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ARD-Dokudrama: "Es war persönliche Gier"

Foto: HR/ AVE Publishing/ Dominik Berg

ARD-Film über Lehman-Pleite Das Knautschgesicht des Kapitalismus

Wall-Street-Feeling und Äppelwoi: Das ARD-Dokudrama "Lehman. Gier frisst Herz" erzählt, wie die Bankenkrise 2008 hessische Kleinsparer erfasste - Großmannssucht vor Provinzkulisse.

Herr Breuer von der Rhein-Main-Sparkasse soll Umsatz machen. Nach drei Jahrzehnten an der Bausparfront kommt ihm die Aufgabe zu, Twin-Win-Zertifikate zu verkaufen, in den USA konstruierte Finanzderivate, deren Komplexität er nicht im Ansatz versteht. Seine Kunden sind unter anderem kleine Gastronomen, die Schnitzel mit grüner Soße verkaufen, das Leibgericht des Sparkassen-Veterans. Seine junge Chefin macht Druck, deshalb wischt er die Zweifel der Kunden sanft beiseite: Das Risiko solcher Anlagen, ganz ehrlich, sei rein theoretisch. Herr Breuer (Joachim Król) ist das freundliche Knautschgesicht des Finanzkapitalismus.

Es sind die stärksten Momente in dem ARD-Film "Lehman. Gier frisst Herz", wenn dort das große finanztaktische Verschleierungstheater, das zur Lehman-Brothers-Pleite führte, auf die Welt der hessischen Kleinbürger und Kleinsparer heruntergebrochen wird. Das Personal des Dokudramas setzt sich aus Schwaflern und Strategen, aus Träumern und Geprellten zusammen, der Handlungszeitraum erstreckt sich von Mai bis September 2008.

Im deutschen Lehman-Brothers-Büro über den Dächern von Frankfurt schwant den Managern schon Böses, doch man beruhigt sich mit dem Motivationstrainer-Mantra von der Krise als Chance und hofft verzweifelt auf eine "Phase der Selbstreinigung, aus der Lehman gestärkt hervorgehen wird." In der tiefer gelegener Telefonakquise der Rhein-Main-Direktbank ein paar Blocks weiter verticken junge Broker die Twin-Win-Lappen von Lehman an sogenannte A+D-Kunden.

Auf Pirsch im Pflegeheim

A steht für alt, D für doof. Am Telefon werden schon mal frisch geschiedene Frauen eingewickelt, auf dass sie ihr Geld investieren, weil: "Stillstand bedeutet Verlust." Gelegentlich pirscht man sich auch im Außendienst an Pflegeheime, wo man alten Damen im Rollstuhl die Tempo-Tempo-Vorteile des Lehman-Papiers nahezubringen versucht. In einer Doku-Sequenz kommentiert ein anonymer Bankberater: "Ziel ist es, die Kunden so schnell über den Tisch zu ziehen, dass sie die Reibungshitze als Nestwärme empfinden."

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ARD-Dokudrama: "Es war persönliche Gier"

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Regisseur Raymond Ley, der für seine Arbeiten schon Verhörsituationen mit Beate Zschäpe und die Bombardierung zweier Tanklastzüge durch die Bundeswehr in Kunduz dramatisch verdichtet hat, baut den Plot in Form einer Schuld- und Schuldenpyramide: Der Dreck wird von oben nach unten weitergereicht, und alle Beteiligten wissen, dass sie sich dabei schmutzige Hände machen. Dabei wird die Moral zum Glück nicht ganz so theatral zugespitzt wie es der Titel "Gier frisst Herz" suggeriert. Es geht eher um Dynamiken des Betrugs und des Selbstbetrugs.

Der Neunzigminüter (Buch: Dirk Eisfeld), der sonderbarerweise gut eine Woche nach dem eigentlichen Pleiten-Jahrestag am 15. September ins ARD-Programm gefallen ist, fokussiert vor allem auf die deutschen Aspekte des Lehman-Untergangs. Auf Sparkassen-Manager, die ihre große Stunden kommen sahen, auf Politiker, die sehnsüchtig Richtung USA schauten.

Der Glaube an die Kräfte des Marktes

Das ist manchmal etwas hölzern inszeniert, etwa wenn die Rhein-Main-Filialleiterin bei einem gekünstelt-verschwitzen Squash-Match einem Stadtkämmerer zukeucht: "Ein bisschen Glaube in die regulatorischen Kräfte des Marktes tut dir ganz gut." Das ist aber oft auch, siehe Króls sympathischen Schlunz Breuer, gekonnt ambivalent dargestellt.

Wie konnte es dazu kommen, dass sich Sparkassen-Spießer auf das ominöse Wertpapier einließen? Ein Anwalt, der die Geschädigten vertritt, erklärt im Film: "Es war eine günstige Sache für die Sparkasse. Man musste nichts eigenes konzipieren, keine Prospekte schreiben, man bediente sich der Vorgaben des Anbieters und machte einfach sein Logo drauf - quasi als eigenes Wertpapier."

Eine Fahrlässigkeit, die sich von der Provinz-Sparkasse bis in die Bundespolitik zog - Peer Steinbrück, der 2008 Finanzminister war, gesteht im Film: "Die Republik war um die Jahrtausendwende voll und ganz erfüllt von dem Paradigma der Deregulierung. Nach dem Motto, wir müssen es so machen wie die Anglo-Amerikaner: Alles muss entfesselt werden. Es gab eine Entfesselungsarie, die alle gesungen haben."

Dass dieses "Paradigma der Deregulierung" im Film nicht tiefer analysiert wird, ist vertretbar. Die großen sinistren US-Player wie der damalige Lehman-CEO Richard Fuld (lesen sie hier einen Überblick über die Gesichter der Krise) kommen allenfalls in den raunenden Erzählungen ihrer deutschen Statthalter vor. In "Gier frisst Herz" geht es vor allem um die Großmannssüchte der deutschen Provinz, um Wall Street und Äppelwoi. Ganz nach dem Motto: Darf es noch ein Gläschen vom berauschenden toxischen Gesöff sein?


"Lehman. Gier frisst Herz", Sonntag, 21.45 Uhr, ARD

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