Recherchen für Filme Fernsehen als Paralleljustiz

Filme wie "Leaving Neverland" erinnern an Anklagen bei Gericht. Um Opfern Gehör zu verschaffen, mag das legitim erscheinen. Doch die alternative Gerichtsbarkeit von Netflix und Co. birgt Gefahren.

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Die Anklage hat das Wort. Vier Stunden dauert die Dokumentation "Leaving Neverland" über Missbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson, die der amerikanische Sender HBO am Sonntag und Montag in zwei Teilen zeigte. Ein Staatsanwalt hätte wohl keinen besseren Job machen können als der Filmemacher Dan Reed, der seine Anschuldigungen gegen Jackson komplett um die Aussagen zweier Männer herumbaut, die als Kinder Opfer von sexuellen Übergriffen durch den Popstar geworden sein sollen: Wade Robson, heute 36, and James Safechuck, heute 40.

Reed fokussiert sich in seinem Film ganz auf seine beiden Hauptbelastungszeugen, zeigt aber auch deren Ambivalenzen, Zerrissenheit und paradoxes Involviertsein in die Causa Jackson. Robson und Safechuck waren als Kinder regelmäßig Gast auf der Neverland-Ranch, wo sie von Jackson missbraucht worden sein sollen; detailliert und übereinstimmend beschreiben sie die sexuellen Handlungen, die er an ihnen vorgenommen haben soll.

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Doku-Fernsehen: Zeugen der Anklage

Als Jackson 2005 vor Gericht stand, weil ihn ein anderes Kind wegen vermeintlicher Übergriffe beschuldigt hatte, sagten sowohl Robson als auch Safechuck zu seinen Gunsten aus. In Reeds Doku sagt Robson dazu: "Ich fand es aufregend, in der Lage zu sein, ihn zu verteidigen und zu retten." Die Lüge sei da längst Teil seines Lebens gewesen; außerdem sei die Falschaussage für Jackson eine Möglichkeit gewesen, wieder mit ihm in Verbindung zu treten, als dieser schon längst kein Interesse mehr an ihm hatte.

So arbeitet Reed in "Leaving Neverland" - im deutschen Fernsehen ist die Doku am 6. April bei ProSieben zu sehen - eine Symbiose zwischen Opfer und Täter heraus. Das ist erschütternd. Und psychologisch und juristisch brillant, da sich die Glaubwürdigkeitslücken der Hauptbelastungszeugen als Folgen des Verbrechens deuten und dieses nur umso monströser erscheinen lassen.

Der Filmemacher als juristischer Akteur

"Leaving Neverland" ist die perfekte Anklage. Leider ist ihr keine perfekte Verteidigung gegenübergestellt. Der Film, der zur Zeit auf der ganzen Welt diskutiert wird und die Wirkungsmacht haben könnte, Michael Jackson aus der Popgeschichte zu löschen, ist die letzte Zuspitzung eines Trends im Dokumentarfilm-Genre. Der Filmemacher ist hier nicht länger nur Rechercheur, sondern moralischer, therapeutischer oder eben sogar juristischer Akteur.

Seinen Ursprung hat diese Entwicklung im True-Crime-Boom der letzten Jahre. Aufklärung und Thrill gehen hier zusammen. Die behauptete Wahrheit des Gezeigten ist das Kapital dieser Produktionen, und je verzwickter diese behauptete Wahrheit ausfällt, desto größer ist der Thrill.

Ein Paradebeispiel für diese Art von Doku-Krimi ist "Making a Murderer" bei Netflix, mit ihren bereits in zwei Staffeln vorliegenden Crime-Ermittlungen weckten die Filmemacher Zweifel an der Schuld zweier verurteilter Mörder. Der Filmemacher wird in solchen opulent auserzählten Formaten zum Ermittler, der im Sumpf der Lügen die Aufklärung vorantreibt und möglichweise selbst in Gefahr gerät. Je tiefer er als Protagonist seiner eigenen Reportage in den Fall einsteigt, desto mehr ist er gezwungen, eine Position zum Fall einzunehmen. Und diese Position lässt sich am besten verteidigen, je widerspruchsloser man die Erzählung baut.

