"Let's Dance" Schlackserich gewinnt

Helenefischerhafte Perfektion oder die Leidenschaft des Underdogs - im Finale von "Let's Dance" clashten die Tanzsysteme. Am Ende siegte Handballer Pascal Hens, der im finalen Tanz ein Zebra gab.

Rolf Vennenbernd/ DPA

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"Let's Dance" mag die unbestritten fluffigste Show im deutschen Fernsehen sein, das einzige Format, dessen Akteuren man selbst als alte Zynismus-Unke ausnahmsweise sogar abkauft, wenn sie davon sprechen, im Laufe der Staffel zu einer "Familie" zusammengewachsen zu sein.

Das Finale allerdings war auch in der zwölften Auflage nicht weniger als der Kampf zweier komplett konträrer Systeme: perfekte, glanzlackierte Körperleistung, die gänzlich mühelos wirkt - oder Tanzen als Reisebericht, der bei allem erworbenen, absolut bestaunenswerten Können auch immer noch die Anstrengungen des Emporkletterns aus dem Tapsetal der Anfänge miterzählt?

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Finale von "Let's Dance": Abschied im Zebrakostüm

Dieses Mal waren die Abgrenzung dieser beiden Prinzipien schroffer denn je. In der Perfektionsecke: Sängerin Ella Endlich, die im Lauf der Staffel zusammen mit ihrem Profi Valentin Lusin von der Jury zehnmal die Bestnote von 30 Punkten bekam.

Mit einer durchschnittlichen Wertung von 28 Punkten schien sie von Anfang an nicht recht hineinzupassen in eine Show, deren unterhaltendes Prinzip es ist, einen gerne auch mal schmerzensreichen Prozess zu dramaturgisieren, in dem Rückschläge, Zweifel und Strauchler unabdingbare Elemente sind - und keine von Anfang an schon bühnenreife Leistungsschau.

Hatte Endlich als ausgebildete Musical-Darstellerin nicht womöglich zu viel professionelles Tanzvorwissen, wurde schnell geargwöhnt, immer wieder verglich die Twitterkommentatorenschaft sie ihrer teflonösen Unfehlbarkeit wegen mit Helene Fischer, und das war nicht nett gemeint.

Ihr gegenüber, in der Against-all-odds-Ecke: der gehörlose Schauspieler Benjamin Piwko, dessen tänzerische Leistung noch einmal in seiner Finalrumba illustriert wurde, als für eine kleine Weile die Musik aussetzte und Piwko und seine Profipartnerin Isabel Edvardsson die Zuschauer mit in ihre tonlose Blase nahmen - berührend, aber naturgemäß nicht perfekt und mit gelegentlichen Taktwacklern.

Der zweite unwahrscheinliche Finalkandidat war Handballer Pascal Hens, ein hüniger Tänzer, dem man zu Beginn der Show niemals diese geschmeidige Körperlichkeit und noch weniger seine komplett vorbehaltlose, weiche Hingabe an diese neue Ausdrucksform zugetraut hätte. Ähnlich wie im Vorjahr Ingolf Lück avancierte er mit seiner Profitänzerin Ekaterina Leonova Show für Show langsam zum Mitfavoriten.

Freestyle als Zebra

Im Finale schließlich war rasch klar, dass die Entscheidung zwischen Hens und Ella Endlich fallen würde, bei allen freundlich diplomadierenden Juryurteilen zu Benjamin Piwko wurde dann doch sichtbar, dass ihm am Ende ein Schritt fehlte, um tänzerisch gleichauf mit den beiden Kontrahenten zu sein.

Pascal Hens bekam Zwischenapplaus für seinen Tango und setzte im finalen Freestyle im Zebrakostüm auf unangestrengten Humor. Endlich lieferte einen polierten Quickstep und verharrte bei ihrem Freestyle mit "Kill Bill"-Motiven am Ende in einem schon beim Zuschauen schmerzhaften Hebespagat.

Nach Jurypunkten lagen nach drei Tänzen beide schließlich mit perfekten 90 Punkten gleichauf, ein schlaues Arrangement, das es dann tatsächlich dem Zuschauer überließ, mit seiner Stimme eines der beiden konträren Systeme zu belohnen.

