Landtagswahlen bei ARD und ZDF Stress, Missverständnisse, Unschärfen

Ein Sieg der Phrasen - bei der Berichterstattung zu den Landtagswahlen wirkte es, als hätten beinahe alle Parteien in Brandenburg und Sachsen gewonnen. Eindeutige Wahlverliererin war nur eine MDR-Moderatorin.
Michael Kretschmer mit MDR-Moderatorin Wiebke Binder

Michael Kretschmer mit MDR-Moderatorin Wiebke Binder

Foto: Jan Woitas/ dpa

"Rassisten sind keine Alternative". Dieser Slogan schafft es zum heimlichen Star der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung zu den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg. Und das, obwohl er nicht auf Twitter "trendete", ja nicht einmal ausgesprochen wurde.

Politiker dankten "erst einmal den Wählerinnen und Wählern" und zeigten sich mit ihren Ergebnissen "trotzdem hochzufrieden", schlossen Koalitionen aus und wollten "erst mal sehen, was sich politisch im Land so tut". Als Robert Habeck ohne stehende Tonleitung vorschlug, trotzdem zu sagen, was ihm zu den Ergebnissen einfällt, senkte Bettina Schausten den Daumen: "Nee, ohne Frage machen wir gar nichts".

Journalistinnen fragten nach einem "deutlichen Aderlass zur AfD hin" oder Michael Kretschmers Wahlkampf "ganz nah bei den Menschen", erörterten Folgen für die Große Koalition oder kommentierten die "große Feierstimmung bei den Grünen hier in Potsdam". Jörg Schönenborn kündigte allen Ernstes etwas "Frisches aus der Hochrechnungsküche" an.

Irgendwann aber nimmt das ZDF den AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland in die Mangel. Der steht in Potsdam und wird nach dem Rechtsaußen-"Flügel" gefragt, ob der eventuell schädlich sei für seine Partei. "Ich weiß gar nicht, wie sie darauf kommen", sagt Gauland und schaut angestrengt nach unten. Die Moderation "muss da noch mal nachhaken", ob denn der Spitzenkandidat in Brandenburg, Andreas Kalbitz, nicht "schädlich ist für Ihre Partei"?

Kann vorkommen, wir sind schließlich beim MDR

Ach was, sagt Gauland und senkt weiter den Kopf, der sei "nicht rechtsextrem" und an keinerlei "Ausschreitungen" in Griechenland beteiligt gewesen. Das, was da im SPIEGEL zu lesen war ("Relotius!"), sei überhaupt nicht belegt. Gauland darf das frank und frei behaupten, obwohl Kalbitz selbst die Teilnahme an einem Neonazi-Marsch in Athen eingeräumt hat.

Während der AfD-Senior spricht, steht er vor einer Glaswand. Und dort, draußen, beim Wahlvolk, schleicht sich von hinten jemand gaaanz langsam mit einem gemalten Plakat an. Ein paar Schritte nach rechts, dann wieder nach links, noch ein wenig höher, und dann kann man es, während Gauland alles von sich weist, schön lesen: "Rassisten sind keine Alternative".

So richtig klar scheint das zumindest beim Nachbarsender ARD nicht gewesen zu sein. Moderatorin Wiebke Binder vom ausführenden MDR verwechselt zunächst den CDU- mit dem FDP-Chef im Land. Kann vorkommen. Überdies verwechselt sie Thomas de Maizière mit Lothar de Maizière. Kann vorkommen. Dem sächsischen AfD-Kandidaten Jörg Urban versichert sie geradezu unterwürfig, es sei natürlich auch "Positives" über die AfD berichtet worden: "Auf jeden Fall." Kann vorkommen, wir sind schließlich beim MDR.

MDR sah sich zu einer Stellungnahme genötigt

Zur Wahlverliererin wird Binder indes durch ihr Gespräch mit Marco Wanderwitz von der sächsischen CDU. Binder stellt fest: "Eine stabile Zweierkoalition, eine bürgerliche, wäre theoretisch ja mit der AfD möglich." Wanderwitz reagiert sofort: "Eine Koalition mit der AfD wäre keine bürgerliche Koalition", per Twitter distanzieren sich prompt sogar Kollegen wie Arnd Henze, bis 2019 Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio.

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Damit ignorierte Binder nicht nur Erkenntnisse über maßgebliche Politiker der AfD oder den Kurs der sächsischen CDU zumindest auf Landesebene. Sie nimmt sogar die Erzählung einer stammelnden Alice Weidel ("Wir haben ein starkes Ergebnis, das auch unserem starken Wahlkampf schuldig geworden ist") auf, dass "60 Prozent der Menschen in Sachsen konservativ" gewählt hätten. Wobei nicht einmal Weidel die eigene Propaganda glaubt und über den "bürgerlichen Ausschließungsstil" der CDU klagt.

Wo also die AfD gern rein würde, moderiert Binder sie vorauseilend schon hinein. So würde sich das also anfühlen, ein Öffentlich-Rechtliches unter Ägide der AfD. Hinter einem Rassisten mit einem "Rassisten sind keine Alternative"-Schild herumwedeln, das dürfte man dann wohl nicht mehr. Eilig sah sich der MDR zu einer Stellungnahme genötigt und spricht von Stress, Missverständnissen und Unschärfen.

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Zumindest einen Eiertanz führt auch Binders Kollege Sascha Hingst auf, als er ein Gespräch mit AfD-Mann Björn Höcke anmoderiert. Dessen "Flügel" sei "nationalkonservativ", manche würden ihn auch "nationalistisch" nennen, tja, und ihr "Führer", nun ja, besser: "Anführer" Björn Höcke, erfahren wir, wünscht "den Altparteien" ein glückliches Händchen beim Koalieren.

Die Sache mit der Bürgerlichkeit ist auch Thema bei der Einordnungsrunde von Anne Will am späteren Abend. Geladen sind zwei Journalisten (m/w), zwei Ministerpräsidenten (m/w) und zwei Parteichefs, darunter Gauland: "Wir sind auf dem Weg, die bürgerliche Volkspartei zu werden", erklärt er. Hier ist es Manuela Schwesig, die vehement widerspricht: "Sie sind nicht bürgerlich!"

Um Kenia geht es und den Osten, um Versäumnisse und das Zuhören. Mit Händen zu greifen ist die Erleichterung, dass die Wunde zwar tief, aber nicht tödlich war. Und die Hoffnung, dass sich die autoritäre Welle an diesem Tag womöglich gebrochen haben könnte.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, der Fernsehjournalist Arnd Henze gehöre zum ARD-Hauptstadtstudio. Dort arbeitet er seit 2019 aber nicht mehr.