Kreditaffäre bei Jauch Der arme Wulffident

Privatkredit und Publikumsjoker - bei Günther Jauch wurden die Verfehlungen Christian Wulffs und die Zukunft des höchsten Staatsamts auf dem Niveau einer Quizshow besprochen. Da konnte man selbst als Kritiker Mitleid mit dem strauchelnden Staatsoberhaupt bekommen.
Talkmaster Günther Jauch: "Wie lange kann sich Christian Wulff noch halten?"

Talkmaster Günther Jauch: "Wie lange kann sich Christian Wulff noch halten?"

Foto: Jörg Carstensen/ dpa

Christian Wulff ist erledigt.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis er vom Amt des Bundespräsidenten zurücktreten wird, möglicherweise reicht er gerade seinen Rücktritt ein, während Sie diese Zeilen lesen. In München schreibt Horst Seehofer bereits an seiner Weihnachtsansprache als geschäftsführender Bundespräsident, der er bald sein wird; keine schöne Vorstellung, aber so wird es kommen. Es gibt keine andere Möglichkeit mehr.

Jauch fragt nicht, ob Wulff gehen muss - sondern wann

Wulff muss nicht etwa gehen, weil die "Bild"-Zeitung seine juristisch nur noch möglicherweise entfernt haltbaren Winkelzüge vor dem Landtag von Niedersachsen zum Thema gemacht hat. Er muss auch nicht gehen, weil der SPIEGEL ihn nach seinem halbgaren Erklärungsversuch als den "falschen Präsidenten" auf den Titel und die angesichts der wulffschen Erklärung geradezu herzerfrischend unüberlegten Äußerungen seines väterlichen Freundes Egon Geerkens ins Blatt gehoben hat. Auch die schriftliche Hinrichtung durch den "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher  könnte Wulff noch aussitzen. Und die erste offene Rücktrittsforderung aus der Regierungskoalition sowieso, ausgesprochen von einem gewissen Erwin Lotter - oder Lindemann  (oder so ähnlich) von der FDP, der seit dem Erwerb einer Herrenboutique in Wuppertal nicht mehr so viel Aufmerksamkeit genossen hat wie zur Stunde.

Nein, Wulff muss gehen, weil Günther Jauch es gesagt hat - schon in den ersten Sekunden seiner Sendung am Sonntagabend. Noch bevor der Vorspann lief, stand Günther Jauch da, der Mann, der in Umfragen immer mal wieder zum vertrauenswürdigsten Prominenten des Landes gekürt wird und zum Wunschpräsidenten der Deutschen, er schaute in die Kamera und fragte: "Wie lange kann sich Bundespräsident Christian Wulff nach dem Kredit für sein Privathaus noch im Amt halten?" Jauch fragte wohlgemerkt nicht, ob sich Wulff noch halten kann - sondern nur noch nach der Dauer bis zum Rücktritt. So weit ist es also schon.

Das Seltsame an dieser Sendung, deren weiterer Verlauf nach dieser Eröffnung eigentlich nur noch der Untermauerung dieses Statements dienen konnte, war aber dieses: Selbst als Wulff-Kritiker konnte man an diesem Abend Mitleid mit Christian Wulff bekommen. Denn schön war es wirklich nicht, wie hier mit ihm und seinem Amt umgesprungen wurde.

Ein lustiges Spiel um das höchste Amt

Viel ist dieser Tage die Rede von der Würde des Amts, und von dieser Würde sprechen meist diejenigen, die am liebsten die Diskussion um Christian Wulff beendet sähen, weil überzogene und unbewiesene Kritik der Institution des Präsidenten und damit dem Staatswesen insgesamt schaden würde. Diese Leute vergessen dabei zwar möglicherweise absichtlich, dass es allen voran der Amtsinhaber selbst ist, der mit seinem Verhalten dem Amt schadet - aber diese Jauch-Sendung mit dem Titel "Die 500.000-Euro-Frage - Ist Christian Wulff noch der richtige Bundespräsident?" ist ein gutes Beispiel dafür, dass ihr Argument nicht ganz von der Hand zu weisen ist.

Die Titelfrage spielte offensichtlich auf die Hauptbeschäftigung Günther Jauchs an, der auf dem Privatsender RTL seit Jahren höchst erfolgreich die Quizshow "Wer wird Millionär?" moderiert, in welcher ganz normale Durchschnittsbürger sich mit Glück und Allgemeinwissen das Kapital für ein Eigenheim erraten können. Ein Spiel, nichts Ernstes.

