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30. Januar 2017, 12:30 Uhr

ZDF-Zweiteiler "Landgericht"

Familie in Trümmern

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Der Krieg ist vorbei, der Schrecken bleibt: Die Verfilmung von Ursula Krechels "Landgericht" reicht nicht an den Roman heran - bewegend und notwendig ist der ZDF-Zweiteiler trotzdem.

Dann stehen sie sich gegenüber, in dieser graubraunen Bahnhofshalle im Allgäu. Zehn Jahre haben sich Claire und Richard Kornitzer nicht gesehen, nun ist der Krieg vorbei. 40 Sekunden lang schauen sie sich an, nur ein Satz fällt: "Du hast ja noch deine alte Brille", sagt sie zögernd. Er stellt seinen Koffer ab, sie lehnen sich kurz aneinander und im Hintergrund quietschen die Züge.

Kein Aufeinander-Zurennen, keine Violinen aus dem Off, nein: 40 Sekunden, in denen sich Claire (Johanna Wokalek) und Richard (Ronald Zehrfeld) nur ruhig ansehen, dazwischen jener kleine Satz. Das muss sich ein Fernsehfilm zur Primetime erst einmal leisten. Auch darum ist es die entscheidende Szene, um zu erklären, was am ZDF-Zweiteiler "Landgericht" so bestechend ist - und was nicht.

Was im Film eine knappe Minute umfasst, am Anfang von Teil zwei, unsäglich hineingesuppt in den Vorspann, halb überblendet von den Namen der Schauspieler, des Regisseurs, füllt in der Romanvorlage die ersten zehn zentralen, berauschenden Seiten jener Geschichte, für die Ursula Krechel 2012 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde (und nicht nur gelobt wurde). So wunderbar es also ist, dass Regisseur Matthias Glasner (der allein mit Dramen wie "Der freie Wille" Ausnahmewerke geschaffen hat) filmische Stereotype aushebelt, so deutlich ist auch, dass die umwerfende Atmosphäre, die in Krechels Erzählweise steckt, fehlt.

Trauer, Trauma, Schuldgefühl

Ja, die Story ist die gleiche, basierend auf einer wahren Geschichte. Das jüdisch-christliche Ehepaar Kornitzer schickt 1938 seine beiden Kinder von Berlin aus nach England in Sicherheit, er, der jüdische Richter, der wegen der Rassengesetze alles verlor, rettet sich nach Kuba, sie schlägt sich ins Allgäu durch. Und als Claire nach Kriegsende versucht, die Familie zusammenzuführen, bricht auf, dass die Distanz unüberbrückbar ist, überlagert von Trauer, Trauma, Schuldgefühl.

So oder so: Es ist eine wichtige Geschichte, und sie muss erzählt werden - gerade jetzt, da von Trumps Amtseinführungsrede bis zu AfD-Mann Björn Höckes Holocaust-Schwadroniererei die NSDAP-Propaganda permanent wie ein Echo mitschwingt. Und es bedrückender Alltag ist, dass Familien auf der Flucht über Jahre auseinandergerissen werden.

Dass sich Krechels Roman von der historischen Vorlage unterscheidet (siehe Doku direkt im Anschluss an Teil eins), liegt auf der Hand: Literatur ist dazu da, mittels Sprache Figuren und Atmosphären entstehen zu lassen, die losgelöst von der Realität existieren. In diesem Sinne bleibt aber der Film hinter dem Buch zurück.

Krechels Schreiben ist immer eine Annäherung. Sie erzählt nicht chronologisch, sondern webt die Ereignisse ineinander, beginnt mit dem Wiedersehen des Paars im Bahnhof Lindau, springt zurück ins Berlin der Dreißigerjahrer, nach Kuba, wieder ins Allgäu. Sie lässt den Drang zur (auto)biografischen Wahrheitsfindung implodieren, etwa indem Kornitzers Erinnerungen auf die seiner Tochter prallen, bis alles verwischt.

Krechels Kornitzer ist im Wortsinn eine "displaced person": eine Figur des permanenten Woanders, die mit dieser Uneindeutigkeit ringt. Er, der Richter, der Handlungen analysiert, sie auf Recht und Unrecht abklopft, um hernach ein Urteil zu fällen - und zwar auch über sich selbst. Kurz: Krechel öffnet Bedeutungsebenen. Es ist die sprachliche Abbildung dessen, was ein Trauma am Gedächtnis einer Familie, einer Gesellschaft anrichtet.

Der TV-Zweiteiler macht das Gegenteil. Das Drehbuch von Heide Schwochow (die mit den Büchern zu Filmen wie "Westen" eigentlich bewies, wie hervorragend sich deutsche historische Stoffe filmisch erzählen lassen können) folgt streng der historischen Chronologie. Der Film lässt Kornitzer auf eine relativ stringente Figur zusammenschnurren, die in Kuba eine Zweitfamilie gründet, sie nach seiner Rückkehr verschweigt, sich in Arbeit stürzt, in die Absurdität von Entnazifizierung und Entschädigungsanträgen.

Innere und äußere Emigration

Andererseits gibt Schwochow dankenswerterweise der emotionalen Zerrissenheit der Kinder mehr Raum, erzählt, wie sie neue Heimat und Familie finden. Und auch Claire ist weit präsenter als Figur, jedoch permanent in einer Opferrolle - als die, die notgedrungen zurückbleibt, die verzweifelt ihre Kinder, ihren Mann in der Welt zusammensucht, es aber nicht schafft, sie aus der inneren wie äußeren Emigration zurückzuholen.

Dass der Film mehr ist als ein x-beliebiges TV-Drama, liegt vor allem an den Hauptdarstellern Johanna Wokalek und Ronald Zehrfeld, die in der Lage sind, die Stille, die Regisseur Glasner anbietet, auch auszufüllen. Dass man daneben ein hervorragendes Ensemble mit Barbara Auer, Eva Löbau, Ulrike Kriener oder Katharina Wackernagel gewinnen konnte, ist zwar beachtlich. Jedoch bekommt keine von ihnen in den über drei Stunden den Raum, ihre Figur auszuformen, statt sie nur anzuspielen. Ein Jammer.

Und doch, erneut: Es ist wichtig, dass diese Geschichte erzählt wird. Gerade jetzt, in diesem populistisch anklingenden Wahljahr. Gerade weil der Gedanke, wenigstens die Kinder aus dem Grauen zu retten, seit Beginn des Syrienkriegs auftaucht. Gerade weil in dem Film so oft von "Auswandern" die Rede ist, nicht nur von "Flüchtlingen".

Und gerade weil Kornitzer bebend Artikel 3 des Grundgesetzes zitiert: "Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden." Das könnte man im Fernsehen ruhig öfter hören.


"Landgericht. Geschichte einer Familie", Teil 1, Montag, 20.15 Uhr, ZDF
"Landgericht. Die Doku", Montag, 22.15 Uhr, ZDF
"Landgericht. Geschichte einer Familie", Teil 2, Mittwoch, 20.15 Uhr, ZDF

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