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MDR-"Tatort": Gewalt im Blut

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"Tatort" über Jugendgewalt Thomalla läuft empört durchs Bild

Jugendgewalt? Keine große Sache. Meinen zumindest die Verantwortlichen des Leipziger "Tatort" und nähern sich dem schwierigen Thema mit Krawall und Küchenpsychologie. Das Ermittlerduo Thomalla/Wuttke agiert gewohnt hölzern, das Einschalten am Sonntag kann man sich getrost sparen.

Die Arbeitsteilung beim Leipziger "Tatort" ist übersichtlich: Während Eva Saalfeld (Simone Thomalla) aufgeregt die Backen plustert und richtig böse werden kann über die Missstände in dieser Welt, schlägt sich Kollege Andreas Keppler (Martin Wuttke) mit hängenden Mundwinkeln und unterkühlter Logik durch. Während sie vor gerechtem Zorn mit der Pistole fuchtelt, legt er Puzzleteil für Puzzleteil zusammen. Sie ist der Empörungsapparat, er der Kombinationsautomat.

In der aktuellen Folge bekommt man diese Arbeitsteilung noch mal musterhaft vorgeführt. Ein Ehepaar wird von drei jungen Männern in der Straßenbahn attackiert und später auf der Straße zusammengeschlagen. Der Mann (Stefan Kurt) kommt mit geprellten Rippen davon, die Frau (Natascha Paulick) fällt ins Koma. Während Saalfeld aufgebracht durchs Leipziger Problemviertel der drei Jungs tobt, gibt Keppler das gefühlsgedrosselte Ermittler-Genie: Als er einen der mutmaßlichen Täter in dessen Wohnung in die Zange nimmt, reiht sich ein triumphierender Aha-Moment an den nächsten. Fast so wie beim "Sesamstraßen"-Sherlock, fehlt nur noch die Lupe.

Als der Verdächtige erklärt, er habe mit den Kumpels zur Tatzeit eine Palette weggesoffen, verweist Kommissar Keppler auf den Umstand, dass im Mülleimer ja gar keine Bierdosen zu finden seien. Dann entdeckt er ein Päckchen Tabletten, von dem er auf Parkinson-Erkrankung schließt. Kombiniere: Der Kranke macht auf Kraftmeier, damit seine Kumpels ihn ernst nehmen.

Gewalt als Familienerbe

Ach, wenn es mit der Jugendgewalt doch so einfach wäre wie für Sherlock Keppler. Doch den wahren Wurzeln der Brutalität kommen die Macher dieser "Tatort"-Episode, die leger auf die jüngeren Vorfälle in öffentlichen Verkehrsmitteln in München oder Berlin Bezug nimmt, leider nicht auf die Schliche.

Stattdessen spulen sie die üblichen küchenpsychologischen Erklärungen ab: Der eine der drei Täter ist ein Mitläufer, der andere versucht während seiner Gewaltausbrüche seine Schwäche zu verbergen, und der dritte lässt beim Einprügeln auf wehrlose Passanten den Druck ab, der sich im Verhältnis mit seinem Vater aufgebaut hat. Dem Alten, einem überforderten Streifenpolizisten, sitzt die Faust locker in der Tasche. Gewalt ist hier eine Art Familienerbe.

Eigentlich kein uninteressanter Ansatz. Zumal Vater und Sohn von Wotan Wilke Möhring und Jonas Nay verkörpert werden. Die beiden spielten schon im preisgekrönten Cyber-Mobbing-Drama "Homevideo" in gleicher Rollenkombination. Doch wo bei der anderen Produktion die Vater-Sohn-Einheit extrem feinnervig durchdrungen wurde, da wirkt sie hier nur angerissen. Die Charaktere haben keine Zeit, sich zu entwickeln - schon weil der Plot von "Todesschütze" (Regie: Johannes Grieser, Buch: Mario Giordano und Andreas Schlüter) fahrlässig konstruiert ist: Ausgerechnet der Vater wurde im Streifeneinsatz Zeuge, wie der Junge mit seinen Kumpanen aufs wehrlose Ehepaar eindrosch.

Danach können sich die Filmemacher dann nicht wirklich darauf einigen, welcher Aspekt des Krimis sie wirklich reizt: der kleine Rachefeldzug, den das überlebende Gewaltopfer anstrebt, der Verschleierungsversuch des Polizistenvaters oder doch die fatale Dynamik zwischen den drei jungen Delinquenten.

Irgendwie scheint alles nicht so recht zu zünden. Deshalb gibt es am Ende noch ein zweites Gewaltverbrechen. Aber da hat der Zuschauer schon längst genauso abgeschaltet wie die beiden Ermittler-Maschinen Saalfeld und Keppler, die hier pflichtschuldig ihre Empörungs- und Kombinationsautomatik abspulen.


"Tatort: Todesschütze", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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