"Late Night Berlin" mit Klaas Heufer-Umlauf Noch hühnerbrüstig

Es knirscht noch ein wenig. Funktionieren kann Klaas Heufer-Umlaufs "Late Night Berlin" trotzdem - wenn die Gags in der Sendung besser werden. Denn bisher war das Witzigste ein ungebetener Auftritt von Jan Böhmermann.

Nicht auf den Schreibtisch starren, bloß nicht auf den Schreibtisch starren! Wer zur Seekrankheit neigt oder zur Spätnachtshowstunde nicht mehr hundertprozentig nüchtern war, dem konnte schnell übel werden, wenn er seinen Blick zu lange auf Klaas Heufer-Umlaufs mit Displays verkleideten Showschreibtisch hielt. Laufende Buchstaben und schmelzende Muster, die wie psychedelisch wabernder Rosenkohl-Anschnitt oder vergorener Marmorschinken aussahen, lenkten von quasi allem ab, was außer Schreibtisch bei der Premiere von "Late Night Berlin" sonst noch so passierte.

Manche Dinge davon funktionierten gut: Ein halbglatziger Heufer-Umlauf, verkleidet als tanzender Schokoladenmampfe-Martin-Schulz. Die nur kurz angespielte, aber spürbar gut trainierte Gagpingpong-Technik von Host und Sidekick (Jakob Lundt, vormals Redaktionsleiter bei "Circus Halligalli"). Die sichtbare kindliche Freude des Gastgebers, der sich (mit ebenfalls sichtbarer Aufregung, aber gutem Gespür für das rechte Meta-Maß) als "Mein Name ist Klaas Heufer-Umlauf, ich bin zwölf Jahre alt und das ist 'Late Night Berlin'" vorstellte und später seinen Gast Anne Will im Stil eines Wilde-Maus-Impresarios vom Rummel ansagte. Und als sich die superfancy Bühne für den Auftritt von Casper und Ahzumjot in eine Elektro-Bernsteinhöhle verwandelte, sah das sehr schön aus. Die Symbolik passte auch: Casper hatte als letzter Act den "Circus Halligalli" abgerissen, nun durfte er Heufer-Umlaufs neue Spielstätte einweihen.

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Besonders gut funktionierte allerdings ein Spaßmanöver, das unglücklicherweise gar nicht zur Sendung gehörte: Jan Böhmermann lieferte in der Reklamepause ein lehrbuchmäßiges Beispiel von Werbebombing: Dass er ja niemals ein Late-Night-Format im Privatfernsehen moderieren würde, erklärte er in einem Spot, schon allein wegen der nervigen Werbung, bei der man als Host ja gar nicht kontrollieren könne, wofür geworben werde und wer darin auftrete. "Glaubwürdige Satire funktioniert nur ohne Werbung", sagt Böhmermann - und ließ um sich herum ein ganzes Arsenal orangefarbener Autovermietungswerbeschilder hochploppen: "Da mache ich auch keine Ausnahme."

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Ein Chuzpe-Scherz, gegen den viele Gags aus dem Stand-up-Teil von "Late Night Berlin" reichlich hühnerbrüstig wirkten. Und oft wie der allererste, offensichtlichste Brainstorming-Einfall, den man dann versehentlich nicht mehr weiterdachte, weil überraschend ein niedliches Eichhörnchen auf das Bürofensterbrett hüpfte, das einen nachhaltig ablenkte.

Ein Frisurenwitz über Donald Trump und Kim Jong Un, das ist, auch von einem gelernten Friseur vorgetragen, ein bisschen faul. Dass Trump sich bei seinem Staatsbesuch nicht fürchten müsse, denn nach nordkoreanischer Sitte werde "beim ersten Date nicht geknallt" - schwerst höhöhö-verschwiemelt. Manch anderer Gag war ebenfalls mit der ganz groben Laubsäge geschnitten. Ob es nur Pech war, dass gleich zum Start die Mischung nicht stimmte, wie man eben manchmal auch eine Studentenfuttertüte erwischt, in der einfach zu viele Rosinen sind, werden die nächsten Montagabende zeigen.

