Krankenkassen-Talk bei "Hart aber fair" Ein Schweinderl für Ulla

Frank Plasbergs Debatte um Pharmalobby, Gesundheitsfonds und steigende Kosten zeigte: Politische Themen kann er immer noch am besten. Seine Gäste allerdings versteckten sich so oft hinter Ex-Ministerin Ulla Schmidt, dass der Moderator Zusatzbeiträge androhte - bei jeder Nennung ihres Namens.

Plasberg-Gäste Montgomery, Lauterbach: sich selbst entlarvt
WDR

Plasberg-Gäste Montgomery, Lauterbach: sich selbst entlarvt

Von


Am Ende der Sendung bedankte sich Frank Plasberg bei einer Frau, die gar nicht zu Wort kam. Okay, sie war auch nicht da und ihren Job macht jetzt schließlich auch ein anderer. Dennoch war die Geste des ARD-Moderators angebracht. Denn zumindest ihr Name geisterte durch die gesamte "Hart aber fair"-Sendung zum Thema Abzocke der Krankenkassen.

Fast neun Jahre war Ulla Schmidt Gesundheitsministerin. Ihr Name steht für das aktuelle System, für den Gesundheitsfonds - und damit aus Sicht von Union und FDP auch für die Zusatzbeiträge, die ab Februar von einigen gesetzlichen Krankenkassen erhoben werden. Daher ist es zunächst ja gar nicht ungewöhnlich, dass ihr Name in einer Talkshow zum Thema auftaucht.

Aber in welchem Ausmaß - das überraschte dann doch. Der SPD-Mann Karl Lauterbach warf den schwarz-gelben Konkurrenten vor, sie würden sich hinter Ulla Schmidt verstecken. Einer der Attackierten, der Liberale Daniel Bahr, reagierte darauf irgendwann so genervt, dass er Lauterbach neben "politischer Demenz" auch noch einen "Ulla-Schmidt-Komplex" unterstellte. Der Name der 60-Jährigen fiel so oft, dass Plasberg zu einer drastischen Warnung griff: Wenn das so weitergehe, werde er ein Sparschwein aufstellen, in das bei jedem weiteren Verweis auf Ulla Schmidt eingezahlt werden müsste.

Es sind amüsante Momente wie diese, die "Hart aber fair" von den Durchschnitts-Talks von Maybrit Illner und Anne Will unterscheiden. Obwohl Plasberg zuletzt vermehrt Aussetzer wie die PR-Runde zu Dieter Wedels Zweiteiler "Gier" hatte - harte politische Themen scheinen bei ihm immer noch am besten aufgehoben. Natürlich gab es auch in der Sendung am Mittwoch Längen, durften auch hier wieder Politiker Verstecken spielen und reden, ohne wirklich etwas zu sagen. Aber zumindest wurde munter gestritten, um die Gesprächsführung gerungen, auch polemisiert. Vor allem aber gelang es dem Moderator ab und an, seine Gäste dazu zu bringen, sich selbst zu entlarven.

Zum Beispiel Frank Ulrich Montgomery, Vize-Präsident der Bundesärztekammer.

Zur Posse um Peter Sawicki, den Noch-Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG), sagte Montgomery, Sawicki habe "doch mit seiner Aura" selbst zu seiner Ablösung beigetragen. "Wir brauchen einen objektiven Menschen an der Spitze dieses Instituts. Keinen Pharmakritiker."

Das ging dann sogar FDP-Staatssekretär Bahr zu weit. Der Helfer von Gesundheitsminister Philipp Rösler spielte sich bis dato mit Montgomery die Bälle zu. Doch dieses Bekenntnis zur Pharmalobby wollte Bahr nur zur Hälfte unterschreiben: "Natürlich muss der Leiter des IQWIG pharmakritisch sein - aber auch objektiv", sagte er.

Nicht neue, sondern bessere Medikamente

Der Sozialdemokrat Lauterbach ließ sich die Steilvorlage des Ärztevertreters nicht entgehen. Was Montgomery fordere, sei in etwa so, als wünsche man sich "einen Priester, der nicht gläubig sein darf". Denn, so der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion: "Jeder, der diesen Job macht, ist automatisch ein Pharmakritiker." Schließlich sei es die Aufgabe des IQWIG, neue Arzneimittel auf Wirksamkeit und Nutzen zu prüfen.

Auch die Verbandschefin der Gesetzlichen Krankenkassen, Doris Pfeiffer, sprang Sawicki zur Seite. Dieser sei "immer objektiv und neutral" gewesen. "Ich habe sehr gut mit ihm zusammengearbeitet."

