Der Wahlabend im Fernsehen Und plötzlich analysiert Harald Schmidt die Landtagswahl

Startschuss ins Superduperwahljahr, auch bei ARD und ZDF: Die Herren der Zahlen befummeln gewaltige Touchscreens, Außenreporter besuchen ärmliche Zelte – und Harald Schmidt vergöttert einen Grünen.
Wählerin in Baden-Württemberg: Kann die Politik – nicht nur die Union – verlorenes Vertrauen zurückgewinnen?

Wählerin in Baden-Württemberg: Kann die Politik – nicht nur die Union – verlorenes Vertrauen zurückgewinnen?

Foto: Philipp von Ditfurth / dpa

Die ersten Ergebnisse sind genau zehn Minuten alt, da hebt Bettina Schausten (ZDF) zwei Landtagswahlen schon auf die Bundesebene. »Wie sehr«, fragt sie, »schwächen diese Ergebnisse Armin Laschet?« Wissen will sie das, weil der gerade auf Sendung ist, vom sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU). »Das ist jetzt eine Journalistenfrage«, sagt Kretschmer verdrossen, bevor er eine Politikerantwort gibt.

Um Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg geht es an diesem Abend sehr schnell gar nicht mehr. Zwar wird das Wahlvolk dort kaum über den CDU-Vorsitzenden abgestimmt haben. Aber die Arithmetik solcher Ereignisse fordert, dass sofort extrapoliert wird. Schließlich ist es der Auftakt zum »Superwahljahr«.

Ein Superduperwahljahr wird es, so viel sei prognostiziert, für die Prognostiker werden. Leute wie Jörg Schönenborn (WDR) und Matthias Fornoff (ZDF), die als Herren der Zahlen gigantische Touchscreens befummeln und Sachen sagen wie: »Ja, ich suche gerade die Daten über Malu Dreyer«. Fornoff wirkt gegen den statistisch bis unter die Zähne bewaffneten Konkurrenten eher blass, auch wenn Schönenborn mit ernster Miene mahnt: »Die Prognose ist immer ein statistisches Rechenwerk«, also kein Hexenwerk.

Schwerer haben es die Außenreporter, die diesmal pandemiebedingt in einem Studio sitzen und die virtuellen Wahlpartys auf Bildschirmen verfolgen müssen (»Bei der FDP wird viel diskutiert«). Kurz ist ein langhaariger CDU-Anhänger von der schwäbischen Alb im Bild, der durchaus Bassist einer norwegischen Death-Metal-Band sein könnte. Über den hätte man gerne mehr gewusst.

Mitarbeiter Bobby Cherian ist tatsächlich »draußen bei den Menschen«, im strömenden Regen von Mainz, und findet es »unglaublich still«, fast unheimlich. Es fände eben alles in sehr kleiner Runde statt. Wir sehen ein armseliges SPD-Zelt neben einem identischen CDU-Zelt. Als die Ergebnisse kommen, wird es dort sogar noch stiller. Cherian: »Freud und Leid liegen hier wirklich räumlich dicht beieinander«.

Kurz darauf ist schon Lars Klingbeil bei Bettina Schausten. Der SPD-Generalsekretär gratuliert der SPD-Gewinnerin in Rheinland-Pfalz, kondoliert dem SPD-Verlierer in Baden-Württemberg, und gibt die sozialdemokratische Parole des Abends aus. Es seien »Mehrheiten ohne die CDU möglich«.

In der ARD ist es derweil an Wolfgang Schäuble, in beiden Bundesländern eine »Wahl der Persönlichkeiten« gesehen hat und über »schwarze Schafe« in den eigenen Reihen sprechen muss. Die haben, wie es der unterlegende CDU-Kandidat in Mainz später formulieren wird, »uns keinen Rückenwind verpasst«.

Übernimmt bald die Nachwuchskraft Özdemir?

