ZDF-Doku über Medienmogul Kirch Die Schattenmacht des deutschen Fernsehens

Er dealte mit Spielfilmen, Sportrechten und Medienbeteiligungen. Kein Zweiter prägte das hiesige TV wie Leo Kirch. Die Doku "Der große Zampano" nähert sich dem öffentlichkeitsscheuen Machtmenschen.

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Der unwahrscheinliche Aufstieg und unvermeidliche Fall des Filmhändlers Leo Kirch wäre eigentlich prima Stoff für einen Mehrteiler im ZDF. Wie da ein findiger Unternehmer aus der Provinz zunächst die junge Bundesrepublik mit unverfänglichen Träumen versorgt, diese Träume später auf Videokassetten vertreibt und das Privatfernsehen aus der Taufe hebt, bis er sich am Bezahlfernsehen verhebt und endlich einem Komplott aus Politik, Konkurrenz und Finanzwirtschaft zum Opfer fällt.

Mit dem Film "Der große Zampano", der am Dienstag im ZDF Premiere feiert, beantworten Berthold Baule und Michael Jürgs die Frage "Wer war Leo Kirch?" in knapp 45 Minuten Sendezeit. Behilflich waren dabei auch ehemalige Weggefährten, Günstlinge und Gegner. Jürgs, früher Chefredakteur von "Tempo" und "Stern" sowie Biograf von Romy Schneider oder Günter Grass, spaziert dafür wie ein gealterter Thom Yorke durch ein Video von Radiohead alle relevanten Schauplätze ab, vom oberfränkischen Geburtsort Kirchs bis vor den Altar der Kirche, in der er 2011 zu Grabe getragen wurde.

Harald Schmidt erinnert sich mit spürbarer Dankbarkeit, dass er dem "sagenumwobenen Medienguru" einst seine "Harald Schmidt Show" verdankte. Und Mathias Döpfner erklärt noch einmal den Trick, mit dem er "einen der größten Unternehmer" einst aus Springer herausdrängte - und damit seinen Sturz einleitete.

Im klapprigen VW nach Rom

Erzählt wird chronologisch und das Erzählte entzückend flankiert von Passagen im animierten Comic-Stil. Roter Faden ist "La Strada" von Fellini, aus dem auch der "große Zampano" stammt. Altbekanntes wie dieser erste Coup Kirchs und seines früheren Teilhabers wird mit Bildern aus seinen Filmen unterlegt: "Mit einem klapprigen VW fahren sie nach Rom", und dann fährt ein Käfer aus einem der Filme aus seinem späteren Fundus, mutmaßlich nach Rom, um dort mit vom Schwiegervater geliehenen Geld die deutschen Rechte für Fellinis "La Strada" zu erwerben.

1956 war das, und später kauft Kirch seine Filmrechte in Hollywood. Helmut Thoma würdigt das Geschäftsmodell: "Wenn mal ein Film durch die Kinos gelaufen ist, es gab ja keine Videoauswertung oder kein Streaming oder weiß der Teufel was alles, die waren ja eigentlich Müll. Und das hat er alles zu Spotpreisen aufgekauft" - und damit die Grundversorger grundversorgt mit Unterhaltung von "Casablanca" bis "Biene Maja". Zeitweilig stammte ein Drittel des ZDF-Programms aus den gut gekühlten Archiven des, wie es einmal in der Doku vielleicht ein bisschen zu groß heißt, "deutschen Citizen Kane".

Beleuchtet wird sein Stil in Führung und Verhandlung. So habe Kirch seine Jachten und Häuser in den Alpen vor allem taktisch eingesetzt, um Vertragspartner zu beeindrucken und an sich zu binden. Auf diese Weise webte Kirch an einem dichten Netz gegenseitiger Abhängigkeiten und Loyalitäten, ganz im Stil seines "Lebensfreundes" Helmut Kohl, den er noch nach dessen Ausscheiden aus dem Amt mit einem üppigen Beratervertrag unterstützte. Mit Sat.1 haben Kohl und Kirch einen konservativen Fernsehsender im Sinn, der allerdings rasch ins Triviale abrutschte.

Medienmacht auf Pump

Macht und Geld hätten ihn immer weniger interessiert als "das Spiel", heißt es, und hier ging er stets volles Risiko - meist auf Pump. Sein Versuch aber, sich als Medienmogul auf Augenhöhe mit Gestalten wie Silvio Berlusconi oder Rupert Murdoch im internationalen Geschäft zu installieren, also der Griff nach der Macht, war der Anfang vom Ende.

Den finalen Schlag rekonstruieren die Filmemacher wie einen Krimi. Am 27. Januar 2002 kommt es bei einer "Herrenrunde im Hinterzimmer des Restaurants Wichmann in Hannover" zum Countdown. Versammelt sind Kanzler Gerhard Schröder, Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff, Bankier Rolf Breuer und der inzwischen verstorbene WAZ-Verleger Erich Schumann. Dieses Quartett habe "hinter dem Rücken des Großkreditkunden" alles unter sich "hübsch aufgeteilt".