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Auch die Einspielfilme rumpelten noch: "Labyrinth der Macht" , eine zweiteilige Nacherzählung der GroKo-Formierung nach dem Gedächtnis leidlich politikinteressierter Menschen, war viel zu lang geraten. Diese Oral History hatte ihre lustigen Momente, wenn Heinz Strunk Bundespräsident Steinmeier gab oder Juso-Chef Kevin Kühnert sich selbst spielte - als Vorsitzender von "SPD Turbo Spezial" mit Fidgetspinner. Allerdings waren die Einfälle der Text-Improvisateure bei "Circus Halligalli", woher man das Format (und tatsächlich auch zwei der Nacherzähler selbst) kennt, deutlich amüsanter, weil sie da stark angetrunken waren. Schnaps kann manchmal doch eine Lösung sein, erstaunlich.

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Am besten funktionierte der Einspieler, der auch völlig ohne Text (und ohne Spaßbrille mit angeklebtem Bart) wahnsinnig komisch wäre: Die wirklich bizarren Ausschnitte aus "Promi Undercover Boss", die Detlef Soost zur Überkenntlichkeit verkleidet zeigen. Das sind freilich niedrig hängende Früchte, wie sie sich Stefan Raab früher gern überreif in den Schoß plumpsen ließ. Im Gegensatz zu ihm versuchte sich Heufer-Umlauf allerdings an einem echten Gespräch mit tatsächlich vorbereiteten Fragen. Studiogast Anne Will erzählte von ihrem Guilty Pleasure, dem "Bergdoktor", und dass sie auch mal weinen muss, wenn in der "Tagesschau" unrettbar angespülte Pottwale gezeigt werden.

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Alles zusammengenommen und in leichter Schreibtischtrance könnte man also sagen: Das klappt noch nicht, aber es kann klappen. Eine Late-Night-Premiere kann ohnehin nur die Gefäße bereitstellen, grobe Witzemuster einpflügen, erste Schmunzelanker werfen - den Rest müssen die weiteren Folgen richten, Experimentierlust und neue, noch nicht schon anderswo gesehene Formate (oder alte, in die man Schnaps reinschüttet, statt sie auszuwringen). Und natürlich die zwingend notwendige Ritualisierung, wiedererkennbare Memes, die für Stammzuschauer wie Klubausweise funktionieren.

Im Miniformat klappte das bei der Premiere mit albernen Biberwitzen, die die Rubrik "Gagvorschau" (vorweggenommene Witze über Ereignisse der kommenden Woche) durchzogen. Man konnte sehen, dass dieser Humor Heufer-Umlauf mehr behagte als einige seiner restlichen, nicht ganz passgenau geschriebenen Aufsageware. "Letztendlich zählt nur, woran wir uns erinnern, und das ist dann die Realität", sagte er bei seiner Spätshow-Premiere irgendwann. Wahrscheinlich lohnt es sich, nach einem Dutzend Ausgaben eine erste Erinnerungsinventur zu machen - und "Late Night Berlin" dann zu beurteilen.


"Late Night Berlin" läuft montags um 23 Uhr auf ProSieben

Zur Autorin

Anja Rützel, Jahrgang 1973, taucht für den SPIEGEL u.a. im Trash-TV-Sumpf nach kulturellem Katzengold. In ihrer Magisterarbeit erklärte sie, warum »Buffy the Vampire Slayer« eine sehr ausführliche Verfilmung der aristotelischen Argumentationstheorie ist. Sie glaubt: »Everything bad is good for you« – und dass auch »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!« tieferen Erkenntnisgewinn liefern kann. Ihr Buch über ihre Liebe zu Take That erschien als Teil der Musikbibliothek bei Kiepenheuer und Witsch.