Improv-Komödie "Klassentreffen" in der ARD Traurige Hascherl, fiese Krähen

Wahrscheinlich besser, als selbst ein Klassentreffen zu besuchen: Ein ARD-Film zeigt die Darstellungszwänge bei einem Treffen unter Ex-Mitschülern. Kammerspielmosaik mit lebensechten Nervanteilen.

WDR/ Wolfgang Ennenbach

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Als leidlich geselliger Grumpel-Erwachsener mehren sich ja die gesellschaftlichen Ereignisse, vor denen es einem zwar herzhaft graut, die man aber neugierbedingt auch nicht einfach sausen lassen kann. In den ärgsten Fällen wünscht man sich dann, man könnte sich die ganze Veranstaltung einfach bequem im Fernsehen anschauen, das wäre eine wunderbare Lösung.

Der Improvisationsfilm "Klassentreffen" entbindet einen in diesem Sinn vollumfänglich von der nächsten Zusammenrottung mit den Kameraden aus einem anderen Leben, weil diese neunzig Minuten alle Tragik, alle Lügen enthalten, die einem dort aufgetischt würden - und die man dort auftischen würde: "Wieso haben wir uns bloß aus den Augen verloren, ich weißt es wirklich nicht!" und "Geht's dir gut?" - "Ja, voll!".

Nach seinem preisgekrönten Improvisations-Film "Altersglühen - Speed Dating für Senioren" und dem etwas schwächeren Nachfolgefilm "Wellness für Paare" ließ Jan Georg Schütte nun ein hochwertiges Ensemble (darunter Annette Frier, Fabian Hinrichs, Jeanette Hain, Kida Khodr Ramadan, Nina Kunzendorf, Christian Kahrmann und Burghart Klaußner) ein Schulwiedersehen nach 25 Jahren channeln - wieder ganz ohne Drehbuch, die Schauspieler wurden lediglich mit Rollenprofilen versorgt, die sie als Knetmasse für ihre Charaktere verwendeten.

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ARD-Tragikomomödie: Flickerlteppich der Statusangst

Und dabei wussten sie nie mehr übereinander als ihre Figuren. Dabei dürfte ihnen das Setting dieser Improv-Folge entgegengekommen sein - weil man ja auch als Nicht-Schauspieler bei einem realen Klassentreffen die Person, die man dort sein möchte, zumindest zu einem gewissen Grad konstruiert und anlassgemäß zusammenschraubt.

Ohne Schuhe, aber mit Katzenmaske

So trifft man in "Klassentreffen" auf selbstinszenierte Wesen, die man idealtypisch auch aus dem echten Leben kennt, traurige Hascherl, fiese Krähen und alles dazwischen. Typen wie die elfig-ätherische Husche-Frau, in die früher alle verliebt waren und die immer noch barfuß und mit Katzenmaske zu Sinéad O'Connor tanzt. Den über die Jahre zum leicht schmierigen Unternehmer verschweinskopften früheren Hänfling.

Dazu klassisches, mitunter etwas grob geschnitztes Dramenpersonal wie den damals heimlich Schwulen, der sich immer noch hinter seinen drei Kindern versteckt, und dem Neu-Rechten, dem seine Schulfreundschaft mit dem türkischen Kumpel nun unangenehm ist. Ihre Ausschmückung schwankt zwischen extrem lebensnah und vorhersehbar, dazwischen liegen tatsächlich oft nur Nuancen.

Sie alle gruppieren sich wie in Arthur Schnitzlers "Reigen" zu kleinen Kammerspielszenen mit fliegendem Personalwechsel, ein Flickerlteppich der Statusangst, der galligen Aufstoßer und offenen Liebesrechnungen. Mit dem Abend und dem Alkohol rieselt der soziale Bröckelputz, wenn auch die angeblich glücklich Vermählte dann doch eine Fußnote an ihre ordentlich-bürgerliche Existenz hängen muss: "Wir sind vielleicht nicht so richtig verheiratet. Also, er ist verheiratet, mit jemand anderem."

"Es ist alles so klein, so klein, so verlogen", verliert irgendwann der aus L.A. eingeflogene Sven die Fassung. "Das sind alles nur einsame kleine Gurken." Die einen zwischendurch, wenn die Dramendichte ein bisschen zu schnittfest wird, beim Zuschauen auch reichlich nerven, wie einen wahrscheinlich auch die echten Klassenkameraden nerven würden.

"Dieses Leben hatte ich nicht bestellt", steht auf den Shirts, die alle zum Abschied für das Gruppenfoto anziehen. Sie lachen auf dem Bild, und natürlich ist das eigentlich zum Heulen.


"Klassentreffen", Mittwoch, 20.15 Uhr, Das Erste



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spon_5112961 06.03.2019
1. Muss ich sehen!
Allein schon wegen der elfig ätherischen Husche Frau...Danke Frau Rützel :-))
_bernhard 06.03.2019
2. toll
Ein wundervoll formulierter Text. Inhaltlich nimmt er vorweg, was ich von meinem bevorstehenden Abiturklassentreffen auch befürchte. Die Lektüre war eine gute Entscheidungshilfe doch besser nicht hinzufahren.
spon_6482961 06.03.2019
3.
Ja, wegen der schaue ich auch rein! Treffer!
hnoi 06.03.2019
4. Klassentreffen
... muss man live erleben, ich persönlich nehme immer gerne daran teil ;)
hjfabian 06.03.2019
5. Klassentreffen
Warum erwähnen Sie nicht Charly Hübner? Der ist bestimmt wieder ein Oberknaller heute Abend....
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