Kritik an Talkshows "Eine versteinerte Diskussion"

Helfen Talkshows bei der politischen Meinungsbildung? Oder verstärken sie nur Vorurteile? Oliver Weber hat das Buch "Talkshows hassen" geschrieben - und sagt im Interview, was den Rederunden fehlt.

Talkshowszene (Anne Will mit Nora Illi und Wolfgang Bosbach, 2016): "Wer da sitzt, kann nicht das Thema kippen"
DPA/ NDR

Talkshowszene (Anne Will mit Nora Illi und Wolfgang Bosbach, 2016): "Wer da sitzt, kann nicht das Thema kippen"

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Weber, das Große Gerede geht wieder los, die Talkshows kommen aus der Sommerpause. Sie haben das Buch "Talkshows hassen" geschrieben. Ist "Hass" nicht vielleicht ein allzu starkes Wort?

Weber: Hass drückt nicht nur Abneigung aus, sondern bringt auch eine starke Verbindung zum Gegenstand zum Ausdruck - in diesem Fall eine große Liebe zu politischen Diskussionen und dazu, was diese Diskussionen auszeichnet. In starkem Kontrast dazu steht, was politische Talkshows daraus machen.

SPIEGEL ONLINE: Schon lange hält sich die Sorge, dass die politischen Debatten sich aus den Parlamenten in die Talkshows verlagern könnten.

Weber: Ich glaube nicht, dass Talkshows in Konkurrenz zum Parlament treten. Was im Plenarsaal geredet wird, das sind nur Verdeutlichungen dessen, was man danach zu entscheiden hat. Da haben vorher umfangreiche innerfraktionelle Erörterungen stattgefunden, vielleicht gibt es einen Koalitionsvertrag. Eine echte Diskussion ist das nicht und soll es auch nicht sein.

SPIEGEL ONLINE: Und die Talkshow?

Weber: Da geht es um Meinungen, die in der Öffentlichkeit politische Geltung für sich beanspruchen - vertreten typischerweise durch Politiker, auch Journalisten oder die Expertise von Betroffenen. Leute also, die man als Typen für eine gewisse Meinungshaltung einladen kann, treffen sich an einem Ort, an dem sie sich in eine Argumentation verwickeln lassen. Und so zur Meinungsbildung des Zuschauers beitragen.

SPIEGEL ONLINE: In der Talkshow weiß ich doch auch schon, was ein Lafontaine oder ein Habeck sagt.

Weber: Das ist gerade die Versteinerung der Diskussion, an der ich mich störe. Es ergibt keinen Sinn, parlamentarische Rituale in der Talkshow zu wiederholen. Dort wird nichts entschieden.

Preisabfragezeitpunkt:
27.08.2019, 15:34 Uhr
Ohne Gewähr

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Oliver Weber
Talkshows hassen: Ein letztes Krisengespräch

Verlag:
Tropen
Seiten:
155
Preis:
EUR 12,00

SPIEGEL ONLINE: Was ist dagegen einzuwenden, wenn ich als Zuschauer eine sozialistische und einen neoliberale Meinung vorgetragen bekomme und dann entscheiden kann, auf welche Seite ich mich schlage?

Weber: Nichts. Im Sinne der Meinungsbildung hilft es nur nichts, wenn ich immer die gleichen Personen sehe, die immer den gleichen Standpunkt vertreten. Da fühle ich mich in meiner Position nur bestärkt, weil ich sie noch einmal begründet bekomme. Wichtig wäre, dass auch Differenzen zugelassen werden. Das geschieht eigentlich nur, wenn in der Sendung eine gewisse - metaphorisch gesprochen - Flüssigkeit ins Gespräch kommt, wenn Positionen sich verwickeln und verändern lassen.

SPIEGEL ONLINE: Mehr Streit?

Weber: Man müsste zulassen, dass eine Person, die ein bestimmtes Kommuniqué vertritt, sich im Lichte kritischer Einwände rechtfertigen muss. Beispielweise bei Diskussionen um die "schwarze Null". Wenn sich dann Differenzierungen der eigenen Position ergeben oder der Zuschauer einen Einblick in die Partikularität der Perspektive bekommt, wäre schon viel gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Sollte man auf Politiker ganz verzichten und eine Ebene tiefer gehen, also Leute einladen, die von der Sparpolitik profitieren oder unter ihr leiden?

