Finale von "Let's Dance" Reality-Hühnchen im Spreizbeintanz

Herumwuchtereien, Heldengeschichten und das Gesicht von Niels Ruf: Das Finale von "Let's Dance" ging nicht nur den drei Tänzerinnen schwer an die Kondition.

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Am Ende schrieb man sich zu Hause vorsichtshalber auch selbst ein paar schluchzige Zeilen auf, mit matter Hand kritzelte man ein Schmalzsprüchlein mit einem Cevapcici-Stummel auf die am wenigsten fettige Stelle des Pizzakartons, nur für den Fall, dass der RTL gleich überraschend an der Tür schellen und von einem auch noch ein Schlussplädoyer hören wollte, wer denn nun bitte diese möglicherweise gleich zu Ende gehende Staffel "Let's Dance" gewinnen sollte.

Alle verfügbaren Menschen hatte man in der Finalsendung zu diesem Thema ja schon hinreichend befragt, ausgiebig und mehrfach: Die drei Final-Tänzerinnen selbst, ihre Profi-Partner, die Jury, Verwandte im Studio, auch schmierhaarige Schwager entboten in Einspielern ihre besten Wünsche, und dann das ganze noch mal von vorne. So froh! waren alle, im Finale zu stehen. So stolz! sei man auf das Geleistete der letzten zwölf Wochen. So redundant! waren diese ewiggleichen Beteuerungen und Rekapitulationen im Rückblickwahn.

Es war die längste Staffel der Promi-Tanzshow, 14 Tanzpaare wurden im Laufe von drei Monaten verschlissen, und so tauchten im Finale noch einmal Leute auf, deren Existenz man längst schon wieder verdrängt hatte. Allesamt boten sie als kleine Intermezzi der drei Finalistinnentanzrunden noch einmal Kurzversionen ihrer stilprägendsten Auftritte.

Ulli Potofski beging seinen finalen Schreittanz, Attila Hildmann zeigte noch einmal Jive-Kicks, als wolle er ein sich hartnäckig an seiner Wade festklammerndes Murmeltier abschütteln, andere Frühausgeschiedene ließen sich ein letztes Mal herumwuchten. Icke Häßler präsentierte abermals seine Ballkunststücke wie ein talentierter Seehund und Erich Stehfest, der Fast-Finalist, ließ mit einem besonders dampfenden Cha-Cha-Cha noch einmal an der Berechtigung dieses Wohnergebnisses zweifeln.

Nastassja Kinski schließlich tanzte nicht mit ihrem angestammten Profi Christian Polanc, sondern mit ihrem frisch anverlieberten Gefährten Ilia Russo. Und zwar einen ausgesprochenen Schlängeltanz zur Plumpuntermalung von "I Wanna Know What Love Is", beeilte sich aber, nach dem Tanz huschiger denn je klarzustellen, dass dies eine Idee der Produktion gewesen sei.

Hopp, übers Seifenformatstöckchen!

Klar, diese sendungsinterne Liebesgeschichte war zu saftig, um sie nicht nach allen Regeln des Kitschkapitalismus auszuweiden. Denn auch wenn einen die schiere Menge und Länge der Kandidatenparade vor allem in frühen Folgen zu erschlagen und -müden drohte, ging es auch dieses Mal vor allem wieder um die Geschichten, die die Paare erzählen konnten.

Finalgeschichte eins: Ein Reality-Hühnchen wird flügge. Nachdem "Deutschland sucht den Superstar"-Mädel Sarah Lombardi den Sangessieg zwar knapp verpasste, dafür aber in der Trällershow ihren zukünftigen Ehemann Pietro kennenlernte, waren die beiden über alle RTL-Seifenformatstöckchen gehüpft, die der Sender ihnen hinhielt: Sie bauten ein Haus, sie bekamen ein Kind, sie tuckerten mit dem Wohnmobil durch Italien.

Sarahs Tanzteilnahme wirkte da zunächst wie eine weitere Geldbeschaffungsmaßnahme aus dem Hause Lombardi, aber die Show hat sie sichtlich und miterlebbar verändert "Du bist quasi ne Frau geworden hier live bei 'Let's Dance'", sagt Sylvie Meis, und zwar angemessenerweise durch einen Spreizbeintanz, den offensiv sexy gemeinten Contemporary mit ihrem Partner Robert Beitsch, einer schwerparfümigen Abschüttelung des verschüchterten Märchenwesens.

"Dass sich das Tanzen so mit meiner Seele verbindet, hätte ich nie gedacht", sagt La Lombardi nun also im Finale und resümiert nach ihrem abschießenden Disney-Medley-Freestyle mit reichlich Metaphorik-Moves ("Let It Go" aus "Frozen"!): "Ich muss nicht mehr perfekt sein, ich will jetzt so bleiben, wie ich bin."

Ruf mit Hilfe-bitte-schlage-mich-jemand-bewusstlos-Gesicht

Finalgeschichte zwei: Das Leben ist kein Svarowksi-Showroom. Nicht mal für Victoria, die schlagersingende Sprössin des Glitzersteinimperiums. Ihre "Let's Dance"-Heldenreise ist eine klassisch schmerzensreiche, allerhand persönliche Dramen galt es neben den Tanzschritten zu bewältigen, ein Rippenbruch, der plötzliche Tod des Schwiegervaters. Ihre Geschichte ist eine Beißerstory, das unerwartet toughe Mädchen. Und so tanzte Svarowski in der Finalrunde, in der das Paar seinen Lieblingstanz noch einmal zeigen durfte, mit ihrem Partner Erich Klann nicht eine ihrer Erfolgsnummern, sondern ausgerechnet den schlecht benoteten Samba, zu dem sie in der Trauerwoche nicht recht fähig war.

