Komponisten-Biografie in der ARD Beethovens Talent für Kinnhaken

Zum Ende des Beethoven-Jahres präsentiert die ARD einen Weihnachtsfilm. Hinter der Prunkausstattung steckt leider nicht viel. Immerhin darf Tobias Moretti als alter, tauber Komponist ausgiebig donnergrollen.
Tobias Moretti als alter Künstler

Tobias Moretti als alter Künstler

Foto: Zuzana Panska / ARD / WDR / ORF

Beethoven war noch niemals in New York, und er wird es auch nie dorthin schaffen – aber der bereits als Klaviervirtuose bekannte Jungmusiker bekommt in diesem Film einmal gesagt: »Wenn du frei sein willst, richtig frei, Ludwig, dann musst du nach Amerika gehen.« Da sitzt der junge Held mit vor Staunen offenem Mund äußerst ergriffen in seinem Studierzimmer in der schönen deutschen Stadt Bonn herum. Natürlich handelt es um einen didaktisch wertvollen Moment.

Ludwig van Beethoven heißt im Weihnachtsfilm des Ersten ein bisschen originalitätssüchtig Louis (so wurde er im Familienkreis genannt). Dass er aus dem Rheinischen nur bis Wien kam, aber dort dann groß heraus, wissen die meisten Fernsehzuschauerinnen und -zuschauer. Wie genau geht in der Version des Regisseurs Niki Stein dieser wichtigste Umzug im Leben des Komponisten vonstatten? Der 21-jährige Beethoven zockelt in »Louis van Beethoven« in einer Kutsche in Richtung Österreich und sieht, als er sich aus dem Fenster lehnt, auf traurig dahintrottende, ramponierte Soldaten. Die offenbar deutschen Krieger, so verrät eine eingeblendete Schrift, sind geschlagen »von den Truppen der Französischen Revolution« – und es hebt der vierte Satz der neunten Sinfonie an, der aufs Friedens- und Jubellied »Freude schöner Götterfunken« zusteuert.

Regisseur Stein zeigt zum Ende des Beethoven-Jubiläumsjahres, in dem der Komponist am 17. Dezember 250 Jahre alt geworden wäre, ein paar üppig ausgemalte Schlüsselmomente aus dem Komponistenleben – und ein historisches Lehrstück. Beethoven wird hier als Kind dargestellt von Colin Pütz. Er wird als junger Liebender gespielt von Anselm Bresgott. Und er wird als schwerhöriges, tobsüchtiges, kaum verstandenes Genie hingewütet von Tobias Moretti .

Es sind viele geschnürte Mieder und prachtvolle Aristokratenröcke zu sehen in diesem Film. Man blickt auf hübsch ausgeleuchtete fürstliche Konzertsäle und bierdampfende Kneipen. Und es erklingt, erfreulich dezent, immer mal wieder Musik von Bach, Mozart und selbstverständlich vom Meister selbst. Das zentrale Anliegen des Films aber ist es, den Menschen Ludwig van Beethoven als unseren politischen Zeitgenossen vorzuführen – als, wie es der Regisseur in einem Statement zum Film formuliert, »leidenschaftlichen Verteidiger von Demokratie, Meinungsfreiheit und Toleranz«.

Ein Ausstattungsfest

Stein hat selbst das Drehbuch geschrieben und schildert vordergründig vor allem familiäre und erotische Dramen. Als Kinderstar am Klavier ist der kleine Ludwig (Pütz) geschlagen mit einem zwar liebevollen, aber der Trunksucht zuneigenden Musikervater (Ronald Kukulies) und einer kapriziösen und bald todkranken Mutter (Tatjana Nekrasov). Inmitten der mürben Verhältnisse wird sein Talent vor allem vom Bonner Hoforganisten Christian Gottlob Neefe (Ulrich Noethen) gefördert.

Der jugendliche Beethoven (Bresgott) begegnet Haydn und Mozart und verliebt sich in die Adlige Caroline von Breuning (Caroline Hellwig). Die darf leider wegen der Standesunterschiede – trotz eines schüchternen Wangenkusses im Bonner Schneetreiben – seine Neigung nicht erwidern. Zuletzt kehrt der alte, fast vollständig taube Beethoven (Moretti) in Krems auf dem Hof seines Bruders Johann (Cornelius Obonya) ein und hadert dort donnergrollend mit seiner strengen Schwägerin (Johanna Gastorf) und der Ignoranz der Wiener Musikwelt gegenüber seinen späten Kompositionen: Man erklärt einige seiner Schöpfungen für »unspielbar«.

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»Louis van Beethoven«

Foto: Dusan Martincek / ARD / WDR / ORF

»Louis van Beethoven« ist ein Ausstattungsfest und sichtlich ein Spaß für viele der Schauspielerinnen und Schauspieler, die sich halb komisch und halb lächerlich in rheinischen Dialekten versuchen oder wild herumsächseln wie Noethens Beethoven-Lehrer, dessen Vorbild historisch verbürgt tatsächlich aus Sachsen stammte. Immerzu scheint dieser zwischen seinen drei Zeitebenen hin- und herhüpfende Film um ein kraftvolles, saftiges, auch laut rumpelndes Porträt des Künstlers und seiner Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter bemüht. Die innere Not des Helden, sein Aufbegehren gegen ständische Regeln und Aristokratenmacht, das Erwachen seines künstlerischen Eigensinns bleiben in all der krawalligen Opulenz allerdings ziemlich blasse Behauptungen.

Einmal darf sich Anselm Bresgotts junger Beethoven richtig prügeln und einen jungen Adligenschnösel, der ihn als »Lakai« bezeichnet, bei einem höfischen Fest mit einem Kinnhaken niederstrecken. Der französische Schriftsteller Romain Rolland hat den großen Komponisten einst verherrlicht als »die Verkörperung des Heldentums in der ganzen modernen Kunst«. Niki Steins Weihnachtsmärchen macht Beethoven eher zu einer Verkörperung eines zeitlosen Rebellengeistes, dessen Talent zur Neuerfindung der Musik hier kaum schwerer ins Gewicht zu fallen scheint als sein Talent zum Boxkampf.

»Louis van Beethoven« ist schon jetzt in der Mediathek  abrufbar und läuft am 25. Dezember um 20.15 Uhr in der ARD