Neue Serien Helden in Hoodies

Serien wie "Luke Cage", "Atlanta" und "Queen Sugar" verändern gerade das amerikanische Fernsehen - weil sie die Perspektive afroamerikanischer Helden und Hauptfiguren einnehmen. Das war lange überfällig.

Netflix

"Du verschwendest dein Talent, mein Bruder", sagt Mariah (Alfre Woodard) in "Luke Cage" zu ihrem Cousin Cornell alias Cottonmouth (Mahershala Ali). "Dieses Gangsterleben, das ist nicht, wofür unsere Vorfahren gekämpft haben und gestorben sind." Sie ist Politikerin in Harlem, er Klubbesitzer, der seinen Status als "King of Harlem" mit illegalen Geschäften und eiserner Faust untermauert. Cornell gibt zurück: "Doch, genau dafür sind sie gestorben: Selbstbestimmung. Kontrolle. Macht."

Es sind drei Serien, die momentan schaffen, was seit Langem überfällig ist: Die afroamerikanische Lebenswirklichkeit ungeschminkt im Fernsehen abzubilden. Die politischste von ihnen ist ausgerechnet Marvels neue Superhelden-Serie "Luke Cage" von Cheo Hodari Cokers. Aber auch Donald Glovers "Atlanta" und Ava DuVernays "Queen Sugar" gehören zum Besten, was die neue TV-Saison bisher zu bieten hat.

"Luke Cage"-Serienschöpfer Cheo Hodari Coker hat Marvels Comicgeschichte aus den frühen Siebzigern um einen schwarzen Rächer mit enormen Kräften und einem unzerstörbaren Körper als Stadtteilstory im New Yorker Bezirk Harlem konzipiert, mit einem kugelsicheren schwarzen Helden im Hoodie (Mike Colter). Das ist, im Zeitalter von "Black Lives Matter", natürlich eine politisch aufgeladene Idealisierung der Welt. "Luke Cage" fantasiert weniger über die Superkräfte eines Einzelnen, als dass hier Fragen des Überlebens, der Koexistenz und des Empowerment vor einem zeitgemäßen Kontext verhandelt werden.

Es geht um Selbstbestimmung in einem korrupten System

Colter spielt Cage als stillen, pflichtbewussten Mann, der lieber niedere Arbeiten in der Barbierstube von Pops (Frankie Faison) verrichtet, als sich mit seinen Kräften über andere zu erheben. Was auch zu Erheiterung führt. "Ein schwarzer Mann, der arbeitet", ruft eine Afroamerikanerin beim Anblick des Besenschwingers aus, "daran ist nichts auszusetzen!" Aber spätestens, als Cottonmouth behauptet, auch er sei ein "arbeitender Mann" ist klar, dass hier ein Stück Kulturkritik anklingt - schwarze Communities in ganz Amerika sind noch immer viel zu stark von Arbeitslosigkeit und Gewalt geprägt.

Harlem ist hier halb Xanadu, halb Gotham City, ein Stadtteil, in dem afroamerikanische Popkultur vibriert und der zugleich so sehr von Gewalt und Dysfunktion geprägt ist, dass auch die Besten oft nicht entkommen. Coker lässt seine Figuren über ihre bevorzugten schwarzen Krimi-Helden palavern, der Gentrifizierung ihres Stadtteils den Mittelfinger entgegenstrecken und den "New Yorker" lesen.

Die Musiker Ali Shaheed Muhammad und Adrian Younge untermalen das Geschehen mit einem hinreißenden Soundtrack aus Hip-Hop und Jazzklängen, während sowohl die Helden als auch die Bösewichte mit eben den Fragen ringen, welche die afroamerikanische Diaspora schon seit den Tagen von Malcolm X und Martin Luther King bewegen: Muss man die Selbstbestimmung nötigenfalls mit Gewalt an sich reißen? Gilt es, den Schulterschluss mit einem zutiefst korrupten System zu wagen, um an die wichtigen Schalthebel zu kommen? Oder lassen sich die Dinge unterm Strich nur unter Demonstration persönlicher Integrität und Opferbereitschaft vorwärtsbewegen?

Es gibt hier eine Szene, die Echos aus Ava DuVernays (für die beste Originalmusik) oscarprämiertem Film "Selma" über die innere Zerrissenheit Martin Luther Kings während der Protestmärsche der Bürgerrechtsbewegung enthält: Cage disst einen jungen Gangster, der ihn mit dem verhassten "Nigga" anredet, er möge sich lieber ein Beispiel an Crispus Attucks nehmen, einem schwarzen Amerikaner, der sich zu Beginn des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs den britischen Truppen entgegenstellte - einer, "der aus der Reihe trat, der einen Schritt nach vorn machte und dafür mit seinem Leben bezahlte. Aber er begann etwas!"