Finalgeschichte drei: Hm. Jana Pallaske lieferte keine klar derartig erkennbare Entwicklungsgeschichte, sie flatterte schon als Freebird und rührend durchgeknallte Namaste-Trulla in die Show und sagte nach ihrem ersten Tanz dieselben Esoterikmantren wie nach ihrem letzten: Sie wolle mit jedem Tanz "das Geschenk des Lebens zelebrieren" und hoffe, dass ihre Darbietungen traurigen und kranken Menschen "Kraft und Mut" geben würden für "das weitere Leben".

Bei solchen Sätzen tat dann im Finale ein Schwenk auf den mit ungerührtem Hilfe-bitte-schlage-mich-jemand-bewusstlos-Gesicht im Hintergrund herumstehenden Niels Ruf ganz gut. Pallaskes Finaltänze mit Massimo Sinato waren durchwegs sehr gut, womöglich die besten dieser Entscheidungsshow, sie zeigte mühelos Rockumstülpungskerzen, Luftakrobatik, brannte in ihrem Freestyle eine wahre Leistungsschau ab, ließ sich duldsam von Joachim Llambi als "sehr erotische Frau" bezeichnen und holte ganz zum Schluss natürlich auch noch mal den ollen Hula-Reifen raus. "Ein vollkommener Tanz", urteilte Motsi Mabuse.

Versumpft im Resümier- und Räsonnierrausch

Wer nun aus tanztechnischer Sicht hätte gewinnen müssen, ist freilich egal: Mit den Zuschauerstimmen zum Juryvoting siegte schließlich Victoria Svarowski vor Sarah Lombardi und Jana Pallaske. Leider versumpfte diese Entscheidung doch ziemlich im Resümier- und Räsonnierrausch des letzten Showdrittels, zu viele abstruse Sätze wurden gesprochen:

Nastassja Kinski zu Sylvie Meis: "Du bist wirklich eine Sonne und ein Geschenk."

Erich Klann zu Victoria Svarowksi: "Du bist ein sehr guter Mensch."

Massimo Sinato zu RTL: "Danke, dass ich meine letzten Jahre als Tänzer hier verbringen darf." - wie ein müder Zirkusgaul, den Abdecker schon im Augenwinkel gewahr.

Es hält sich der Verdacht, dass man diese Salbadere extra so ausgiebig breit stampfte, damit man um Mitternacht noch live den Start des neuen Sender-Ablegers RTLplus feiern konnte, auf dem augenscheinlich dolle Dinge passieren werden. Zum Beispiel eine "Jeopardy"-Neuauflage mit Joachim Llambi als Moderator, außerdem "Familienduell" mit Inka Bause.

Zum Auftakt könnte sie ja mal 100 Leute fragen, ob die nicht auch finden, dass eine beherzte dramaturgische Straffung der nächsten Auflage von "Let's Dance" durchaus guttun würde.



insgesamt 50 Beiträge
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kuno70 04.06.2016
1. Köstlich!
genau so war es! sehr treffend kommentiert.
stefanmargraf 04.06.2016
2. Hilfe-bitte-schlage-mich-jemand-bewusstlos-Gesicht
you made my day. Was hat der denn da gemacht? Sucht er ein Grund für Drogeneinnahme? Stoff eines Romanes über den Untergang der Menschheit?
mac4me 04.06.2016
3. Schade...
...um die kitschige Selbstbeweihräucherung. Denn abseits aller bis an die Schmerzgrenze ausgedehnten langen Redundanzen und Werbeunterbrechungen war es eine tolle Show, es gab etliche locker-witzige Momente und die Tanzleistungen waren erstaunlich und des öfteren sogar mitreißend. Zugegeben, die Geduld des Zuschauers wurde auf eine harte Probe gestellt. Aber es lohnte sich, denn es gab einige Gänsehautmomente dabei. Ein Verriß ist es immer leicht zu fabrizieren, wie sich auch hier wieder zeigt. Aber in einigen Aspekten dieser Show kann sich auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen eine Scheibe abschneiden. Die sollten lieber genau hinsehen, anstatt darüber zu lästern. Anerkennung auch den Bühnenbildnerin, Beleuchtern und den Kostümdesignern. Es war, wie gesagt, manchmal anstrengend, aber insgesamt habe ich mich gut unterhalten.
nose 04.06.2016
4. Ich fands schön
Wenn man das Ganze von "Außen" betrachtet, könnte man die Sendung natürlich schmalzig finden. Ich selbst habe mich auf die Sendung eingelassen und bin voll eingetaucht. Sie hat mich sehr berührt und ein angenehm wohliges Gefühl erzeugt. Für mich eines der schönsten Casting-Formate.
andreasbln 04.06.2016
5. bitte mehr auf den Punkt
gott, wie lange muss man lesen, um zu lesen was des Pudels Kern dieser Sendung ist: eigentlich ein interessantes unterhaltsames Grundkonzept, das manche Überraschungen und persönliche Entwicklungen zeigt, die anrührend genug sind, so dass dieser ganze einstudierte überquellende Schmalz und diese endloses auswendig gelerntes Huldingungssätze insbesondere von Frau Meis einen soooooo ankotzen, dass man es kaum etragen kann. RTL reitet diese Sendung unweigerlich zu Tode. Gott sei Dank - das fand gar keine Erwähnung - war die Jury ab davon. Da wurde diskutiert gestritten u m.E. sehr spontan. Aber das Geseibere und künstlich überemotionalisierte Getue und Ausgeschlachte ist widerwärtig und abstoßend. Schade um eine ansonsten nette Sendung mit hohem Unterhaltungs- und Lästerwert
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