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Laverne Cox: "Trans-Menschen haben eine eigene Schönheit"

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Transgender-Ikone Laverne Cox "Vielfalt sollte kein Trend sein"

Die Gefängnisserie "Orange Is The New Black" hat sie zum Star gemacht: Laverne Cox ist gefeierte Schauspielerin und Transgender-Aktivistin. Doch der Ruhm hat sie verunsichert, erzählt sie hier.
Zur Person

Laverne Cox, Jahrgang 1984, wurde für ihre Rolle als Friseurin Sophia in der Netflix-Serie "Orange Is The New Black" ("OITNB") als erste Transgender-Frau für den Emmy nominiert. 2014 war Cox, die sich für die Rechte von Trans-Menschen engagiert, Coverstar des "Time"-Magazine, "People" wählte sie 2015 zu den schönsten Menschen der Welt. Für CBS hat sie gerade die Pilotfolge einer Anwaltsserie abgedreht, in der sie die Hauptrolle spielt. Ab 12. Juni ist sie in der dritten Staffel von "OITNB" zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Cox, Sie haben ein spektakuläres Jahr hinter sich. Was hat sich in dieser Zeit persönlich für Sie verändert?

Cox: Ich musste mich in diesem Jahr immer wieder daran erinnern, dankbar zu sein für alles, was mir passiert ist. Ruhm verstärkt nämlich Unsicherheiten, statt sie zu verringern. Deshalb musste ich hart daran arbeiten, mich selbst zu mögen, geerdet und gleichzeitig offen für andere zu sein. Für mich haben sich so viele Möglichkeiten ergeben, die ich gern nutzen wollte, dass ich es noch nicht geschafft habe, eine Balance zwischen Arbeit und Privatleben zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat Sie der wachsende Ruhm verunsichert?

Cox: Wenn du im Fernsehen bist oder über den roten Teppich läufst, wirst du von der Öffentlichkeit sehr kritisch beäugt, vor allem wenn die Grundlagenarbeit noch nicht geleistet ist - also du die Erste bist, die etwas macht. Ich habe in den letzten Jahren zwar viel Grundlagenarbeit geleistet, dennoch musste ich aufpassen, mich nicht so sehr von negativen Stimmen beeinflussen zu lassen. Frauen werden eben besonders kritisch gesehen, noch dazu bin ich schwarz und eine Trans-Frau, das verstärkt den Effekt noch einmal. Als Folge davon achte ich bei meiner Arbeit nun noch mehr darauf, dass sie mein Selbstwertgefühl stärkt.

SPIEGEL ONLINE: Parallel zu Ihren persönlichen Erfolgen scheint sich viel für Trans-Menschen allgemein getan zu haben - nicht zuletzt auch durch die Auftritte von Caitlyn Jenner. Wie substanziell sind die Fortschritte?

Cox: Ich kann nur für die USA sprechen, hier ist die Sichtbarkeit von Trans-Menschen so groß wie nie zuvor. Dennoch ist die Mordrate unter Trans-Menschen nach wie vor sehr hoch, sie werden überproportional häufig Opfer von Gewalttaten, sind oft arbeitslos und werden von der Polizei drangsaliert. Die Politik hinkt in diesem Fall der Medienpräsenz hinterher. Ich hoffe, das ändert sich bald.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind sehr aktiv in den sozialen Netzwerken und haben unter anderem das Hashtag #TransIsBeautiful gestartet. Worum geht es Ihnen dabei?

Cox: Das rührt zunächst von meinen persönlichen Erfahrungen her. Ich bin immer wieder begutachtet und dabei nach cis-normativen* Schönheitsstandards beurteilt worden. Ich musste mir selbst versichern, dass Trans eine eigene Form von Schönheit darstellt. Bei einer Rede an einer Uni vor ein paar Monaten ist mir dann die Idee zu dem Hashtag gekommen, damit wir all die Sachen sammeln können, die die einzigartige Schönheit von Trans-Menschen ausmachen. Eigentlich greift die Idee aber auch jenseits von Trans: Uns geht es darum, Vielfalt an sich zu feiern.

SPIEGEL ONLINE: Vor Kurzem wurde bekannt, dass Hari Nef als erstes Transgender-Model einen Vertrag von der etablierten Agentur IMG bekommen hat. Sie hat zugleich kritisiert, dass Transgender in der Modewelt gerade ein Trend ist und sich dafür eingesetzt, dass Trans-Menschen jenseits von Medienhypes dauerhaft präsent sein sollten. Wie könnte das Ihrer Meinung nach erreicht werden?

