SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

05. Februar 2012, 15:34 Uhr

Kinodrama über Psychotiker

Der Tarzan von Marzahn

Von

Explosionen in Grün: In Hans Weingartners Kinodrama "Die Summe meiner einzelnen Teile" zieht ein Psychotiker in die Wildnis vor Berlin und scheint dort endlich mit der Welt im Einklang zu sein. Eine Hymne an die Natur, die glücklich macht - trotz eines gefährlichen doppelten Bodens.

Kennen Sie diesen Traum? Sie laufen den moosbewachsenen Abhang eines Waldes hinab, nehmen dabei derart Fahrt auf, dass Ihnen der Sprung in die Astgabelung einer Weide ganz leichtfüßig gelingt. Vom Baum springen Sie direkt in einen Bach, den Sie dann entlangrennen, so dass Ihnen das Wasser auf den nackten Körper spritzt und der Duft der Mai-grünen Blätter die Nase kitzelt. Und bald wissen Sie nicht mehr so genau, ob sie noch rennen oder schon schweben.

Der Regisseur Hans Weingartner hat diesen Traum jetzt in Szene gesetzt, für seinen Film "Die Summe meiner einzelnen Teile". Sie sollten ihn unbedingt anschauen, wenn Sie die Gelegenheit haben, er läuft leider nicht in allzu vielen Kinos. Oder halten Sie Szenen wie die oben beschriebene für billigen Naturmystizismus, für Burnout-Patienten-Phantasie und Baumumarmer-Kitsch?

Gut, können wir verstehen. Aber wir bitten Sie trotzdem, uns zu vertrauen und endlich diese Angst abzulegen, wieder etwas Falsches zu tun oder sich etwas Falsches anzugucken. Es erwartet Sie, versprochen, die schönste Beschleunigungsszene, der umfassendste Entfesselungsakt des deutschen Kinos - einer Filmkultur also, die gerade nicht für Beschleunigung und Entfesselung bekannt ist.

Obwohl: Auch "Die Summe meiner einzelnen Teile", ein Drama über das Finden und Überwinden der Angst, beginnt wie ein typisch deutscher Film, also in Grautönen, gedrosseltem Tempo und dort, wo das Land am allerhässlichsten ist: Berlin-Marzahn. Hier lebt Martin (Peter Schneider) mit seinen Medikamenten in einer Sozialbauwohnung, die er bezogen hat, nachdem er wegen einer Psychose in einer geschlossenen Anstalt war. Martin ist ein Mathe-Genie, das die Welt in komplexe Zahlenkolonnen für sich verstehbar zu machen versucht.

Meine Realität, deine Realität

Mit dem Saufen befeuert Martin seinen Rechenrausch, die vom Arzt verschriebenen Pillen drohen nur, ihn wieder runterzuholen vom Zahlenolymp. Also setzt er die Pillen ab, verliert die Kontrolle, bis er auf der Straße landet, wo er sich mit einem russischen Waisenjungen (Timur Massold) anfreundet. Die beiden werden an den Stadtrand gedrängt, dort, wo nach ein paar dreckigen Pfützen und Sträuchern das satte Grün beginnt, und in dieses Grün ziehen sich die beiden immer weiter zurück.

Regisseur und Autor Weingartner (Co-Autor: Cüneyt Kaya) erzählt extrem naturalistisch, die Mühe, dem spätwinterlichen Gehölz eine Unterkunft abzuringen, wird in schweren Brauntönen in Szene gesetzt, die Freuden des ersten Frühlingserwachens in den leuchtendsten Farben. Wer will, darf sich hier an Sean Penns Neo-Hippie-Trip "Into The Wild" erinnert fühlen - statt eigenhändig Wild zu zerlegen, klauen die beiden Naturburschen aus Berlins Randzonen-Grün dann doch doch lieber Toastbrot aus dem Supermarkt.

Auch liegt über Weingartners Back-to-nature-Szenario die drohende Frage: Was von dem, was wir sehen, ist überhaupt wahr? Eine Geschichte aus der Sicht eines Psychotikers wirft nun mal Fragen auf, etwa diese: Können diese traumhaften Explosionen in Grün, die Martin begleiten, während er durch den Wald sprintet, tatsächlich der Wirklichkeit abgerungen sein? Andererseits: Wird die Wirklichkeit nicht sowieso überbewertet? Die Angst jedenfalls, die Martin in seine Rechenexzesse und Komabesäufnisse getrieben hat, ist weg.

Hans Weingartner ist der letzte Abenteurer und der letzte Utopist des deutschen Kinos. Der Regisseur - im Nebenberuf Skilehrer und Neurowissenschaftler - legt seine Filme als große Selbsterkundungen an, in dem er alternative Seelen- und Gesellschaftszustände erkundet. 2001 erschien er mit seinem großen Psychodrama "Das weiße Rauschen" auf der Bildfläche, in dem er ins Innere eines Schizophrenen hinabsteigt. Drei Jahre später lieferte Weingartner mit seiner Umsturz-Hymne "Die fetten Jahre sind vorbei" quasi einen Vorgriff auf die Occupy-Bewegung; mehr Pop und Revolution war in keinem deutschen Film des letzten Jahrzehnts. Weniger Drive hatte indes "Free Rainer" 2007, eine Mediensatire, in der drei Spinner die Fernsehquoten manipulieren und dadurch ein neues Konsumverhalten beim deutschen TV-Publikum provozieren.

Weingartner dreht seine Filme ohne Netz, sie sind naiv bis visionär. Oft beides zusammen. Die Erweckungshymne des Tarzan aus Marzahn nun, in vier Jahren ohne bekannte Schauspieler und mit schmalem Produktionsgepäck entstanden, mag man leicht unter "naiv" einsortieren - übersieht dabei aber die gleichermaßen analytische wie heilende Kraft dieses außergewöhnlichen Projekts.

Sie haben Angst, nackig durchs feuchte Grün der ersten Frühlingstage zu laufen? Trauen Sie uns, schauen Sie diesen Film: Die Angst verfliegt wie im Traume.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung