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Letterman-Nachfolger Stephen Colbert Jung, scharf und ungebändigt

Bisher konnte Stephen Colbert auf dem Spartenkanal "Comedy Central" vor kleinem Publikum ätzen - jetzt steht er als Nachfolger von David Letterman unter nationaler Beobachtung. Wer wird sich mehr ändern - Colbert oder die Show?

Stephen Colbert gehört ebenso wie sein langjähriger Freund und Kollege Jon Stewart zu den Comedians, die die politische Bühne als nicht länger ernstzunehmendes, bisweilen nachgerade idiotisches Spektakel wahrnehmen. Angesichts des Aufstiegs halbgebildeter Phrasendrescher zu politischen Entscheidungsträgern und dem Niedergang der Vernunft als politisches Instrument hatte Stewart seine "Daily Show" beim kleinen Kabelsender Comedy Central als händeringenden Kommentar zur peinlichen Farce konzipiert, die im politischen Tagesgeschäft zur Normalität geworden ist.

Colbert hatte dazu eine Persönlichkeit erdacht, die eben jene aufgeblasenen "Experten" persiflierte, welche den amerikanischen Nachrichtenjournalismus zunehmend bevölkern und den politischen Diskurs selbst zu einer Farce degradierten (Colbert selbst nannte seine Figur einen "selbstgerechten, schlecht informierten, wohlmeinenden Idioten"). Seit 2005 hatte der heute 49-Jährige diese Figur in seiner eigenen Comedy-Central-Sendung "The Colbert Report" zum Rechthaber der Nation entwickelt - eine ätzende Karikatur jener Schreihälse und selbsterklärten Experten, mit denen Fox News erfolgreich an ein Zielpublikum "verärgerter weißer Männer" appelliert und damit in der Prime Time fast doppelt so viele Zuschauer wie CNN anzieht.

Colbert, der scharfsichtige Narr am Nachrichtenhof, prägte das Wortkonstrukt der "Truthiness" für den Umgang der Fox-News-Leute mit "gefühlten" Wahrheiten, die die Fakten gern auch mal ignorierten, er wetterte ironisch gegen die These von der Erderwärmung, für die Veröffentlichung von Barack Obamas Geburtsurkunde und für einen Ausbau des Waffenrechts - Themen, die Amerikas Ultrakonservative immer wieder zu absurden Debatten wie der über die Bewaffnung von Lehrern und Piloten inspiriert. Der "Colbert Report" griff außerdem immer wieder das gezielte Schüren von Ängsten wie die vor einer übermächtigen und ihren Bürgern feindlich gesinnten Regierung auf und zog damit eine ganze politische Denkrichtung durch den Kakao, die für die Formierung der Tea Party maßgeblich mitverantwortlich war.

Legendäre Schlagfertigkeit

"Stephen Colbert ist eine der erfinderischsten und respektiertesten Kräfte im amerikanischen Fernsehen", sagte CBS-Chef Leslie Moonves über die Entscheidung seines Senders, mit ihm das Vermächtnis von David Letterman fortführen zu wollen. Zu den weiteren Kandidaten für den Job hatten der Spätnacht-Talker Craig Ferguson gehört, dessen Show an Lettermans anschließt; außerdem Neil Patrick Harris, dessen Serie "How I Met Your Mother" eben zu Ende ging, und Chelsea Handler, die als Talkerin mit losem Mundwerk das Spätprogramm von E! Entertainment bestreitet. Unter ihnen hat Stephen Colbert das scharfkantigste Profil.

An Lettermans Schreibtisch freilich wird Colbert nicht länger den Oberlehrer der Nation spielen dürfen - die CBS-Talkshow gilt als Flaggschiff des erfolgreichsten amerikanischen Networks und hat, anders als Comedy Centrals Nischenfernsehen, die Ansprache eines breiten Fernsehpublikums zum Ziel. Lettermans Witz ist spitz, intellektuell und stark von einem spezifischen New Yorker Humor geprägt, aber er ist zugleich verbindlich und souverän - und zuletzt ein wenig behäbig. Wie das weit unbändigere humoristische Temperament des Washingtoners Colbert und seine legendäre Schlagfertigkeit in Interviews ins CBS-Konzept passt, ist die vielleicht spannendste Frage der Nachfolgeentscheidung.

"Zahnlücke in die Vorderzähne schleifen"

Colbert hatte einst bekannt, noch wichtiger als die Lacher des Publikums sei ihm, Jon Stewart, seinen Mentor und Produzenten des "Colbert Report", zum Lachen zu bringen. Stewarts Show war bereits Sprungbrett für viele namhafte Komiker, darunter Steve Carrell, Ed Helms und John Oliver, der wohl Colberts Nachfolge angetreten hätte, wenn er nicht inzwischen eine eigene Show namens "Last Week Tonight" bei HBO machen würde, die am 27. April debütiert.

Colberts Vertrag bei Comedy Central läuft zum Jahresende aus. Letterman hat den Abschied von seiner 33-jährigen Karriere für August 2015 angekündigt. Der 66-Jährige könnte sich aber angesichts einer "Fernsehmüdigkeit", die ihm Insider attestieren, schon vorher aus dem Programm verabschieden.

Colbert sagte in einem Statement, er habe nie davon geträumt, in Lettermans Fußstapfen treten zu dürfen. "Ich bin begeistert und dankbar, dass CBS mich gewählt hat. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich muss mir eine Zahnlücke in die Vorderzähne schleifen."

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