Weber: Ich würde empfehlen, dass man öfter Bürger einlädt. Talkshows sollten sich auch nicht in Expertengremien verwandeln. Macht muss sich auch im Fernsehen darstellen und zu Ansichten und Meinungen eine Stellung beziehen können. In der Talkshow können Parteipolitiker nicht mehr selbst die Konstellation festlegen, in der sie ihre Standpunkte vertreten. Das ist ein Vorteil der Talkshow.

SPIEGEL ONLINE: Als Angela Merkel in einer Wahlsendung von einem Krankenpfleger angesprochen wurde, hatte das doch eine Wucht, oder?

Weber: Das hat eine ordentliche Wucht. Man sollte noch einen Schritt weitergehen und nicht im Frage-Antwort-Modus verbleiben, das wäre wie ein Behördengang und dem Ideal demokratischer Diskussion sehr fern. Besser wäre, die beiden würden mal drei Minuten diskutieren.

SPIEGEL ONLINE: Es wäre wichtig, das ritualisierte Sprechen aufzubrechen?

Weber: Genau. Es ist ein großartiges Format, das, wenn man es historisch betrachtet, auch zur Demokratisierung unserer Republik beigetragen hat. Das politische Potenzial, das heute in Diskussionssendungen liegen würde, wird aber nicht mehr freigesetzt. Eben weil die Rituale sich erschöpft haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie fordern also mehr Kreativität?

Weber: Es wäre in ganz vielen Situationen der Sprung ins Ungewisse zu wagen. Einen Versuch wäre es beispielsweise wert, eine internationale - oder europäischere - Zusammensetzung zu wagen. Die Gäste sind meistens Deutsche, das spiegelt nicht die politische Wirklichkeit wider.

SPIEGEL ONLINE: Die Wucht kann auch nach hinten losgehen. Gerade dann, wenn nationale Themen behandelt werden.

Weber: Talkshows haben den Rechtsruck sicher nicht bewirkt, das wäre zu viel gesagt. Es gibt da aber eine Symbiose, etwa durch das Setzen auf Themenzusammenhänge zwischen Identität und Kriminalität während der Flüchtlingskrise - das spielte der AfD in die Hände, die auch davon ausgeht, dass die Leute sich nur für dieses Thema interessieren. Hier war die Talkshow ein an die Rechten gekoppeltes Medium.

Björn Höcke, Heiko Maas und Moderator Günther Jauch (am 18.10.2015): "Nur mit Aufregerthemen Quote generieren? Ist ein Mythos"
DPA

Björn Höcke, Heiko Maas und Moderator Günther Jauch (am 18.10.2015): "Nur mit Aufregerthemen Quote generieren? Ist ein Mythos"

SPIEGEL ONLINE: Es sitzt aber doch in jeder solchen Sendung auch immer jemand, der "Fluchtursachen bekämpfen!" sagt und dann als Beschwichtiger verunglimpft wird.

Weber: Das ist gerade das Problem, wenn jemand aus dem gesetzten Rahmen ausschert. Das ist verdächtig, auch wenn er vielleicht auf ein wichtigeres Thema hinweist. Wer da sitzt, kann aber nicht das Thema kippen, weil diese Shows so durchgeplant sind. Echte Ausreißer sind da nicht möglich.

SPIEGEL ONLINE: Sitzen nicht Talkshow und Populismus den gleichen Reizen auf? Mit der Rentendiskussion lässt sich keine Quote machen.

Weber: Die Wechselwirkung würde ich auch sehen. Sie besteht darin, dass man monothematisch vorgeht und die Thematik auch kaum reflektiert - sie ist ja das, was den Leuten angeblich unter den Nägeln brennt. Aber dass man nur mit Aufregerthemen Quote generieren könnte, ist ein Mythos.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre falsch an der Vorstellung der Redaktionen, mit der Talkshow - und den eingeladenen Stimmen - eine Debatte zu orchestrieren?

Weber: In einem Orchester spielen die Instrumente trotzdem harmonisch. Man merkt bei der AfD und merkte schon in den ersten Gesprächssendungen mit den Grünen, dass die Idee einer bloßen Komposition nicht funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Weber: Es ergibt sich kein Orchester, wenn ein gewisser Konsens zwischen den Parteien nicht mehr besteht. Dann kann der Moderator als Dirigent auch nicht mehr viel machen.

SPIEGEL ONLINE: Er kann einschreiten.

Weber: Aber er dürfte nicht sagen: "Gut, die AfD sieht das so, wie sehen es denn die Grünen?" Er müsste den Anschein der Neutralität aufgeben und fragen: "Ist diese Sicht legitim?" Und auch anderen Stimmen gegenüber ähnlich kritisch sein.