Am Ende siegte Pascal Hens, der grundsympathische Schlackserich, dessen tänzerische Entwicklung die Essenz von "Let's Dance" am passgenauesten abbildete. Und der damit ein wenig an eines der sendungsobligatorischen Trickkleider erinnerte, die einem zunächst ein anderes Bild von einem Menschen vorgaukeln - um dann mit einem Ratsch den verborgenen Glamour-Kern freizulegen.



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matteo51 15.06.2019
1. Wärme
Ich bin bekennender Let's Dance-Fan - und ein ums andere Mal habe ich mich während der Staffel gefragt, wieso ein/e Kandidat/in mitmachen kann, wenn er/sie eine Musical-Ausbidlung hat. Zur Musical-Ausbildung gehört die (ziemlich harte, wie üblich bei Tanz - egal, welche Sparte) Tanzausbildung. Daher fand ich das teilweise befremdlich, weil es so offenkundig war. Aber was das Voting der Zuschauer m. E. auch zeigt ist, dass (Herzens)wärme reines "Können" sticht. Der Pommes hat nicht nur beeindruckt, sondern auch berührt. Und das hat den Unterschied gemacht:) - Let's Dance!
lalito 15.06.2019
2. Toll! Null Verriss . . .
Meine Lebensgefährtin freut sich. Anja Rützel durfte also kurz beim Frühstück vom Lap aus vorgelesen werden, die schreibt ja immer so witzig fand sie . . . Diesmal allerdings nur bisschen Witz, dafür reichlich Anerkennung für ein funktionierendes Format beim Berichterstattungshaussender. Völlig zu Recht übrigens! Und ja, gelegentlich konnte diese Sendung in der Vergangenheit sogar meine Aufmerksamkeit ergattern,denn ich als versierter Bisschentänzer kann die Leistungen der so schön herausgearbeiteten Ebenen ebenfalls anerkennen und so honorieren - auf beiden von Anja Rützel so schön herausgearbeiteten Ebenen wohlgemerkt. Ein Format, welches Anspruch an die Qualität sowie an eine gute Portion Aufopferung der Protagonisten stellt. Die Jury hat übrigens auch was für Jederfrau/Jedermann in petto . . . Kurzweilig und unterhaltsam.
verruca 15.06.2019
3. Kumpeltyp
Ein schöner Artikel, der treffend den Unterschied zwischen den Kandidaten herausarbeitet und vor Augen führt. Ich bin zwar kein Tanzfan, aber ich habe schon bei "Ewige Helden" mein vorschnell gefasstes Urteil über diesen "Gockel" revidieren müssen. Wenn man mal über Äußerlichkeiten wie seinen zu Handballerzeiten bunt gefärbten Irokesenschnitt hinwegsieht, ist Pascal Hens eine sympathischer, cooler, aber auch empathischer Typ. Respekt! Freut mich, dass er gewonnen hat!
hjanko 15.06.2019
4.
Hallo, was mich verwundert: Das Leute sich wundern, wenn ein Hochleistungssportler aus einer Sportart die verdammt viel Geschmeidigkeit voraussetzt, sich geschmeidig bewegen kann. Handball sieht vielleicht nicht unbedingt so aus, speziell wenn da 2 (oder mehr) 2m+ Kraftpakete aufeinander stoßen... :-) Und es ist ja nix neues, dass Tanzen egal ob Showtanz, klassisches Ballet, Musical oder welche Art auch immer, ab einem bestimmten Niveau Hochleistungssport ist der dazu enorm viel Beweglichkeit erfordert. D.h. egal ob mir das Gefällt oder nicht, meinen Respekt haben die Tänzer.
dasfred 15.06.2019
5. So sieht ein Sportkommentar aus
Mal eine etwas weniger bissige Kolumne, die aber schön die Akteure beschreibt. Eigendlich ist es ein Format, dass mich sehr interessiert,aber nur vom Tanz her. Die Zwischenmoderation und die Werbeblöcke verleiden mir allerdings den Spaß. Zum Glück gibt's hier ja tanzen zum lesen.
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