Leider nahm Sawicki selbst nicht an der Debatte teil. Immerhin wurde aber ein Kurzinterview eingeblendet, das Plasberg mit ihm geführt hat. Darin bezeichnet der Institutsleiter die Macht der Pharmalobby als riesig. Das Problem sei, dass die Industrie immer neue Arzneimittel auf den Markt bringe, obwohl der Forschung nur selten große Fortschritte gelingen würden. Sawicki: "Wir wollen aber keine neuen Medikamente, sondern bessere. Nur davon hat der Patient auch etwas."

Ein Grund für die Finanzprobleme der Kassen sind die im internationalen Vergleich sehr hohen Arzneimittelkosten. Aber auch die zuletzt massiv gestiegenen Ärztebezüge und das Verhalten der Deutschen, die im Schnittt 18 Mal pro Jahr zum Arzt gehen, tragen zur Unterfinanzierung des Gesundheitssystems bei.

Wege aus dem Dilemma wurden bei Plasberg leider nur am Rande diskutiert. Zur Not gibt es ja auch immer noch einen Sündenbock: Ulla Schmidt.



insgesamt 148 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
frubi 28.01.2010
1. .
Zitat von sysopFrank Plasbergs Debatte um Pharmalobby, Gesundheitsfonds und steigende Kosten zeigte: Politische Themen kann er immer noch am besten. Seine Gäste allerdings versteckten sich so oft hinter Ex-Ministerin Ulla Schmidt, dass ihnen der Moderator Zusatzbeiträge androhte - bei jeder Nennung ihres Namens. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,674489,00.html
Ich schalte momentan alles weg was mit diesen Zusatzbeiträgen zu tun hat. Ich weis, dass ich zahlen muss. Das reicht mir auch schon. Ändern lässt sich daran nichts mehr. Das wir uns kurz darüber aufregen ist doch ebenfalls gewollt. Da hat man dann wenigstens drüber diskutiert und DER DEUTSCHE kann es im Kopf abhacken. Nach dem Motto "wenigstens drüber gesprochen".
Wuschelkopp 28.01.2010
2. Immer die gleichen...
...Gesichter in den Medien. Sowohl die öffentlich rechtlichen als auch Spiegel / SPON scheinen immer und immer wieder an den gleichen Gesichtern kleben zu bleiben. Ich finde es erstaunlich, wie sehr sich vermeintlich kritischer Politjournalismus auf Hofberichterstattung konzentriert. Die Bewertung der Meinungen ist dann auch immer gleich: Der medial hoffnungslos überforderte Montgomery wird veräppelt, während Lauterbachs Quäke als der Weisheit letzter Schluss gilt. Das ein Krankenhausarzt wie Montgomery der Pharmaindustrie beispringt ist so erstaunlich wie die Klientelpolitik der FDP: Es soll keiner sagen, man hätte es nicht kommen sehen. Das dies wieder einmal hochskandalisiert (ich meine den Arzt, nicht die Partei ;-) ) wird, zeigt doch nur die Ahnungslosigkeit der Journalisten vor der Komplexität des Systems. Bezeichnend, dass die "Horrenden Arzthonorare" von SPON einmal mehr thematisiert werden, aber wieder einmal kein niedergelassener Arzt zu Wort kommt. Die Praxisferne der ganzen politischen Debatte ist zum Haareraufen. Übrigens: Laut SPON ist der inflationsbereinigte Nettolohn von Ärzten seit 1990 um 50% gesunken, so viel zum Thema Kostentreiberei durch Honorare. Mit ihrem Journalismus helfen sie indirekt der Pharmalobby - sie lenken von den eigentlichen Problemen ab.
Bruddler II 28.01.2010
3. Blassberg
Zitat von sysopFrank Plasbergs Debatte um Pharmalobby, Gesundheitsfonds und steigende Kosten zeigte: Politische Themen kann er immer noch am besten. Seine Gäste allerdings versteckten sich so oft hinter Ex-Ministerin Ulla Schmidt, dass ihnen der Moderator Zusatzbeiträge androhte - bei jeder Nennung ihres Namens. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,674489,00.html
Auch wenn Plasberg die Sendung nicht total versemmelte kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nur noch ein Schatten seiner selbst ist, gemessen an den Zeiten auf WDR3.
Born to Boogie, 28.01.2010
4. Schluss mit Lustig
Viele von uns werden noch eine böse Überraschung erleben wenn sie einmal krank werden - oder alt.
cosmo72 28.01.2010
5. Wenn Plaßberg das macht
Wenn Plaßberg das macht, dann ist es das Wert - GEZahlt 19400 € pro Sendung! (http://www.sueddeutsche.de/kultur/508/420271/text/) http://www.sueddeutsche.de/kultur/508/420271/text/
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.