Nach dem Bürgerrechtsdrama "Selma" nun das Familienepos "Queen Sugar"

Etwas anstoßen, Verbesserung bewirken ist auch Thema in DuVernays Familienepos "Queen Sugar", in dem sie den Faden der Selbstbemächtigung wieder aufnimmt, übrigens mit zahlreichen Schauspielern, die sie bereits in "Selma" besetzte. In der Adaption des Romans von Natalie Baszile, die von Oprah Winfrey koproduziert wird, stehen drei sehr unterschiedliche Geschwister vor der Aufgabe, mit der Übernahme der väterlichen Zuckerrohr-Plantage im ländlichen Louisiana die soziale Erstarkung der Familie weiterzuführen.

Charley (Dawn-Lyen Gardner) ist die Frau und Managerin des Basketball-Stars Davis West (Timon Kyle Durett), die in Los Angeles ein Luxusleben mit dem gemeinsamen Sohn Micah (Nicola L. Ashe) führt, als ihr Mann in einen Sex-Skandal verwickelt wird. Nova (Rutina Wesley) lebt in New Orleans und ist Kräuterheilerin, Journalistin und Aktivistin, die gegen die illegale Einkerkerung junger schwarzer Männer zu Felde zieht. Und Ralph Angel (Kofi Siriboe), alleinerziehender Vater des sechsjährigen Blue (Ethan Hutchinson), versucht nach einer Haftstrafe und der Trennung von Blues drogensüchtiger Mutter Darla (Bianca Lawson), wieder Boden unter den Füßen zu kriegen. Alle drei ringen auf ihre Weise mit der Frage, welchen Erwägungen den Vorrang zu geben sei - dem Beistand für einen untreuen Ehemann, der von den Medien im Nu mit dem Stereotyp des schwarzen Sexverbrechers belegt wird? Dem öffentlichen Kampf für soziale Gerechtigkeit? Den starren Auflagen des Justizsystems? Oder dem Vermächtnis eines Farmers, der entschlossen war, mit der Bestellung seines Ackers die Dinge "für jede neue Generation ein bisschen besser" zu machen?

Neue Serie "Atlanta"
obs/ Fox Networks

Neue Serie "Atlanta"

Empowerment hat auf unterschiedlichen sozialen Ebenen seine Tücken, und es hat auch seine absurden Seiten. Die legt Donald Glover in einer lakonischen Comedyserie namens "Atlanta" bloß, die Anleihen bei dem sehr persönlichen, melancholischen Humor von Louis CKs "Louie" nimmt. Glover, der in Atlanta aufwuchs, unter der Ägide von Tina Fey für "Saturday Night Live" schrieb und als Childish Gambino auch rappt, nimmt lakonisch die Bruchstellen zwischen der Realität und den Mythen schwarzer Männlichkeit aufs Korn. Glover spielt den jungen Vater Earn, der sich nach dem Abbruch seines Princeton-Studiums mit Mindestlohnjobs über Wasser hält und hofft, als Manager seines Cousins Paper Boi (Bryan Tyree Henry), derzeit Drogendealer und ambitionierter Rapper, den Aufstieg zu schaffen.

Paper Boi kommt zu unverhofftem Ruhm als "neuer Tupac", nachdem in einem Streit zwischen ihm und einem, der ihm den Außenspiegel abgerissen hat, ein Schuss fällt. Kinder spielen "Paper Boi" mit Spielzeugwaffen, und im Fast-Food-Imbiss kriegt er eine besondere Leckerei rübergeschoben, weil man ihn für einen krassen Gangsta hält: "Nicht wie diese ganzen Schwächlinge. Schön, einen zu sehen, der Kerlen auf der Straße die Rübe wegbläst!" Earn sitzt unterdessen noch immer auf der Wache "weil er noch nicht im System ist", so die schön doppeldeutige Begründung. "Atlanta" beschäftigt sich außerdem mit Homophobie, sexueller Identität, Geisteskrankheiten.

Die drei Serien könnten kaum unterschiedlicher sein - aber die Themen wiederholen sich: Das angespannte Verhältnis zwischen der schwarzen Community und den Strafverfolgungsbehörden, der Druck dysfunktionaler Familien, die Tücken des sozialen Aufstiegs, die Verherrlichung von Gewalt als Quelle von Respekt. Von einer Getto-Ästhetik ist dabei keine geprägt, ganz im Gegenteil: Neben enormem erzählerischen Talent kommt ein großes Gespür für eine visuelle Atmosphäre zum Zug, die Authentizität und Heimatgefühl vermittelt.

Die drei Serien markieren einen Wendepunkt im amerikanischen Fernsehen

Natürlich funktionieren "Luke Cage", "Queen Sugar" und "Atlanta" für schwarze und weiße Zuschauer anders, aber sie markieren einen Wendepunkt im amerikanischen Fernsehen. "Luke Cage" mag den Anspruch an eine Superheldensaga nur zögerlich erfüllen, wie manche Kritiker bemängeln. Ava DuVernays "Queen Sugar" scheint hin und wieder allzusehr von Oprah Winfreys Hang zur Gefühligkeit gerahmt zu sein, und Donald Glovers absurder Humor ist womöglich nicht jedermanns Sache.

