Jauch-Talk Angst vor neuem Krieg in Europa

Eskaliert die Krim-Krise zum Worst Case? Die Talk-Gäste von ARD-Moderator Günther Jauch diskutierten wohltuend differenziert - es herrschte Konsens über den nun wohl einzig gangbaren Weg.

Ukrainer am Sonntag auf dem Maidan: In Europa geht die Kriegsangst um
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Ukrainer am Sonntag auf dem Maidan: In Europa geht die Kriegsangst um


Unversehens scheint der Kalte Krieg zurückgekehrt zu sein durch Wladimir Putins militärisches Machtspiel auf der Krim.

Die Ukraine-Krise hat sich bedrohlich verschärft, und mancher meint bereits beschwörend historische Parallelen zu jenem Konflikt ziehen zu müssen, der vor genau 100 Jahren ausbrach. Dass Günther Jauch umdisponierte und kurzfristig dieses wahrlich brisante Thema auf die Tagesordnung setzte, war also im Grunde Pflicht - und es erwies sich dann auch als lohnenswert.

Denn es wurde eine nicht nur informative, sondern auch ungewöhnlich aktuelle Talkshow, die ebenso von der unmittelbaren Vernetzung mit der Nachrichtenlage durch Einspieler lebte wie von den Befunden der gutgemischten Gästeschar.

Und ein wenig geschichtliche Nachhilfe gab es sinnvollerweise auch über dieses nahe, ferne Land, von dem der Durchschnittsdeutsche kaum viel mehr kennen dürfte als die Klitschko-Brüder, um dessen Bedeutung für das russische Selbstverständnis man aber wissen muss, wenn man die Motive des Mannes im Kreml verstehen will.

Einhelliges Votum: Ein militärisches Eingreifen des Westens scheidet als Option ganz und gar aus

Dass es jetzt darum geht, mit Putin ins Gespräch zu kommen, statt Russland mit Sanktionen zu drohen oder es gar aus den G-8-Staaten ausschließen zu wollen, darüber war man sich rasch einig, ebenso wie darüber, dass alles getan werden müsse, um eine weitere militärische Eskalation zu verhindern.

Moderator Jauch brachte zwar ein ums andere Mal spekulativ das Hilfeersuchen der neuen ukrainischen Regierung an die Nato ins Spiel. Aber die Antwort der Runde war einhellig: Ein militärisches Eingreifen des Westens scheide als Option ganz und gar aus, jedes Säbelrasseln habe jetzt zu unterbleiben. Mäßigung sei das Gebot der Stunde.

Wolfgang Ischinger, Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, forderte die "Stunde der Diplomatie" herbei, der russische Journalist Ivan Rodionov beklagt die klimatische Abkühlung zwischen Moskau und Berlin, und Gregor Gysi warnte alarmistisch vorm Dritten Weltkrieg.

Aber der Linken-Fraktionschef hatte auch konkrete Vermittlervorschläge parat: Kofi Annan solle nach Kiew, Gerhard Schröder nach Moskau geschickt werden. Von derlei Einzelaktionen wollte Ischinger allerdings nichts wissen.

Die bisherige Politik der EU gegenüber der Ukraine? Falsch

Der erfahrene Diplomat war es auch, der ziemlich unverblümt die bisherige Politik der EU gegenüber der Ukraine als falsch bezeichnete - Rodionov, der oft ein bisschen zu sehr wie ein Propaganda-Lautsprecher Putins klang, redete gar von "Kolonialpolitik" -, und damit war man bei einem der wesentlichen Aspekte des ukrainischen Problems, nämlich dem Dauerdilemma, sich zwischen dem Westen und Russland hin und hergerissen zu sehen.

Christiane Hoffmann, ehemalige FAZ-Moskau-Korrespondentin und heute Vizechefin des SPIEGEL-Hauptstadtbüros, erinnerte daran, dass das Land schließlich kaum je zu einer eigenen Nationalstaatlichkeit finden konnte, zugleich aber für den russischen Nationalismus von besonderer Bedeutung sei, und sah die Gefahr einer Spaltung.

Marina Weisband von der Piratenpartei, die aus der Ukraine stammt, immer noch einen ukrainischen Pass besitzt und sich in der Maidan-Bewegung engagiert, berichtete davon, dass im Lande eher die Angst vor einem Bürgerkrieg als vor einem von außen kommenden Krieg herrsche.

