Zur Ausgabe
Artikel 47 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Amazon-Serie "Little Fires Everywhere" Sex nur vor Mitternacht

Ordnungsliebe, freundliche Herablassung - und ein ungeklärter Hausbrand: Die Serie "Little Fires Everywhere" mit Reese Witherspoon entlarvt die Bigotterie eines Nobelvororts.
aus DER SPIEGEL 21/2020
Reese Witherspoon mit Megan Stott als ihre Serientochter Izzy: Eine einzige Abfolge von Mutter-Tochter-Konflikten

Reese Witherspoon mit Megan Stott als ihre Serientochter Izzy: Eine einzige Abfolge von Mutter-Tochter-Konflikten

Foto:

Erin Simkin / Hulu / Amazon Prime

In der ersten Szene der Miniserie "Little Fires Everywhere" steht das herrschaftliche Anwesen der Familie Richardson in Flammen. Es habe nicht den einen Brandherd gegeben, informiert ein Feuerwehrmann die Familie, sondern mehrere kleinere – eben "little fires everywhere". Das heißt, dass das Haus, in dem die wohlhabenden Richardsons mit ihren vier Teenagerkindern wohnten, vorsätzlich angezündet wurde.

Wer Grund dazu gehabt haben könnte, den Brand zu legen, ist die große Frage der achtteiligen Serie. Beantwortet wird sie in Rückblenden, denn die erste Szene mit dem Hausbrand ist eigentlich der Fluchtpunkt der Erzählung, so wie man es von der erfolgreichen Serie "Big Little Lies" kennt, die mit einem Todesfall beginnt, der sich ebenfalls rückblickend klärt – und in der, wie auch in "Little Fires Everywhere", Reese Witherspoon die Hauptrolle spielt.

Gut getarnter Rassismus

Wie bei "Big Little Lies" sorgt diese Konstruktion für konstante Spannung, denn je weiter die Vorgeschichte ausgebreitet wird, desto größer wird der Kreis der potenziellen Brandstifter. Shaker Heights, Ohio, wo die Serie spielt, ist ein Nobelvorort – aber Bigotterie und Gewalt gibt es hier natürlich auch. Sie sind nur besonders gut getarnt. Die Serie attackiert den Rassismus und den Standesdünkel der Richardsons, wo immer sich Gelegenheit bietet.

Die Romanvorlage der US-amerikanischen Schriftstellerin Celeste Ng, die 2017 ein Bestseller war und unter dem Titel "Kleine Feuer überall" auch auf Deutsch erschienen ist, enthält diese Komponente nicht so explizit. Darin ist die alleinerziehende Künstlerin, anhand derer sich die Konflikte mit den Richardsons entwickeln, nicht schwarz. Die Serienadaption, bei der die kürzlich verstorbene Regisseurin Lynn Shelton die Hälfte der Folgen verantwortet hat, nutzt die Umdeutung, um an sich schon hochdramatische Verwerfungen weiter zu verstärken: Es geht ja auch noch um Leihmutterschaft, Adoption und Teenagerschwangerschaft!

Anzeige
Ng, Celeste

Kleine Feuer überall: Das Buch zur erfolgreichen TV-Serie mit Reese Witherspoon

Verlag: dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Seitenzahl: 384
Für 22,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

29.11.2022 13.09 Uhr

Keine Gewähr

Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Da passt es nur, dass Hauptdarstellerin Reese Witherspoon ihre Rolle als Elena Richardson wie so häufig in ihrer Karriere - siehe "Election", die "Natürlich blond"-Filme oder auch "Big Little Lies" - als Parodie anlegt. Elena ist derart wohl organisiert, dass jedes ihrer Kinder eine eigene Farbe hat, mit der im Familienkalender per Post-it die Aktivitäten vermerkt werden. Und auch für den Sex mit Ehemann Bill gibt es feste Zeitfenster: mittwochs und samstags. Aber nur vor Mitternacht! Denn danach ist schon ein neuer Tag.

So viel Ordnung kann gar nicht sein, und natürlich wird Elenas Leben schon bald durcheinandergewirbelt: Künstlerin Mia Warren ("Scandal"-Star Kerry Washington) kommt auf Wohnungssuche nach Shaker Heights und darf mit ihrer Teenagertochter in das Mietshaus der Familie einziehen – ohne Geld und ohne Referenzen, einfach weil Elena Richardson ihr etwas Gutes tun möchte. Und wo sie schon dabei ist, Gutes zu tun, bietet sie Warren auch noch an, sich doch als ihre Haushälterin etwas dazuzuverdienen.

Fotostrecke

"Little Fires Everywhere"

Foto: Erin Simkin/ Hulu/ Amazon

Von solch vermeintlich wohlwollenden Angeboten, die doch nur ihren Paternalismus verraten, kann Elena Richardson nicht ablassen. Ihre Kinder verhalten sich gegenüber Mias Tochter Pearl ebenso freundlich herablassend, kaufen ihr an einem Tag ein teures Kleid für den Abschlussball und bedienen sich am anderen Tag an einem Essay von Pearl für die eigene College-Bewerbung.

Während das sozioökonomische Gefälle zwischen den Familien so für Konflikte sorgt, ziehen Witherspoon und Washington im Overacting gleich. Wenn Witherspoons Kinn vor Empörung bebt, muss Washington sogleich ihre Oberlippe vor Ekel schürzen. Das macht einigen Spaß beim Zuschauen und erinnert, wenn wohl auch nicht ganz freiwillig, an die großen Frauenfilme der Vierziger und Fünfziger, in denen sich Bette Davis und Joan Crawford kunstvoll überboten.

Zugleich legt die Melodramatik die große Schwäche von "Little Fires Everywhere" offen. Gesellschaftliche Auseinandersetzungen werden fast ausschließlich unter dem Aspekt der Weiblichkeit betrachtet. Rassistische Verwerfungen machen die Frauen untereinander aus. Auch das moralische Dilemma der Leihmutterschaft bleibt weibliche Verschlusssache. Das Weltgeschehen, eine einzige Duellabfolge von Mutter gegen Tochter gegen Mutter!

Zu den schönsten Frauenfilmklassikern zählt "Solange es Menschen gibt", ein Werk des Deutschamerikaners Douglas Sirk, in dem ebenfalls eine weiße und eine schwarze Mutter versuchen, sich mit ihren Töchtern in der Welt einzurichten. Dem war anzusehen, dass sein Regisseur um die Exaltiertheit des Genres wusste und sich daraus einen vertrackten Spaß machte – hätten die Schöpferinnen von "Little Fires Everywhere" sich doch daran ein Beispiel genommen.

Ab 22. Mai bei Amazon Prime

Zur Ausgabe
Artikel 47 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.