Mit dem in der Titelgebung für den Präsidenten-Talk gewollt deutlichen Anklang an das unernste Spiel erweckte Jauch, der ja sowieso stets im Verdacht steht, kein echter politischer Journalist zu sein, den Eindruck, es ginge in seiner ARD-Sendung ebenfalls nur um ein im Grunde lächerliches Spiel zum allgemeinen Amüsement - und nicht um das höchste Amt. Da wurde munter nach einem "Telefon-Joker" gefragt, da durfte das Studiopublikum ganz wie bei "Wer wird Millionär?" (selbstverständlich nichtrepräsentativ und mit verheerendem Ergebnis) über die Vertrauenswürdigkeit Wulffs abstimmen, und wenn der Bundespräsident die 500.000-Euro-Frage falsch beantwortet hat? Macht ja nichts, dann kommt der nächste Kandidat.

Wer Wulffs Freunde hat, braucht keine Feinde mehr

Mitleiderregend auch die Auswahl der Verteidiger Wulffs durch die Jauch-Redaktion. Zum einen saß da Peter Altmaier, der parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag, der nur eingeladen wurde, wie Jauch verriet, weil alle anderen prominenten CDU-Politiker ausgerechnet an diesem Abend wichtigere Termine vorschützten. Altmaier musste Wulff schon Kraft seines Amtes verteidigen, bemerkte aber schnell, dass er mit seinem Verständnis für den Kreditnehmer nur Hohn im Publikum erntete, verwies recht ergebnislos darauf, dass andere Politiker ebenfalls reiche Freunde hätten und dass man nicht verurteilen solle, bevor alle Fakten bekannt seien - und wurde immer kleinlauter. Er wolle dem Bundespräsidenten gerne glauben, sagte Altmaier. Ein schwacher Trost für den Strauchelnden.

Als zweiter vermeintlicher Verteidiger war der ZDF-Journalist Wolfgang Herles geladen, aufgefallen in letzter Zeit durch eine schillernde Verteidigungsrede auf Karl-Theodor zu Guttenberg  und einen peinlichen Anti-Merkel-Roman. Herles polterte anfangs gegen die "unternehmerfeindliche Kultur" in unserem Land, der Kredit sei doch nur ein Problem, weil Egon Geerkens ein Unternehmer sei. Aber es dauerte nicht lange, bis Herles, von seiner Sehnsucht nach Publikumsliebe getrieben, vollends umschwenkte, den Präsidenten "dumm" nannte, und den wichtigsten, bleibenden Satz der Präsidentschaft Christian Wulffs über den Islam und Deutschland nannte er "saudumm". Wer Freunde hat wie Geerkens, Altmaier und Herles, der braucht keine Feinde mehr.

Renate Künast musste sich da gar nicht mehr anstrengen, den Präsidenten und mit ihm die gesamte Union als werteverlassen und insgesamt unfähig dastehen zu lassen. Und es war dann auch, bei allem Respekt vor ihrer Lebensleistung, nur noch schal anzusehen, wie die große alte Dame Hildegard Hamm-Brücher die vergleichsweise ja doch eher harmlose Kreditaffäre Wulffs zum Grund des Niedergangs unserer Demokratie hochkochte, wobei allerdings durchschien, dass sie Wulff vor allem deshalb so böse ist, weil dieser einen Brief, den sie ihm zu Beginn seiner Amtszeit geschrieben hatte, nicht sogleich zum Leitfaden seiner Präsidentschaft gemacht hat. Bizarr geradezu wirkte es schließlich, dass ausgerechnet der "Bild"-Mann Nikolaus Blome der allgemeinen Hysterie entgegenwirkte und um eine Versachlichung der Diskussion bat.

Allein: Da war nichts. Neue Fakten waren nicht zu erfahren, nur die anderweitig bereits dokumentierten und im Nachhinein fatal wirkenden Äußerungen des damaligen Landespolitikers Wulff  zu einer ähnlich gelagerten Affäre seines Amtsvorgängers Johannes Rau (SPD) und Zitate aus einer jüngeren, jetzt lächerlich wirkenden Rede des Präsidenten über Vertrauen und Kredit  wurden dem Noch-Amtsinhaber um die Ohren gehauen - ansonsten war da nur Meinung. Und am Ende beim Zuschauer nur noch Mitleid mit Christian Wulff.

Aber das wird ihm wenig helfen. Denn Mitleid ist kein angemessenes Gefühl eines Bürgers für seinen Präsidenten.