Weisband will weniger Korruption, Gysi will die Oligarchen enteignen

Ganz idealistische Basisdemokratin, wünschte sie sich, dass weder der Westen noch der Osten in Form des Putin-Russlands über Zukunft und Schicksal der Ukraine zu entscheiden hätten, sondern ausschließlich die Bürger selbst bei den Wahlen am 25. Mai. Und, ja, sie könne sich trotz gewisser Vorbehalte durchaus einen Vitali Klitschko als allerdings rein repräsentativen Präsidenten vorstellen. Vor allem aber müsse es dann Gesetze geben gegen die hemmungslos grassierende Korruption. Sie hoffe, dass diejenigen Politiker gewählt würden, die am wenigstens korrupt seien.

Das wirkte bescheiden, fast rührend im Vergleich zu der Empfehlung Gysis, man solle doch am besten erstmal die Oligarchen enteignen. Wie schwierig es überhaupt werden dürfte, das Land zusammenzuhalten, wurde an der von Weisband geäußerten, von den anderen geteilten Einschätzung deutlich, dass es praktisch niemanden dort gebe, der das Vertrauen der gesamten Bevölkerung genieße.

Jemand anderes indes könnte von genau diesem Kapital schon mehr verspielt haben, als ihm am Ende womöglich lieb ist. Ex-Botschafter Ischinger gelangte vergleichsweise undiplomatisch zu dem Urteil, Verlierer dieser "Episode" werde absehbar die russische Regierung sein. Der Vertrauensverlust Putins bei den Nachbarstaaten sei bereits jetzt enorm angesichts seiner Interventionspolitik auf der Krim, die jedem Politiker in den Anrainerländern zu denken geben müsse.

