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03. März 2014, 05:00 Uhr

Jauch-Talk

Angst vor neuem Krieg in Europa

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Eskaliert die Krim-Krise zum Worst Case? Die Talk-Gäste von ARD-Moderator Günther Jauch diskutierten wohltuend differenziert - es herrschte Konsens über den nun wohl einzig gangbaren Weg.

Unversehens scheint der Kalte Krieg zurückgekehrt zu sein durch Wladimir Putins militärisches Machtspiel auf der Krim.

Die Ukraine-Krise hat sich bedrohlich verschärft, und mancher meint bereits beschwörend historische Parallelen zu jenem Konflikt ziehen zu müssen, der vor genau 100 Jahren ausbrach. Dass Günther Jauch umdisponierte und kurzfristig dieses wahrlich brisante Thema auf die Tagesordnung setzte, war also im Grunde Pflicht - und es erwies sich dann auch als lohnenswert.

Denn es wurde eine nicht nur informative, sondern auch ungewöhnlich aktuelle Talkshow, die ebenso von der unmittelbaren Vernetzung mit der Nachrichtenlage durch Einspieler lebte wie von den Befunden der gutgemischten Gästeschar.

Und ein wenig geschichtliche Nachhilfe gab es sinnvollerweise auch über dieses nahe, ferne Land, von dem der Durchschnittsdeutsche kaum viel mehr kennen dürfte als die Klitschko-Brüder, um dessen Bedeutung für das russische Selbstverständnis man aber wissen muss, wenn man die Motive des Mannes im Kreml verstehen will.

Einhelliges Votum: Ein militärisches Eingreifen des Westens scheidet als Option ganz und gar aus

Dass es jetzt darum geht, mit Putin ins Gespräch zu kommen, statt Russland mit Sanktionen zu drohen oder es gar aus den G-8-Staaten ausschließen zu wollen, darüber war man sich rasch einig, ebenso wie darüber, dass alles getan werden müsse, um eine weitere militärische Eskalation zu verhindern.

Moderator Jauch brachte zwar ein ums andere Mal spekulativ das Hilfeersuchen der neuen ukrainischen Regierung an die Nato ins Spiel. Aber die Antwort der Runde war einhellig: Ein militärisches Eingreifen des Westens scheide als Option ganz und gar aus, jedes Säbelrasseln habe jetzt zu unterbleiben. Mäßigung sei das Gebot der Stunde.

Wolfgang Ischinger, Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, forderte die "Stunde der Diplomatie" herbei, der russische Journalist Ivan Rodionov beklagt die klimatische Abkühlung zwischen Moskau und Berlin, und Gregor Gysi warnte alarmistisch vorm Dritten Weltkrieg.

Aber der Linken-Fraktionschef hatte auch konkrete Vermittlervorschläge parat: Kofi Annan solle nach Kiew, Gerhard Schröder nach Moskau geschickt werden. Von derlei Einzelaktionen wollte Ischinger allerdings nichts wissen.

Die bisherige Politik der EU gegenüber der Ukraine? Falsch

Der erfahrene Diplomat war es auch, der ziemlich unverblümt die bisherige Politik der EU gegenüber der Ukraine als falsch bezeichnete - Rodionov, der oft ein bisschen zu sehr wie ein Propaganda-Lautsprecher Putins klang, redete gar von "Kolonialpolitik" -, und damit war man bei einem der wesentlichen Aspekte des ukrainischen Problems, nämlich dem Dauerdilemma, sich zwischen dem Westen und Russland hin und hergerissen zu sehen.

Christiane Hoffmann, ehemalige FAZ-Moskau-Korrespondentin und heute Vizechefin des SPIEGEL-Hauptstadtbüros, erinnerte daran, dass das Land schließlich kaum je zu einer eigenen Nationalstaatlichkeit finden konnte, zugleich aber für den russischen Nationalismus von besonderer Bedeutung sei, und sah die Gefahr einer Spaltung.

Marina Weisband von der Piratenpartei, die aus der Ukraine stammt, immer noch einen ukrainischen Pass besitzt und sich in der Maidan-Bewegung engagiert, berichtete davon, dass im Lande eher die Angst vor einem Bürgerkrieg als vor einem von außen kommenden Krieg herrsche.

Weisband will weniger Korruption, Gysi will die Oligarchen enteignen

Ganz idealistische Basisdemokratin, wünschte sie sich, dass weder der Westen noch der Osten in Form des Putin-Russlands über Zukunft und Schicksal der Ukraine zu entscheiden hätten, sondern ausschließlich die Bürger selbst bei den Wahlen am 25. Mai. Und, ja, sie könne sich trotz gewisser Vorbehalte durchaus einen Vitali Klitschko als allerdings rein repräsentativen Präsidenten vorstellen. Vor allem aber müsse es dann Gesetze geben gegen die hemmungslos grassierende Korruption. Sie hoffe, dass diejenigen Politiker gewählt würden, die am wenigstens korrupt seien.

Das wirkte bescheiden, fast rührend im Vergleich zu der Empfehlung Gysis, man solle doch am besten erstmal die Oligarchen enteignen. Wie schwierig es überhaupt werden dürfte, das Land zusammenzuhalten, wurde an der von Weisband geäußerten, von den anderen geteilten Einschätzung deutlich, dass es praktisch niemanden dort gebe, der das Vertrauen der gesamten Bevölkerung genieße.

Jemand anderes indes könnte von genau diesem Kapital schon mehr verspielt haben, als ihm am Ende womöglich lieb ist. Ex-Botschafter Ischinger gelangte vergleichsweise undiplomatisch zu dem Urteil, Verlierer dieser "Episode" werde absehbar die russische Regierung sein. Der Vertrauensverlust Putins bei den Nachbarstaaten sei bereits jetzt enorm angesichts seiner Interventionspolitik auf der Krim, die jedem Politiker in den Anrainerländern zu denken geben müsse.

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