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10. September 2019, 07:37 Uhr

"Love Island"

Kartoffeln und schräge Gurken

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Golden glänzen die eingeölten Beine, Astrophysiker spielen "Wahrheit oder Pflicht": Eine neue Staffel "Love Island" eröffnet den Trash-Herbst mit vielversprechenden Kandidaten - okay, nice!

Erfahrene Wetterfrösche wissen: Wenn das "Sommerhaus" vorbei ist, kommt der Herbst. Und mit ihm eine neue Staffel "Love Island", dieses Trash-TV gewordene Rilke-Gedicht auf RTL2 - nicht das mit dem Panther, das mit dem Haus, das man nicht mehr baut. Warum nicht vor jeder Vercouplungszeremonie feierlich und leierig von allen Kandidaten im Chor die Zeile "Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben" aufgesagt wird, ist komplett unverständlich, warum die schon in der ersten Folge unverhohlene Süßsuffkram-Werbung nicht mit "befiehl den letzten Früchtchen, voll zu sein" untertitelt wird, ein nachlässiges Versäumnis.

Ansonsten schnurrt und brummt wieder alles zuverlässig, das kann man schon nach der ersten, naturgemäß eher handlungsarmen Vorstellungsrunde sagen. "Love Island" dient im Trash-Jahreszyklus ja vor allem der umsichtigen Vorratshaltung: Im Herbst werden hier nach vierwöchigem Reifeprozess die Kartoffeln und schrägen Gurken eingekellert, an denen man sich dann das ganze Jahr laben kann - neben den "Bachelor"- und "Bachelorette"-Plantagen ist "Love Island" inzwischen einer der wichtigsten Trashnachschub-Lieferanten.

Und schon die ersten Insel-Dialoge lassen auch dieses Jahr auf eine prächtige Ernte hoffen. Dialoge wie "Was machst du beruflich?" - "Wimpern!" samt folgender Erklärung, warum man in bestimmten Berufszweigen lieber nicht mehr Kosmetikerin genannt werden möchte, weil dieses Wort einfach unsexy ist. Während man sich noch fragt, welches Beinglanzprodukt Denise wohl verwendet und ob Melissa wirklich diese riesigen Ikea-Standardwandschmuck-Bilder als Vorlage ins Tattoo-Studio geschleppt hat, um sich Marilyn Monroe und Audrey Hepburn auf den Arm tätowieren zu lassen, erfährt man ungewollt, dass vielen Männern beim Anblick der Uniform von Zugbegleiterin Samira schwüle Gedanken kommen. Bahnfahren wird nie mehr dasselbe sein.

"Gebürtiger Italiener, aber in Deutschland geboren"

Dann werden die Männer ins Haus getrieben, schon wieder ist offenbar ein Modetrend an einem vorbeigerauscht: Anscheinend trägt man jetzt nicht nur Schrumpfhosen, sondern auch Anzüge ohne Hemd, man muss wirklich dringend mal Cherno Jobatey eine Entschuldigungs-Bonbonniere dafür schicken, dass man ihn früher immer wegen seiner Anzug-Turnschuh-Kombi ausgelacht hat, heute wäre er damit in jedem Trashformat der Bestangezogene. Danilo hat die Europaidee komplett verinnerlicht und erklärt, er sei "gebürtiger Italiener, aber in Deutschland geboren", Todesgrinser Denis ist "Content Creator" und antwortet auf alles mit "okay, nice."

Um gleich mal Deepness zu beweisen, fragt er Denise, bei welchem historischen Ereignis sie gern dabei gewesen wäre. Die lacht sympathisch frei heraus, hatte sie ja schließlich gerade noch erklärt: "Der Typ Mann, der mit mir am Frühstückstisch sitzt und über Politik redet - dat wär der Falsche!". Jedenfalls kennt sie kein historisches Ereignis, "okay, nice", sagt Denis. Dafür kann Lisa ihm seine nächste Frage beantworten, ob sie lieber süße oder salzige Pancakes isst nämlich. "Salzige", sagt sie, "okay, nice", sagt Denis, der nun wirklich selbst schuld ist, wenn ihn jetzt alle nur noch De-nice nennen (bitte!).

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Dann kommt Erik, der den klassischen Love-Island-Kandidaten-Werdegang vorweisen kann: Er hat Astrophysik studiert und ist jetzt Naturfotograf, außerdem trägt er vorsorglich ein Armbändchen, das er schon mal für seine Traumfrau einschwitzt, der er es dann überreichen will. Sportlehrer Yasin soll an die Kandidatenschaft eine Note vergeben und wählt "eine glatte zehn". Wo sind bitte Elena und ihre "Krass, du bist so dumm"-Tiraden, wenn man sie einmal wirklich braucht?

Nach den ersten Verpaarungen läuft alles planmäßig an. Yasin zeigt auf der Liege mit Samira, die eigentlich zu De-nice gehört, eine formvollendete Beinangel, Mischa und Ricarda sind füreinander bestimmt, weil sie beide eine Katze haben, es wird schon mal geweint, weil jemand, den man fünf Minuten kennt, jetzt in einem anderen Bettchen schläft. Um das Trashjahr 2020 muss einem nicht bange sein.

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