegen. Wenn ich z.B. "Dark" anschaue, kommt nir der Verdacht, dass deutsche Produktionen nie schlechter hätten sein müssen als Hollywood, sondern nur die Vermarktung und die Nachfrage das Problem waren.
quark2@mailinator.com 11.07.2019
3.
Wir bewegen uns auf eine pay-per-view-Welt zu. Das hat für den Konsumenten vielleicht Vorteile, aber es hat auch ein paar ziemliche Nachteile. Es geht damit los, daß der Konsum nicht mehr anonym ist, d.h. es schaut einem immer jemand zu, wenn man sich etwas reinzieht. Daraus lassen sich dann Rückschlüsse auf die Person ziehen und zwar ziemlich detailiert. Das nächste Problem ist, daß es natürlich teurer wird, wenn den Raubkopien der Weg versperrt wird. Naja und am Ende läuft es darauf raus, daß man nie wirklich etwas hat, sondern alles kann jederzeit sofort verschwinden. Persönlich mag ich das gar nicht. Einmal kaufen, immer ansehen können, keine Überwachung ... Privatsphäre ist wohl ein Wort, daß es in einiger Zeit nicht mehr geben könnte.
schlumpfino 11.07.2019
4. netflix schreibt rote zahlen
Netflix erwirtschaftet keinen Cent Gewinn und verzerrt den Wettbewerb. Privatfernsehsender können bei den Budgets nicht mithalten. Das Netflix Geschäftsmodell muss sich erstmal als erfolgreich beweisen. Bis dahin wird der Streamingdienst aber noch viel Durcheinander in der Medienlandschaft verursachen. Irgendwann wird aber auch Netflix Geld verdienen müssen. Und dann wird es spannend, ob die Qualität der Inhalte dann gehalten werden kann.
varlex 11.07.2019
5.
Zitat von quark2@mailinator.comWir bewegen uns auf eine pay-per-view-Welt zu. Das hat für den Konsumenten vielleicht Vorteile, aber es hat auch ein paar ziemliche Nachteile. Es geht damit los, daß der Konsum nicht mehr anonym ist, d.h. es schaut einem immer jemand zu, wenn man sich etwas reinzieht. Daraus lassen sich dann Rückschlüsse auf die Person ziehen und zwar ziemlich detailiert. Das nächste Problem ist, daß es natürlich teurer wird, wenn den Raubkopien der Weg versperrt wird. Naja und am Ende läuft es darauf raus, daß man nie wirklich etwas hat, sondern alles kann jederzeit sofort verschwinden. Persönlich mag ich das gar nicht. Einmal kaufen, immer ansehen können, keine Überwachung ... Privatsphäre ist wohl ein Wort, daß es in einiger Zeit nicht mehr geben könnte.
Es ist wesentlich einfach eine Raubkopie über Netflix oder AmazonPrime zu machen, als im Kino... Da ich mir gerne Filme oder Serien anschaue, sind Streamingdienste ein Segen. Ich persönlich schaue in der Regel einen Film oder Serie genau einmal. Würde ich alles kaufen, wäre ich wohl Pleite und bräuchte einen größeren Keller... Bei der Privatsphäre ist was dran. Gegen eine anonyme Auswertung an sich, habe ich nichts.
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