SPIEGEL ONLINE: Das Ideal der Talkshow ist die Öffnung eines diskursiven Raums, wie er in unserer segmentierten Öffentlichkeit mit ihren verhärteten Fronten kaum mehr möglich ist. Was ist dagegen einzuwenden?

Weber: Wenn man sich fragt, wo es sonst noch ein solches Forum mit einer solchen Breitenwirkung gibt, findet man nicht viel. Das stimmt. So gesehen ist dieses Ideal ehrenvoll. Sobald man aber diesen Raum geöffnet hat, leistet man sich keinen Gedanken mehr, wer da eigentlich drin ist, was der darin macht. Der Anspruch ist: Wir spiegeln, was in Deutschland öffentlich geschieht. Diese Spiegelung ist eine Illusion, weil die Talkshow selbst wieder in Fragmentierungen zerfällt.



insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
FrankDunkel 28.08.2019
1.
Hassen kann ich nur etwas, das ich ernst nehme. Wie soll ich also Veranstaltungen hassen, in denen die Moderatoren meist schlecht vorbereitet sind und ihre Fragen von vorbereiteten Karten ablesen, während die geladenen Gäste eh nur ihr Standardprogramm abspulen, gleichgültig wie die Fragen lauten. Solche Talkshows werden heute von vielen Leuten für Politik gehalten. In Wirklichkeit stellen sie die Karikatur von Politik dar und sind daher bestenfalls ärgerlich. Für all die Plasbergs (Ansager und Schnipselmann), Wills, Illners mit ihren Produktionsfirmen sind sie quasi wie eine Lizenz zum Gelddrucken.
ZuBedenken 28.08.2019
2. Lückenfüller
Seit langem schalte ich sofort weiter, wenn ich im Fernsehen auf eine Talkshow stosse. Die immer wieder gleichen Leute geben die ebenso vorhersehbaren wie immer wieder gehörten (in ihrer Zielgruppe) risikolosen Statements ab. aber es füllt Sendezeit und ist vermutlich viel billiger als Alternativen. Dagegen ist es beeindruckend zu sehen, was für interessante Formate der Rundfunk dagegen manchmal an Gesprächen bietet. Interessante Menschen, spannende Themen, gute Fragen. B2 ist nur ein positives Beispiel.
syracusa 28.08.2019
3. mehr Demarchie wagen
Die von Weber vorgeschlagenen Talkshows mit mehr fluider Meinungssetzung finden ihr Pendant in demarchischen Elementen, die in Irland mit großem Erfolg eingeführt wurden. Da werden rein zufällig Bürger ausgelost, die gesellschaftlich relevante Themen ausdiskutieren und dann Regierung und Parlament beratend zur Seite stehen. Ohne dieses demarchische Element wäre es undenkbar gewesen, dass in einem erzkatholischen Staat wie Irland mit größter Zustimmung die Homoesuellen-Ehe eingeführt werden konnte.
stolte-privat 28.08.2019
4. Für mich persönlich...
...habe ich leider feststellen müssen, das sich viele Talkshows, speziell zu den Hauptsendezeiten, immer mehr auf Trinkhallenniveau bewegen. Leider sind extreme Ansichten, prolliges Verhalten und Streitereien bis hin zu Beleidigung und Körperverletzung viel interessanter als sachliche und fundierte Diskussionen. Amerikanische Verhältnisse, über die ich mit einem sauren Grinsen hinwegzappe.
charlybird 28.08.2019
5. Es wäre sicherlich
von großem Interesse und würde so etwas wie einer immer geforderten Demokratie durch Volkes Stimme vielfach den Wind aus den Segeln nehmen, wenn rein zufällig ausgeloste Zuschauer aktuelle Themen diskutieren Könnten. Aber das würde sich kein Sender der ÖR trauen und letztlich muss so ein Format auch noch durch den Rundfunkrat und durch die politischen Gremien der einzelnen Sender. No Way. Ich verfolge, so ich kann, gerne politische Talkshows, aber sie sind richtig schlecht geworden und vor allem beliebig. Anne Will, die ich mittlerweile als erschreckend in den Konservatismus abgerutschte Schmalspurmoderatorin empfinde, habe ich am Sonntag abgeschaltet, was ich selten tue, und zwar exakt nachdem Herrn Lindner seine 60er Jahre Ideenagenda monologisieren durfte.
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