Tod in Serien "Der Zuschauer muss sich nicht um die Beerdigung kümmern"

Erich Schiller aus der "Lindenstraße" ist tot. Jon Snow in "Game of Thrones" vielleicht auch. Warum wird in Serien gestorben? Der Medienwissenschaftler Andreas Dörner über das Spiel mit Erwartungen und zwei Arten von Zuschauern.

Seine Figur stirbt den Serientod: Bill Mockridge alias Erich Schiller mit seiner "Lindenstraße"-Kollegin Marie-Luise Marjan
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Seine Figur stirbt den Serientod: Bill Mockridge alias Erich Schiller mit seiner "Lindenstraße"-Kollegin Marie-Luise Marjan

Ein Interview von Claudio Rizzello


Seit 30 Jahren gibt es die "Lindenstraße". Es gibt Mutter Beimer und es gibt ihren Ehemann Erich Schiller. Jetzt ist er tot. Ausgerechnet in der Jubiläumsfolge stirbt Schiller den Serientod. Es ist der 47. Todesfall in der Geschichte der ARD-Serie. Viele Fans reagieren schockiert. Warum tut man ihnen das an?

Zur Person
  • Philipps-Universität-Marburg/ R.Eckstein
    Andreas Dörner, geboren 1960. Studium der Germanistik und Sozialwissenschaften in Essen. Seit 2004 Professor für Medienwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg mit den Forschungschwerpunkten Fernsehen, politische Kommunikation und politische Kultur.

SPIEGEL ONLINE: Herr Dörner, was ist der Sinn des Serientodes?

Dörner: Ich denke, es gibt darauf zwei Antworten, je nachdem welche Art von Zuschauern wir vor uns haben. Sprechen wir von Fans, die eine Serie sehr nah an ihrem eigenen Alltag sehen und zu den Serienfiguren "parasoziale" Beziehungen aufbauen, wird der Serientod einer Figur als einschneidendes Ereignis erfahren.

SPIEGEL ONLINE: Eine "parasoziale" Beziehung?

Dörner: Eine mediale Beziehung, die so funktioniert, als hätte man eine reale soziale Beziehung. Der Fernsehmoderator als Medienfigur wird behandelt wie ein realer Bekannter aus der eigenen Alltagswelt. Ein Serientod schmerzt dann wie der Tod eines nahen Angehörigen. Solche parasozialen Rezeptionsformen sind gerade bei Langzeitserien nicht selten; man denke nur an die Zuschauerproteste, als das Ehepaar Beimer geschieden wurde.

SPIEGEL ONLINE: Helga und Hans Beimer gingen 1991 auseinander. Nun ist ihr zweiter Mann Erich tot. C'est la vie?

Dörner: Ja. In unserem Umfeld sterben ja immer wieder einmal Menschen. Für die zweite Art Zuschauer handelt es sich nicht um Fragen von Leben und Tod, sondern um Geschmacksfragen. Um Fragen der Dramaturgie, wo man das Ausscheiden einer Figur als ästhetischen Verlust oder Gewinn wahrnimmt. Das sind Zuschauer, die das Ganze als fiktionale Erzählung erkennen.

SPIEGEL ONLINE: Worin liegt für solche Zuschauer der Reiz eines Serientods?

Dörner: Der Reiz liegt dann einfach in der Variation. Jede Serie basiert auf dem Zusammenspiel und der Balance von Konstanz und Variation.

SPIEGEL ONLINE: Warum kommt der Serientod trotzdem oft so plötzlich?

Dörner: Kommt eine Figur gut an, kann das über längere Zeiträume hinweg Quoten und Marktanteile sichern. Auch hier gilt: zu viel Kontinuität birgt die Gefahr der Langeweile. So müssen dann und wann narrative Paukenschläge erfolgen. Das können die verschiedensten schicksalhaften Wendungen sein, deren extremste wohl das Ableben ist.

SPIEGEL ONLINE: Viele Zuschauer wollen ja, dass etwas passiert. Stirbt ein Darsteller jedoch, ist die Trauer groß. Wie erklären Sie sich das?

Dörner: Trauer und Entsetzen sind intensive Gefühle. Die Zuschauer nutzen Serienerzählungen auch dafür, intensive Erlebnisse zu bekommen, die dennoch in einem fiktionalen Schutzraum, also in einer Als-ob-Welt passieren.

SPIEGEL ONLINE: Erich Schiller ist gar nicht tot?

Dörner: Wenn Erich Schiller stirbt, dann trifft mich das durchaus, vor allem wenn ich parasozial unterwegs bin. Und trotzdem muss ich mich nicht um die Modalitäten der Beerdigung kümmern. Vor allem die Teile des Publikums fühlen mit, die vielleicht unter einem Mangel an außermedialen Beziehungen leiden, die vereinsamt sind. Sie erhalten dann über die Serienwelten die Möglichkeiten, intensive zwischenmenschliche Gefühle zu durchleben.

SPIEGEL ONLINE: Oft ist es Mord. Oder ein Unfall. Warum?

Dörner: Das hängt damit zusammen, dass es sich hierbei um plötzliche Formen des Todes handelt. Plötzlichkeit ist, darüber hat Karl Heinz Bohrer ausführlich nachgedacht, ein wichtiges ästhetisches Prinzip, das zudem gesteigerten Unterhaltungswert hat.

SPIEGEL ONLINE: Der plötzliche Tod ist gut für die Quote.