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bmvjr 03.03.2014
1. clever auf Russisch
Dass es zu Verhandlungen kommen muss, war schon zu Beginn der Unruhe in der Ukraine klar. Dass diverse Interessengruppierungen, von Nationalisten zu EU-Anhaengern, von russischer Bevoelkerung in der Krim zu anti-russischen Tataren ihre Wunschkonstellationen mehr oder minder friedfertig oder gewaltbereit zum Ausdruck brachten, hat die Situation eskaliert und den Verhandlungsbedarf massiv erhoeht. Dass die EU und die USA sich einen Wettstreit erlauben, wer denn nun diplomatisch am weitesten in Sachen Ukraine kommt, ist betrueblich und sicher nicht zum Nutzen der Ukraine gewesen. Nun sind Verhandlungen ein muss und wie das bei Verhandlungen so ist, braucht man etwas in der Hand womit oder worueber man verhandeln kann. Putin hat sich diese Voraussetzungen schnell geschaffen. Jetzt geht es nicht mehr nur um eine Regierungsbildung, Wahlen, finanzielle Unterstuetzung, Beruhigung der Ukraine, sondern jetzt kann/muss die EU, die Nato, die USA noch Zusaetzliches bieten, um einen Abzug russischer Truppen aus der Krim, Abbau der Truppenansammlung an der Grenze und Loesung fuer die von Russland als schutzbeduerftig dargestellten in der Krim ansaessigen Russen zu verhandeln. Mit Putin's raschem, massivem Vorgehen hat er zusaetzliche Verhandlungspunkte kreiert, die die vor wenigen Wochen noch entscheidend scheinenden Themen in den Hintergrund zukuenftiger Verhandlungen druecken, sozusagen von Platz Eins verdraengen, da jetzt brisantere Punkte Vorrang haben. Das ist clever auf Russisch.
holzbocki 03.03.2014
2. Unnötige Sendung
Von Differenziertheit konnte ich wenig sehen. Es hat auch keinen Zweck Talk Allzweckwaffen wie den Rechtsanwalt aus Berlin oder eine im alter von sieben Jahren aus der Ukraine ausgewanderte Dame die jetzt mal , weil es schick ist, ihre Wurzeln entdeckt einzuladen. Sowas ist doch Käse und Jauch sollte sich Bemühen keine Journalisten einzuladen denen er nach ein paar Minuten schon Befangenheit und Putin Nähe vorwirft. Was soll das? Entweder nicht einladen oder kein Russen bashing auf Kosten des Gastes.
k.u.m. 03.03.2014
3. Warum mischt die NATO mit?
Über die NATO wurde in der Diskussionsrunde zwar immer wieder geredet, doch niemand fragte danach, warum überhaupt der NATO-Rat in Fragen der Ukraine tagt und erst recht, wer den NATO-Generalsekretär Rasmussen zu einem außenpolitischen Statement legitmiert hat. Die NATO ist ein Verteidigungsbündnis. Kein NATO-Staat wird von Russland bedroht, geschweige denn angegriffen. Das heißt, es gibt keinen Verteidigungsfall. Insoweit hat die NATO hier überhaupt nicht mitzureden. Erst recht ist Herr Rasmussen kein Über-Außenminister. Den hat niemand gewählt, und es erstaunt schon sehr, dass der in dem Konflikt mit seinen dummen Sprüchen so tat, als hätte die NATO politisch mitzureden. Noch mehr erstaunt mich, dass keines der NATO-Mitgliedsländer Herrn Rasmussen in die Schranken wies. Offenbar ist es dem Herrn in seinem Amt zu langweilig geworden. Dann sollte man ihm einen Schachcomputer schenken und ihm dabei klarmachen, dass er seine Kompetenzen bei weitem überschritten hat.
Ursprung 03.03.2014
4. Putin: schwach aber stark spielen
So ein bisschen kann ich da dem Herrn Ischinger folgen: Putin wird in den Anrainer-Staaten weniger glaubhaft, bzw. mehr Feindschaft und Vorbehalte ernten, was einen Haufen Probleme fuer ihn nachziehen wird. Aber global wird er an Bedeutung zulegen: der kann jederzeit die Welt in Aengste versetzen, wie es ihm beliebt und keiner wird wegen Putin einen dritten Weltkrieg riskieren- genau das ist jetzt seine taktische "Diplomatie": Staerke glaubhaft zu mimen. Aber eben erkauft durch durch mehr Probleme in der Nachbarschaft. Die Tartaren und ukrainische Nationalisten, denen er Ansporn gibt, werden noch mehr leidenschaftliche Antiputinisten werden und das wird zunehmend bis zu aufmuepfigeren Mongolen und anderen Voelkerschaften in seinem Umfeld reichen. Er wird durch Eskalation, die er kaum noch wird zurueckfahren koennen, die Restwelt eine Weile in Atem halten und die Schlagzeilen bestimmen. Der koennte nun zur tragisch-gefaehrlichen Figur werden. Lieb wird ihm das nicht sein, sein Naturell ist eher, sich stark zu fuehlen aber nicht so zu erscheinen -er sieht aber Zeiten entgegen, in denen er aus Schwaeche den Starken wird spielen muessen. Mit Rechtsstaatlichkeit in Russland wirds weiter bergab gehen, solange Putin dort wirken wird. Anders wird er der zunehmenden Aufmuepfigleit in seinem "Reich" nicht Herr werden koennen. Schwierige und viele bipolare Zeiten der Weltpolitik in den kommenden Jahren....
sinasina 03.03.2014
5. Von Wahlbetrug habe ich nichts gefunden. Oder irre ich?
Zitat von sysopAPKriegsangst geht um in Europa: Eskaliert die Krim-Krise zum Worst Case? Die Talk-Gäste von ARD-Moderator Günther Jauch diskutierten wohltuend differenziert - es herrschte Konsens über den nun wohl einzig gangbaren Weg. http://www.spiegel.de/kultur/tv/krim-krise-im-jauch-talk-bei-der-ard-a-956525.html
In einem anderen Thread zu diesem Thema hatte ein Forumsmitglied geschrieben, man solle sich daran erinnern, wie massiv hier die Polizei bei Stuttgart 21 reagiert hätte und ob unsere Regierung solche Zustände wie auf dem Maidan hingenommen hätte? Das hat mich nachdenklich gemacht, denn soweit mir bekannt, wurde die Regierung gewählt und von Wahlbetrug habe ich nichts gefunden. Oder irre ich? Bin jedenfalls froh, dass wir hier nicht die totalen Scharfmacher haben und die Bundeswehr durch die Umstrukturierungen nicht in der Lage ist, einen Angriff durchzuführen.
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