Cox: Ich glaube auch, dass wir einen Systemwandel brauchen. Gleichzeitig finde ich es wichtig, nicht die Geschichte zu vergessen: Trans-Menschen modeln schon sehr lange. In den Siebzigern gab es Tracy Africa, in den Achtzigern Teri Toye, in den Neunzigern Connie Fleming. Trans-Models einen Trend zu nennen, ist deshalb ahistorisch. Allgemein habe ich aber ein Problem mit sogenannten Trends: Vielfalt sollte kein Trend sein, Gleichheit und Gerechtigkeit sollten kein Trend sein.

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Transgender-Models: Präsent seit Jahrzehnten

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SPIEGEL ONLINE: Aber wie erreicht man einen Systemwandel?

Cox: Ein Schlüssel dazu ist sicherlich, Trans-Menschen nicht nur vor der Kamera, sondern auch dahinter zu haben - dass sie Drehbücher schreiben, Regie führen und als Produzenten tätig sind. So speisen sich neue Perspektiven in das System ein.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben selbst auch schon TV-Shows produziert. Werden Sie das noch verstärken?

Cox: Ja, ich arbeite zurzeit an dem Dokumentarfilm "Free CeCe" über CeCe McDonald, eine afroamerikanische Trans-Frau, die 19 Monate lang in einem Männergefängnis saß und dort rassistischen und transphoben Übergriffen ausgesetzt war. Der Film sollte 2016 zu sehen sein. Irgendwann möchte ich aber auch fiktionale Stoffe produzieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie beeinflussen Ihre Erfahrungen und Ihr Aktivismus die Arbeit an "Orange Is The New Black"?

Cox: Zu tanzen, mir Figuren auszudenken und sie zu spielen ist seit jeher meine Zuflucht vor dem Bösen in der Welt. Auch jetzt, beim Dreh der dritten Staffel, habe ich es wieder in vollen Zügen genossen, in Sophias Geschichte aufzugehen. Showrunnerin Jenji Kohan und das Autorenteam haben sich wirklich tolle Sachen für meine Figur ausgedacht, es wird in dieser Staffel sehr emotional, spannungsgeladen, aber auch lustig zugehen. Ich hatte das Gefühl, über mich hinauswachsen zu müssen, um das alles glaubhaft zu verkörpern und den Erfahrungen der Menschen, die ähnliches erlebt haben, gerecht zu werden. Hoffentlich ist mir das gelungen.

SPIEGEL ONLINE: Die Serie wird besonders dafür gelobt, dass sie so eine große Vielfalt an weiblichen Rollen bietet. Wie viel kommen Sie als Darstellerinnen überhaupt voneinander mit?

Cox: Am Set läuft tatsächlich vieles parallel. Und jenseits der Dreharbeiten haben wir alle auch sehr viel zu tun. Aber wir versuchen, so häufig wie möglich zusammenzukommen. Das ist wirklich eine großartige Gruppe von Frauen mit echtem Kameradschaftsgeist. Wir sind, glaube ich, alle sehr dankbar, diese Serie machen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Täuscht der Eindruck oder hat Ihre Figur Sophia wenige Szenen mit anderen schwarzen Frauen? Das Gefängnis, in dem "Orange Is The New Black" spielt, ist ja ethnisch relativ strikt aufgeteilt.

Cox: In der ersten Staffel hatte Sophia tatsächlich noch mehr mit anderen schwarzen Frauen zu tun. Im Verlauf der zweiten Staffel hat sie sich aber etwas von der Gruppe abgesetzt, was mit dem Auftauchen von Vee (der manipulativen Gang-Anführerin, die den Drogenhandel im Gefängnis organisiert, d. Red.) zu tun hat.

SPIEGEL ONLINE: Wird sich das im Verlauf der dritten Staffel wieder ändern?

Cox: Ha, wie kann ich dazu etwas sagen, ohne zu viel zu verraten? Am besten nur so viel: Es werden einige sehr pikante und großartige Dinge mit Sophia passieren.


*Mit der Vorsilbe "cis" bzw. dem Wort "Cisgender" werden Menschen bezeichnet, deren Geschlechtsidentität im Gegensatz zu Trans-Menschen mit ihrem körperlichen Geschlecht übereinstimmt.