Doku über den Loveparade-Prozess Am Ende des Tunnels kein Licht

Für Betroffene war es die Katastrophe nach der Katastrophe: Nach 184 Verhandlungstagen wurde der Prozess um die Loveparade mit 21 Toten beendet. Ein Arte-Film begleitete das Strafverfahren - extrem dicht und unglaublich nah.
Gedenkstätte für die Toten und Verletzten der Loveparade 2010 in Duisburg: "Die Gefahrenlage war von Beginn an hoch."

Gedenkstätte für die Toten und Verletzten der Loveparade 2010 in Duisburg: "Die Gefahrenlage war von Beginn an hoch."

Foto: Knut Schmitz/ Arte

Gabriele Müller hat Jahre gebraucht, um sich für diesen Kampf zu wappnen. Am 8. Dezember 2017 ist es so weit. Sie sitzt in ihrer Küche, das Radio eingeschaltet, eine Tasse Kaffee in der Hand. Es ist 6.43 Uhr. Sie geht ins Bad, tuscht sich die Wimpern.

An diesem Tag beginnt der Prozess zum Loveparade-Unglück. Mehr als sieben Jahre nach dem Technofestival in Duisburg, bei dem 21 Menschen ihr Leben verloren und mindestens 652 verletzt wurden, sind zehn Personen wegen fahrlässiger Tötung angeklagt: Sechs Mitarbeiter der Stadt und vier Mitarbeiter des Veranstalters Lopavent, sie werden von 32 Anwälten verteidigt.

Es ist der größte Prozess der Nachkriegszeit mit 60 Nebenklägern und weiteren 40 Anwälten. Die 6. Große Strafkammer des Landgerichts Duisburg wird in einer Messehalle des Congress Centers Düsseldorf (CCD) verhandeln mit Platz für 500 Personen, das öffentliche Interesse ist enorm.

Regisseur Dominik Wessely dokumentiert mit seinem Film "Loveparade - Die Verhandlung" die Dimension dieses Strafverfahrens von Beginn an. Er begleitet Menschen wie Gabriele Müller, deren Sohn Christian an jenem 24. Juli 2010 im Gedränge der Rave-Party sterben musste. Anfangs ahnt niemand von Wesselys Protagonisten, dass auf diese Katastrophe eine weitere folgen wird.

Wird der Prozess ihre Fragen beantworten?

Die Hoffnung der Hinterbliebenen auf juristische Aufarbeitung des komplexen Sachverhalts ist schwer in Worte zu fassen, im Film aber sichtbar. Núria Caminal und Francisco Zapater aus Spanien blicken zu der schmalen Treppe, auf deren Stufen 21 schlichte Holzkreuze stehen. Eines davon trägt den Namen ihrer Tochter Clara. Sie war 22 Jahre alt, als sie auf der Loveparade mit Freunden den Abschluss ihres Erasmus-Semesters feiern wollte. Dies sei "der letzte Ort auf Erden, an dem sie war", sagt der Vater, die Mutter weint. "Hier sind wir mit ihr vereint."

Wessely kommt den Trauernden nahe, ohne aufdringlich zu sein. Er darf ihnen folgen, wenn sie Hand in Hand im Flugzeug sitzen auf dem Weg in das Land, aus dem ihre Tochter nicht lebend zurückkehrte. Die Eltern lassen ihn teilnehmen an ihrem vertrauten Zwiegespräch am Meer. In einem Moment, in dem sie hin- und hergerissen sind, ob der Prozess ihnen überhaupt all die Fragen beantworten wird, die sie seit so vielen Jahren quälen.

Im Film kommen Prozessbeteiligte zu Wort, die während eines laufenden Verfahrens nichts sagen dürfen und nach einem Verfahren oft nichts sagen wollen. Der Vorsitzende Richter Mario Plein spricht über die Komplexität des Falls, über ein tragisches Ereignis, das nicht an einem einzigen Tag stattgefunden hat, sondern für das es im Vorfeld eine ausgedehnte Planungsphase gab und eine Vielzahl von beteiligten Institutionen. Es ist nicht einfach, in diesem juristischen Dickicht die Schuld des Einzelnen auszumachen.

"Organisierte Verantwortungslosigkeit"

Die drei Vertreter der Staatsanwaltschaft erklären, warum den Verfahrensbeteiligten im Gerichtssaal Fotos und Obduktionsbilder erspart wurden. Wer die verzerrten Gesichter gesehen habe, sagt Oberstaatsanwalt Jens Hartung, der wisse: "Die letzten Momente waren ganz schlimm."

Den Anklägern und der Kammer wurden Vorhaltungen gemacht: die wahren Schuldigen nicht angeklagt, den Prozess nicht stringent geführt zu haben. Die Angegriffenen rechtfertigen sich nicht vor der Kamera, sie bemühen sich um Aufklärung. Oberstaatsanwalt Uwe Mühlhoff spricht im Fall der Loveparade von einer "organisierten Verantwortungslosigkeit". Am Ende sei einfach unklar gewesen: Wer war wofür zuständig?

Regisseur Wessely rückt auch die Hauptverantwortlichen in den Fokus, die nicht angeklagt wurden: Adolf Sauerland, der damalige Oberbürgermeister von Duisburg, dem nach dem Unglück der Hass entgegenschlug; Rainer Schaller, Inhaber der Lopavent, der sich im Film zu dem ungehörigen Satz hinreißen lässt: "Die Loveparade war keine Naturkatastrophe." Und Wolfgang Rabe, ehemaliger Duisburger Ordnungsdezernent, der mit der Loveparade das graue Image der Stadt aufpolieren wollte.

"Die Gefahrenlage war von Beginn an hoch"

Um deren Fehlverhalten einordnen zu können, springt der Film immer wieder zurück zum Tag des Geschehens und zur verheerenden Pressekonferenz am Tag danach. Gutachter Jürgen Gerlach zeichnet das komplexe Ursachensystem nach, das die Loveparade 2010 zu einer Todesfalle mit Ansage machte. Im Detail beschreibt er, warum das Gelände hinter dem Duisburger Bahnhof für das Konzept der Loveparade und die Dynamik einer solchen Mammutveranstaltung nicht geeignet war. "Die Gefahrenlage war von Beginn an hoch."

Anfang 2019 wird das Verfahren gegen sechs Bedienstete der Stadt Duisburg und einen Lopavent-Mitarbeiter ohne Auflagen eingestellt. Die anderen Angeklagten lehnen das Angebot ab, sie hoffen auf einen Freispruch. Nur deshalb wird weiter verhandelt.

Am 4. Mai 2020, nach 184 Verhandlungstagen, endet das Verfahren auch für die verbliebenen drei - ohne Urteil. Wessely zeigt, warum das so ist und was das für die Hinterbliebenen bedeutet. Francisco Zapater, Claras Vater, auch Jurist, sagt, nun bleibe ihnen nur noch der Weg zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Gabriele Müller will ihren Kampf beenden, auch wenn es ein "unwürdiges Ende" sei. Nicht nur für sie bleibt es die Katastrophe nach der Katastrophe.

"Loveparade - Die Verhandlung": Mittwoch, 22 Uhr, Arte, und Mittwoch, 22. Juli, 22.45 Uhr, Das Erste. Anschließend ist der Film in der ARD-Mediathek abrufbar.

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