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"Komm schon!": Was hilft gegen Lackhose-Intoleranz?

Foto: ZDF/ Peter Drittenpreis

ZDFneo-Miniserie "Komm schon!" Mistress of Sex

Eine Sex-Therapeutin, die selber im Bett Probleme hat: Mit "Komm schon!" gelingt ZDFneo eine Comedy, die Sex gelassen thematisiert, ohne ins Schlüpfrige abzugleiten. Ein kleiner, vierteiliger Glücksfall.

Mit einigem Entsetzen sieht Therapeutin Anette zu, wie sich Patient Jens das große gelbe Wollkissen mit dem Zopfmuster greift und es fest an sich drückt. Eigentlich dürfte ein Patient, der Halt bei einem Kuschelkissen sucht, kein Grund zur Sorge sein. Doch Anette ist Sexualtherapeutin und Jens ein Frotteur - das heißt, ihn erregt die Reibung an anderen Menschen oder zur Not auch an Gegenständen.

Mit spitzen Fingern trägt Anette daraufhin das Kissen ins Vorzimmer, wo ihre Mutter auf sie wartet und das Kissen ahnungslos in Empfang nimmt. Fortan sieht man in allen vier Folgen von "Komm schon!", wie die Mutter es sich auf Anettes Sofa mit dem groben gelben Wollkissen mit dem Zopfmuster gemütlich macht.

Susann (Victoria Trauttmansdorff, l.) mit Tochter Anette (Marlene Morreis)

Susann (Victoria Trauttmansdorff, l.) mit Tochter Anette (Marlene Morreis)

Foto: ZDF/ Peter Drittenpreis

Die Liebe zum Detail bei "Komm schon!" ist bemerkenswert, aber nicht der einzige Grund, warum man am Donnerstagabend um 23.10 Uhr ZDFneo einschalten oder seinen Laptop aufklappen sollte. Bei der Comedy um Sexualtherapeutin Anette (Marlene Morreis) stimmt vor allem die Mischung: reizvolle Grundidee, charmantes Setting, liebevolle Figurenzeichnung.

Lackhose-Intoleranz

Und die Pointen sitzen auch. Als Anettes Mutter Jens neugierig nach sonstigen Vorlieben ausfragt, antwortet der, dass ihn Lack zum Beispiel gar nicht errege. "Ich habe gewissermaßen eine Lackhose-Intoleranz."

Mit einem Buch zu Tantrasex beginnt die kleine Serie. Das hat Anette zur Hand, um in ihrem eigenen Bett für Abwechslung zu sorgen. Mit Freund Oliver (Thomas Niehaus) geht nämlich schon länger nichts mehr - leider auch nicht nach Tantra-Anleitung. Doch Anettes therapeutischer Impuls ist damit nicht erstickt, schließlich hat sie ihre erste eigene Praxis für Paar- und Sexualtherapie gerade erst eröffnet.

Dort erwarten sie schon Patienten mit den unterschiedlichsten Nöten - neben Frotteur Jens (Ole Fischer) unter anderem noch eine Frau mit Asperger-Syndrom (Lisa Hagmeister), die die Wünsche ihres Freundes nicht versteht. Vor allem wartet da aber auch ihre draufgängerische Mutter Susann (Victoria Trauttmansdorff), die nach einiger Zeit in einer WG in Frankreich nun Unterschlupf bei ihrer Tochter sucht. Mit der Mutter im Haus spitzt sich allerdings der Konflikt zwischen Anette und Oliver zu: Plötzlich hat die Therapeutin selbst sehr großen Therapiebedarf. Ob der gutgebaute Tantra-Lehrer Marc (Anton Pampuschnyy) eine Lösung parat hat...?

Anette bei der, nunja, Fortbildung mit Trainer Marc (Anton Pampuschnyy)

Anette bei der, nunja, Fortbildung mit Trainer Marc (Anton Pampuschnyy)

Foto: ZDF/ Peter Drittenpreis

Unverkrampft, aber nicht anzüglich: Die Balance in der Ansprache, die "Komm schon!" anstrebt, zeigt sich am deutlichsten in der Hauptfigur Anette. Marlene Morreis spielt sie als aufgeweckte junge Frau, die ihren Patienten hilfreiche Sex-Tipps gibt, aber gleichzeitig zusammenzuckt, wenn ihre Mutter über ihre trockene Vagina sprechen möchte.

Sanft überzeichnet sind hier alle Figuren, aber nicht so sehr, als dass man nicht einen Menschen und seine wahrhaftigen Nöte dahinter erkennen könnte. Der Look der Serie, der mit vielen Teakmöbeln und den dominanten Farben Gelb und Petrol einen starken Early-Sixties-Einschlag vorweist, sorgt zusätzlich dafür, dass "Komm schon!" in einer leicht enthobenen Realität zu spielen scheint (Buch: Lena Krumkamp, Regie: Esther Bialas, Nathan Nill).

Das hübsche Retro-Setting steht der Serie in anderer Hinsicht aber im Weg: Aktuelle Themen wie Selbstoptimierung, verzerrte Körperbilder oder Leistungsdruck durch allgegenwärtige Pornografie haben in Mid-Century-Hamburg keinen Platz. Wenn sich Anettes Freund heimlich einen runter holt, so tut er das mit ihrem Tantra-Lehrbuch in der Hand statt vor einem Computerbildschirm. Wie so vielen neueren Serienproduktionen aus Deutschland fehlt "Komm schon!" deshalb die zeitdiagnostische Ebene, die die besten US-Produktionen über zeitlose Unterhaltung hinaus erhebt.

Womöglich liegt es auch an der mit vier halbstündigen Folgen extrem knapp bemessenen Dauer, dass "Komm schon!" sein Potenzial noch nicht ausgeschöpft hat. Andererseits ist das der beste Grund, um schnell eine zweite, längere Staffel in Auftrag zu geben. Und wer weiß - vielleicht hat Anette in einem Jahr das große gelbe Wollkissen mit dem Zopfmuster endlich in die Wäsche gesteckt.


"Komm schon!", ab 5.11. um 23.10 Uhr auf ZDfneo.