Breuer von der Deutschen Bank war es, der mit Blick auf den angeschlagenen Kirch in einem legendären Interview erklärte, "der Finanzsektor" sei "nicht bereit, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder Eigenmittel zur Verfügung zu stellen". Es folgt die größte Insolvenz der deutschen Nachkriegsgeschichte. In der Konkursmasse der Kirch Media liegen neben 10.000 Filmen die Rechte an zwei Fußballweltmeisterschaften, der Formel 1, Beteiligungen an der Senderfamilie ProSieben, Sat.1, Kabel 1 und N24.

Jürgs fragt Thoma: "Shakespeare?" Und Thoma sagt: "Shakespeare!" Kirch selbst wird später zitiert mit: "Erschossen hat mich der Rolf." Harald Schmidt: "Literatur für mich, der Satz." Zwölf Jahre kämpft Kirch vor Gericht um sein Recht und bekommt es. Der Satz von Rolf Breuer wird die Deutsche Bank beinahe eine Milliarde Euro kosten.

Leider konnten Jürgs und Baule es sich nicht verkneifen, sozusagen als Pointe, ein exklusives Nebenprodukt ihrer 30-monatigen Recherchen zu präsentieren: Der schwerreiche und mächtige Schattenmann hatte einen unehelichen Sohn. Mit einer seiner Sekretärinnen. 1963. So endet dieser schwungvolle Abgesang nicht nur auf Kirch, sondern eine ganze bundesrepublikanische Ära mit einem müden Schulterzucken.


"Der große Zampano - wer war Leo Kirch?", Dienstag, 22.45 Uhr, ZDF



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
DieHappy 11.12.2017
1.
Sowas nenne ich "richtiges Fernsehen", und das gibt es eben nicht zum Nulltarif, das kostet etwas. Sollten sich die vielen "GEZ Kritiker" mal durch den Kopf gehen lassen, wenn sie das nächste mal so eine oder ähnlich gute Doku bei den ÖR sehen. Oder schlicht beim Schauen von Bundesliga, WM und EM, Olympia, Kebekus, heute show und Co.
Domainator 11.12.2017
2. 30 Monate
30 Monate Recherche für eine 45min-Sendung? So wird das Geld der Beitragszahler verbrannt! Mit dem Leben von Kirch hätte man wahrlich eine mehrstündige Reportage bzw. einen Mehrteiler füllen können. Seine Querverbindungen in der Wirtschaft wären interessant gewesen. Sein multimediales Engagement zum Anfang des Internets. Ist das Unfähigkeit, Unwille - oder kommt da noch was? Sind die 45 Minuten die Pilotfolge zu einer mehrteiligen Dokumentation?
quark2@mailinator.com 12.12.2017
3.
Ob es angebracht ist, unbescholtene lebende Menschen als "Zampano" zu bezeichnen, ist zumindest zweifelhaft. Gegenüber Toten verbietet sich eine solche Sprache eigentlich von selbst. Schade, daß wir so kulturlos geworden sind, daß diese Art Wortwahl nicht mehr nur der Bild vorbehalten ist. Ich wünschte mir, Tote könnten auf Beleidigung klagen.
AntiMonetarist 12.12.2017
4.
Da finde ich persönlich den Medienmogul Rupert Murdoch viel gefährlicher. Habt den alle so schnell den Phone Hacking Skandal vergessen? Die Aufarbeitung des Falls im Gerichtsprozess erfolgte unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Medienmogul Rupert Murdoch hat ein über die ganze Welt verteiltes Netz von Spitzeln,Spionen und Informanten gehabt! Er ließ dazu die Telefonate der Menschen und von Opfern abhören. Damit seine Journalisten immer als erstes über alles bestens informiert waren. Und er ließ Konkurrenten falsche Informationen zukommen und verbreitete Diffamierungen über Konkurrenten mit gefäschten Hinweisen . Dass der Medienmogul noch nicht im Gefängnis sitzt, das allein ist schon eine Unverschämtheit. https://en.wikipedia.org/wiki/News_International_phone_hacking_scandal
benmartin70 12.12.2017
5.
Zitat von DieHappySowas nenne ich "richtiges Fernsehen", und das gibt es eben nicht zum Nulltarif, das kostet etwas. Sollten sich die vielen "GEZ Kritiker" mal durch den Kopf gehen lassen, wenn sie das nächste mal so eine oder ähnlich gute Doku bei den ÖR sehen. Oder schlicht beim Schauen von Bundesliga, WM und EM, Olympia, Kebekus, heute show und Co.
Artikel nicht gelesen? Sendung schwach- 30 Monate Recherche? Klar kann man machen mit zig Milliarden an festem Einkommen. Verzichte dankend. Bundesliga langweilig, interessiert nicht. WM und EM kann ich drauf verzichten, Rest auch. Nachrichten sind okay- 5 Eur im Monat mehr nicht. Wer möchte darf gerne die 18 EUR im Monat abdrücken oder gerne auch mehr, ich habe den Kram nicht bestellt.
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