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"Lindenstraße": Aus nach 35 Jahren

Foto: Stefanie Pilick/ picture-alliance / dpa

Zum Ende der "Lindenstraße" Die Dramoletten-Polonäse

Woanders ist es immer schlimmer: Unsere Autorin Anja Rützel schaute über Jahre "Die Lindenstraße", um Frieden mit dem eigenen Leben zu schließen. Ein sehr persönlicher Abschiedsgruß.

Manchmal denke ich noch an Joschi Bennarsch, den böhmischen Heimaterden-Entrepreneur. An Onkel Franz, den Gruselnazi, an den Meme-Pionier Gung, an den traurigen Raben Frank Dressler, an diesen einen, wunderschönen Ausraster von Elisabeth Dressler. Und natürlich an Matthias Steinbrück, mittels Bratpfannenbreitseite hingestreckt, unvergessen. Alles längst abgewrackte, gedankliche Überbleibsel aus einer Zeit, in der ich die "Lindenstraße" unerschütterlich liebte.

"All families are psychotic" heißt ein Roman von Douglas Coupland, aber kein Buch und keine Serie demonstrierte diesen Umstand für mich so schmerzhaft und gleichzeitig tröstlich, wie es diese Dramoletten-Polonäse seit 1985 leistete. Die "Lindenstraße", die nach Wunsch der ARD-Verantwortlichen 2020 eingestellt werden soll, und ihre Bewohner zurrten ein Koordinatensystem über das eigene Leben, auf dem man seine eigene kleine bundesdeutsche Realität relativ genau orten konnte: nicht so klemmharmonisch wie die Beimers, aber lange nicht so kaputt wie die Schildknechts. Nicht so spießig wie die Dresslers, nicht so hippiemäßig wie die Zimmermanns.

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"Lindenstraße": Aus nach 35 Jahren

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Lange, bevor ich ahnte, was eine Fernsehserie sein könnte, werden könnte über all die Jahre, was sie in guten Momenten erzählerisch leisten und bildlich prägen kann, lieferte die "Lindenstraße" große Momente, die blieben. Vor allem die großen Todesfälle kann ich immer noch abrufen: Benno Zimmermanns Schneesterben, der bedrückend schöne Paarfreitod von Amelie von der Marwitz und Ernst-Hugo von Salen-Priesnitz.

Der Tod des großen Schildknechts

Am meisten nahm mich der Verlust von Franz Schildknecht mit, der elend im Hinterhof zwischen seinen bizarren Ölgemälden krepierte. Ich war damals gerade in meine erste eigene WG gezogen, die Wände waren leer, und ich schrieb dem WDR einen Brief, den ich für launig hielt, in dem ich meine Trauer zum Ausdruck brachte und fragte, ob ich nicht vielleicht eines seiner Tryptichen oder sonst eine großformatige Kleckserei haben könnte.

Ich bekam eine abschlägige Antwort und einen Satz Autogrammkarten des ganzen Ensembles. Ein paar Wochen später fand ich meinen Brief in Auszügen in der "Bild" wieder, als Teil eines Artikels über Trottel-Fans, die sich ernsthaft um die freie Wohnung bewerben, wenn in der Lindenstraße jemand auszieht, weil sie nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden können.

Fand ich fies, denn damit hatte ich tatsächlich keine Schwierigkeiten. Spätestens als manche, bislang nur aus der "Lindenstraße" gekannte Probleme dann irgendwann immer ekliger und dringlicher in mein eigenes, inzwischen erwachsenes Leben krochen, begann meine Liebe zu bröckeln. Wenn der eigene Alltag nicht mehr weitgehend sorglos ist, macht es nicht mehr so viel Spaß, anderen Menschen jede Woche beim Sorgenhaben zuzuschauen - als tröstliche Jeder-hat-sein-Päckchen-zu-tragen-Identifikationsfiguren taugten mir die Münchner Jammerwesen nicht.

Ich schaute also nur noch unregelmäßig rein, als ich selbst mit miesen Hausverwaltern und grauslichen Mitbewohnern zu kämpfen hatte, die ich sonst immer nur in meiner Serie sah. Zwar wurde in meinem Leben niemand blindgeschossen oder mit der Geflügelschere kastriert, aber Arbeitslosigkeit, geplatzte Leihmutterdeals, Neonazitum, Vergiftungen und Süchte alle Art wurden mir irgendwann zu deprimierend für den Sonntag. Warum sollte ich mir dieses Elend regelmäßig anschauen? Da könnte ich ja gleich nach Berlin ziehen, dachte ich damals (in Stuttgart).

Vielleicht werde ich sie trotzdem vermissen, jetzt, wo ich weiß, dass da bald kein löchriges, zugiges Seriennest ist, in das ich jederzeit zurückkehren könnte. Falls also beim finalen Rümpeln doch noch ein paar Schildknecht-Schinken zu entsorgen sein sollten: Ich wäre noch interessiert.

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