Aber diese Serien porträtieren afroamerikanische Lebenswelten, Alltagssorgen, Themen. Sie stammen von schwarzen Autoren und kommen mit fast vollständig schwarzer Besetzung daher. Weiße Charaktere sind Nebenfiguren, eine lange überfällige und doch erstaunliche Inversion der Tradition, weißen Fernsehserien mit vereinzelten schwarze Figuren den Anstrich von Vielfalt zu geben. "Diversity" ist hier nicht die Erfüllung einer Pflichtschuld zu größerer ethnischer Vielfalt in der Besetzung, sondern die Abbildung höchst diverser afroamerikanischer Lebenswirklichkeiten.

Man muss an dieser Stelle vielleicht den Hut ziehen vor anderen afroamerikanischen Fernsehmachern, die den Weg hierfür ebneten: Shonda Rhimes, die sich mit komplizierten schwarze Heldinnen wie Annalise Keating (Viola Davis) in "How to Get Away With Murder" oder Olivia Pope (Kerry Washington) in "Scandal" als eine der einflussreichsten Autorinnen im amerikanischen Fernsehen etablierte. Vor Lee Daniels, der mit "Empire" eine rasend erfolgreiche schwarze Hip-Hop-Seifenoper schuf. Vor John Ridley, der mit "American Crime" eine tiefsinnige Anthologie über institutionalisierten Rassismus ins amerikanische Broadcast-Fernsehen bei ABC brachte. Diese Vorarbeit scheint nun in höchst relevantem und erstaunlich diversem afroamerikanischem Fernsehen zu kulminieren - geschaffen von Leuten mit klugen, komischen und nachdenklichen Stimmen, die einiges zu sagen haben.

insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
GSYBE 11.10.2016
1. Luke Cage
Wir sind gerade in der Mitte der ersten Staffel von Luke Cage. Shaft meets Marvel, sehr gelungen gemacht und ohne Hektik erzählt, gefällt uns (meiner Frau und mir) sehr gut.
Bueckstueck 11.10.2016
2. Luke Cage ist sehr unterhaltsam
Habe die 13 Folgen schon durch und muss sagen, dass meine Erwartungen die ich in die Figur nach ihrem Stint in "Jessica Jones" gesetzt hatte, erfüllt wurden. Wie im Artikel schon kurz erwähnt, ist Luke Cage keine Action Serie wo alle 5 Minuten die Fäuste und Gangster fliegen. Im Gegenteil. Episodenweise war es mir fast ein wenig zu ruhig für eine Marvel Show, aber trotzdem fesseln einen die Figuren immer wieder, auch in den zuweilen etwas langatmig ausgedehnten Szenen die den Spannungsbogen reizen sollen. Und ja, ich finds herrlich, dass weisse nur Nebenrollen haben - es fällt einem nämlich gar nicht auf wenn man sich die Folgen anschaut. Und das liegt nicht daran, dass die Serie in Harlem spielt. Alles richtig gemacht! Mehr Action um die Figur Luke Cage wird es dann eh im spin-off "The Defenders" geben, wo er sich mit Jessica Jones, Daredevil und Iron Fist zusammentut um die richtig fiesen Typen zu bekämpfen.
gruenertee 11.10.2016
3.
Naja Luke Cage als afroamerikanischer Held gibt es seit 1972. Ich weiß jetzt nicht ob es "mutig" ist, ihn zu verfilmen. Zumal Netflix sich gerade sein eigenes kleines Marvel Universum aufbaut und Luke Cage ein wichtiger Eckpfeiler ist (Jessica Jones, Daredevil und bald IronFist). Im Kontext von "Black lives matter" ist die einzige Relevanz, dass Luke Cage afroamerikaner ist und Polizisten auf ihn als "Metawesen" schießen. Von der Story her hätte man aber viel mehr auf "Black lives matter" eingehen können.
CaptainSubtext 11.10.2016
4.
Ich habe selten ein Kritik gelesen, die nur so von Pathos triefte und Ignoranz strotze. "Aber diese Serien porträtieren afroamerikanische Lebenswelten, Alltagssorgen, Themen." Eine junge, weiße Frau (unterstelle ich jetzt mal) versichert uns, dass das afroamerikanische Lebenswelten sind. "Weiße Charaktere sind Nebenfiguren, eine lange überfällige und doch erstaunliche Inversion der Tradition, weißen Fernsehserien mit vereinzelten schwarze Figuren den Anstrich von Vielfalt zu geben." In einem Satz zusammengefasst, wie die SJW die Welt sehen. Sie ignorieren schlicht die jüngere Vergangenheit und kreieren sich ihre Weltsicht. Zur Erinnerung: The Jeffersons waren schon vor VIERZIG Jahren im Fernsehen zu sehen. Im Prinzip könnte ich jeden einzelnen Absatz in dem Artikel kritisieren. Diese zwei Sätze waren nur die "Highlights".
Bondurant 11.10.2016
5. Neu?
"Es sind drei Serien, die momentan schaffen, was seit Langem überfällig ist: Die afroamerikanische Lebenswirklichkeit ungeschminkt im Fernsehen abzubilden." Die Autorin scheint "The Wire" nicht zu kennen.
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