Dörner: Ja, plötzliche Ereignisse sorgen in vernetzten Fangemeinden für Diskussionen und können die Zuschauerbindung wieder verstärken. Dennoch sollten die Drehbuchautoren eine gewisse Sorgfalt in der Planung von Serientoden walten lassen.

SPIEGEL ONLINE: Beim Serientod kommt es auf Timing an?

Dörner: Der GAU einer jeden Serienerzählung tritt dann ein, wenn, etwa aufgrund von Zuschauerreaktionen, ein Tod revidiert werden muss. So geschehen bei "Dallas", als der schon verstorbene Bobby Ewing in der nächsten Staffel alles nur geträumt hatte.

SPIEGEL ONLINE: Aus amerikanischen Serien kennt man einen schnellen Serientod. In "House of Cards" stirbt ein Protagonist bereits in der zweiten Staffel. In "Game of Thrones" könnte zu jedem Zeitpunkt jeder sterben. Was macht das mit dem Zuschauer?

Dörner: Ich glaube, das sind Experimente des modernen Erzählens. Man spielt mit Erwartungen und Konventionen, um vor allem diejenigen Publikumssegmente zu gewinnen, die sich von traditionellen Serienformen schon abgewendet haben. Diese Zuschauer verkraften das. Sie erfreuen sich an der Variation des schon Bekannten. Ähnliches gilt für Zwischenformen, die sich der klaren Definition von "tot" oder "lebendig" entziehen, ich denke da an "Walking Dead".

SPIEGEL ONLINE: Welcher Serientod ist für Sie als Medienwissenschaftler interessant?

Dörner: Aus medienwissenschaftlicher Sicht sind die Serientode interessant, die gar nicht dramaturgisch bedingt sind, sondern außermediale, mitunter ganz profane Gründe haben. So können beispielsweise Darsteller versterben, und die Serie muss die Erzählung entsprechend ändern und plausibilisieren. Auch so etwas gab es ja in der Lindenstraße, etwa beim Tod von Ute Mora in der Rolle der Berta Griese. Oder Darsteller scheiden aus eigenem Willen aus. Das passierte etwa bei "Downton Abbey", wo die Figur des Matthew Crawley, die bei vielen Zuschauern sehr populär war, weichen musste.

SPIEGEL ONLINE: Der Schauspieler Dan Stevens hatte andere Pläne.

Dörner: Er ließ sich nicht umstimmen, obwohl der Chefautor ihm sogar Änderungen in der Story anbot, die ihm mehr Flexibilität für andere Projekte eröffnet hätten. Spannend ist es dann zu beobachten, wie geschickt oder plump die Autoren bei den erforderlichen "Reparaturen" der Erzählung verfahren. Bei "Downton Abbey" war es dann ein Autounfall - nicht sehr originell. Und man änderte im Gefolge die Verträge mit den anderen Darstellern, um weitere Zwangsableben zu vermeiden.

SPIEGEL ONLINE: Herr Dörner, welche ist Ihre Lieblingsserie?

Dörner: Für mich persönlich war eine der spannendsten Serien, vor allem in den ersten Staffeln, das Projekt "24". Mit ihrer spannend aufgebauten Echtzeitdramaturgie und zahlreichen innovativen Gestaltungsmitteln in Bild und Ton hat sie mich in den Sog der Erzählung hinein gezogen. Die Tatsache, dass die Ehefrau des Hauptcharakters bereits in der ersten Staffel das Zeitliche segnen musste, schadete der Serie übrigens nicht.



insgesamt 7 Beiträge
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nic 07.12.2015
1. Warum wird in Serien gestorben?
Vielleicht haben die Schausüieler kein Bock mehr auf die Rolle?
pauleschnueter 08.12.2015
2.
Aber nur vielleicht. Der hinterlistig von seinen "Brüdern" abgestochen.
boingdil 08.12.2015
3. GoT ist ein schlechtes Beispiel hierfür
Denn immerhin ist es eine Literaturverfilmung, die nur aufgrund des Umfangs zur Serie wurde. Von kleinen Anpassungen abgesehen sterben die Charaktere genau so wie in den Büchern. Erst wenn mit den kommenden Staffeln vielleicht die Serie vor dem Buch erscheinen sollte würde ein Tod wahre Fans überraschen können.
themistokles 08.12.2015
4.
"Eine mediale Beziehung, die so funktioniert, als hätte man eine reale soziale Beziehung. Der Fernsehmoderator als Medienfigur wird behandelt wie ein realer Bekannter aus der eigenen Alltagswelt. Ein Serientod schmerzt dann wie der Tod eines nahen Angehörigen." Get a real life! Welch´ gestörtes Verhältnis zu Medien muss man besitzen, wenn man so empfindet?
dreamdancer2 08.12.2015
5.
Zitat von boingdilDenn immerhin ist es eine Literaturverfilmung, die nur aufgrund des Umfangs zur Serie wurde. Von kleinen Anpassungen abgesehen sterben die Charaktere genau so wie in den Büchern. Erst wenn mit den kommenden Staffeln vielleicht die Serie vor dem Buch erscheinen sollte würde ein Tod wahre Fans überraschen können.
Das kann übrigens auch nach hinten losgehen... ich habe aufgehört, GoT zu lesen, nachdem ständig meine Lieblingscharaktere starben und auch noch keine einzige Folge der Serie gesehen.
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