Die neuen Ankläger-Dokus haben jeden Widerspruch aus ihren Erzählungen verbannt. Das zeigt sich in dem im Januar in den USA vom Pay-TV-Sender Lifetime ausgestrahlten Sechsteiler "Surviving R. Kelly", in dem die Filmemacher eine beeindruckende Anzahl von Frauen Zeugnis darüber ablegen lassen, wie sie und andere als Minderjährige von dem R&B-Star R. Kelly missbraucht worden seien. Die Serie bezieht Partei für die vielen mutmaßlichen Opfer von R. Kelly, der trotz wiederholter Vorwürfe immer wieder freigesprochen wurde. Letzte Woche erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen ihn wegen sexuellen Missbrauchs in zehn Fällen. Ohne die Dokumentation wäre das wohl nicht passiert.

Showgeschäft ermittelt in Eigeninstanz

"Surviving R. Kelly" ähnelt in der Form der "New Yorker"-Recherche von Ronan Farrow über Harvey Weinstein, mit dem 2017 die #MeToo-Bewegung losgetreten wurde. Farrow ließ zwar noch die Gegenseite zu Wort kommen, trat aber mit seinen Offenlegungen im Kampf gegen ein Filmsystem rigoros parteiisch an. Wahrscheinlich braucht es diesen massiven moralischen Impetus, um sich gegen die bedrohlichen Schweige-, Droh- und Ausschlussmechanismen der Unterhaltungsindustrie zu behaupten.

In einer Welt, in der Stars offenbar durch den Schutz von Heeren von Rechtsberatern, Managern und Fixern nicht für ihre Verbrechen belangt werden können, ist die Recherche im Furor-Modus möglicherweise die einzige Chance, Machenschaften in diesen Kreisen offenzulegen. Gleichzeitig drohen Sender wie Netflix, Lifetime oder HBO mit ihren dramaturgisch brillant aufgebauten Doku-Serien eine Art alternative Gerichtsbarkeit zu etablieren.

Denn was ist zum Beispiel, wenn die Filme keine neuen Ermittlungen auslösen, keine Gerichtsprozesse in Gang setzen, keine Justiz Recht spricht? Dann fällen die Zuschauer die Urteile - und die sind selten zugunsten der am Pranger Stehenden.

Mit ihren Urteilen richten die Medienunternehmen - ohne dem Angeklagten die Möglichkeit der Verteidigung zu gewähren. Es entsteht eine Paralleljustiz, die möglicherweise gebraucht wird, um die Panzerungen der Mächtigen zu sprengen. Doch Netflix und Co. verfolgen ja nicht zuallererst aufklärerische, sondern kommerzielle Interessen. Gerade in der aufgeladenen Situation im Trump-Amerika, in dem rechtsstaatliche Institutionen immer stärker umkämpft werden und das Vertrauen in die Justiz sinkt, kann sich das fatal auswirken.

Wie problematisch es ist, wenn im Unterhaltungsgeschäft in Eigenregie ermittelt und gerichtet wird, zeigte sich unlängst in der Netflix-Doku "Fyre: The Greatest Party That Never Happened", das auf wunderbar kurzweilige und komische Weise von einem größenwahnsinnigen Eventmanager erzählte, der auf den Bahamas ein Waterloo von Festival organisierte. Koproduziert wurde die Doku ausgerechnet von einem Ex-Geschäftspartner des Eventmanagers, der über unterhaltsames exklusives Material verfügte und noch einige Rechnungen mit dem Protagonisten seines Filmes offen hatte..

Ist das noch Doku-Fernsehen? Oder schon ein persönliches Rachedrama?

Mitarbeit: Nina Rehfeld

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