Fritz Frey (SWR) hat einen vergnügten Cem Özdemir am Wickel und vertraut seinem Augenschein: »Augenscheinlich vertrauen die Menschen ja Winfried Kretschmann«. Der Ministerpräsident ist zwar gerade für eine weitere Legislaturperiode bestätigt worden, aber augenscheinlich schon so wackelig, dass Frey von Özdemir wissen will, ob der denn als dessen Nachfolge bereitstünde. Die umschmeichelte Nachwuchskraft will erst einmal ihren Wahlkreis verteidigen, »dann sehen wir weiter«.

In Mainz wie Stuttgart klagen die AfD-Kandidaten über »die Ausgrenzung, die wir erlebt haben«. Jörg Meuthen muss sich anhören, die Partei habe eher »plumpe Antworten« auf die Coronakrise gehabt. Und Alice Weidel ist so gereizt, wie man es von ihr gewohnt ist.

Eine wirklich sehr, sehr glückliche Malu Dreyer erlebt man ab 18.30 Uhr, einen vergnügten Winfried Kretschmann schon um 18.37 Uhr – aber noch nicht bei der ARD, dort erklärt Schönenborn noch ein paar Sitzverteilungen. Danach erklärt Christian Lindner bei Schausten, dass die FDP die eigentliche Wahlgewinnerin ist. Bei Tina Hassel (ARD) wiederum gratuliert Olaf Scholz (SPD) der Siegerin, kondoliert dem Verlierer und freut sich, wir erinnern uns, dass eine »Regierungsbildung möglich ist ohne CDU«.

Ein drolliges Intermezzo bei der ARD ist ein Auftritt von Harald Schmidt, der dem von ihm »vergötterten« Kretschmann keine Ratschläge erteilen möchte. Gehe aber Kretschmann in den Ruhestand, würde seine Partei gewiss »den ewigen steinigen Weg der ehemaligen Regierungspartei« antreten: »Das ist the next CDU«. Schönenborn findet das nicht beschmunzelnswert und überlegt, »wie ich den Weg zurück zur Sachlichkeit finde«.

Der wird später bei der »Berliner Runde« beschritten, und zwar von Britta Haßelmann. Zu ihren Gunsten hatte der grüne Bundesgeschäftsführer zurückgezogen, damit »nicht wieder nur Männer in dieser Runde sitzen«. So sind sie, die Grünen.

Haßelmann hört den Herren zu – und konstatiert relativ entgeistert: »Also, ich glaube, wir geben hier gerade kein gutes Bild ab«. Es gehe um ganz andere Dinge als Scharmützel zur Kanzlerkandidatenfrage oder innerkoalitionäres Gezänk. Sondern um das Land.

Der arme Armin muss nun liefern

Später, die endgültigen Zahlen liegen noch immer nicht vor, läuft auch »Anne Will« in diesem gedeihlichen Geiste ab. Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg sind schnell abgehandelt, bald geht es um Fragen wie jene, ob die Politik – nicht nur die Union – verlorenes Vertrauen zurückgewinnen könnte.

Zwischen Robert Habeck und Thomas de Maizière (CDU) gibt es einen gepflegten Disput über die Frage, ob die Union in Fragen der Korruption ein strukturelles Problem habe. Der ehemalige Innenminister sieht »keine Krise der Partei, nicht einmal der Fraktion«. Habeck sieht das naturgemäß anders. Man hört sich an und geht sich nicht an die Gurgel.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Die Politikwissenschaftlerin Ursula Münch resümiert die Landtagswahlen mit der Erkenntnis, dass »mit extremen Positionen nichts zu gewinnen« sei. Beide Ministerpräsidenten hätten glaubhaft vermittelt, sie dächten »wirklich ans Land«.

Der arme Armin Laschet, da ist sich die Runde einig, müsse nun »liefern«. Und Olaf Scholz? Freut sich, »dass sichtbar geworden ist, dass es eine Mehrheit ohne Union geben kann«.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes sind die übertragenden Sender und die Moderatoren durcheinander geraten. Zudem hatten wir ein Zitat von Britta Haßelmann nicht korrekt wiedergegeben. Wir haben das korrigiert.